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Philosophische Spekulation – Wissenschaft – konkrete Utopie?

Zur Zeitbezogenheit marxistischer Kommunismusvorstellungen

Veranstaltung der Gruppe »Wege aus dem Kapitalismus«

Datum: Freitag, 11. September 2009, 19:00 Uhr, und Seminar am Samstag, 12. September 2009, 10:00 Uhr in Berlin

Ort: Helle Panke, Kopenhagener Str. 76, 10437 Berlin

Der allseits siegende Kapitalismus rüttelt die Gesellschaften in einer Weise durch, dass nicht nur herrschende Neoliberale zu quasi staatssozialistischen Maßnahmen greifen. Auch dem Alltagsbewusstsein und selbst dem gehobenen Feuilleton kommen Zweifel an der Menschenverträglichkeit der herrschenden Produktionsweise. Das Schicksal der sich auf Marx beziehenden antikapitalistischen Bewegungen, die aus Katastrophen heraus zur Weltgeltung aufgestiegen waren, verbietet es nach solchen kommunistischer Alternativen zu streben, die früher vielen Menschen plausibel erschienen.

Im Vortrag und im Seminar geht es um das Eingebundensein kommunistischer Ideen in den jeweiligen Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise, in die praktischen Anforderungen der entsprechenden sozialen Bewegungen und in die vorgefundenen Theorien. Daraus ist zwar unmittelbar keine Antwort auf das „Was tun?“ abzuleiten. Aber eine Diskussion über die frühere Zeitbezogenheiten der Vorstellungen von Wegen aus dem Kapitalismus kann für eine heutige Suche nach Alternativen sehr hilfreich sein.

Freitag, 11. September 2009, 19.00 Uhr, Vortrag von Ulrich Weiß

Zu einigen Zusammenhängen zwischen Entwicklungsphasen der kapitalistischen Produktionsweise, den Existenzbedingungen marxistisch-sozialistischer Bewegungen und historischen Kommunismusvorstellungen

Moderation: Stefan Meretz

Sonnabend, 12. September 2009, 10.00 bis 17.00 Uhr Seminar

Bezogen auf die jeweils historischen Bedingungen und die vorgefundenen theoretischen Voraussetzungen werden Kontinuitäten und Brüche in den Sozialismus- und Kommunismusvorstellungen untersucht.

Seminarleitung: Annette Schlemm und Mathias Spiller

Die Vorstellungen des jungen Marx von einer Gesellschaft der allgemeinmenschlichen Emanzipation blieben in der ganzen Geschichte der sozialistisch-kommunistischen Bewegung Gegenstand der Auseinandersetzung. Im Seminar werden einige seiner frühen Auffassungen und Methoden als Ausgangspunkte herausgearbeitet um dann ihr weiteres Schicksal zu verfolgen und zwar vor dem Hintergrund der realen Existenzbedingungen der auf Marx bezogenen Arbeiterbewegung und seiner späteren Kritiken der Politischen Ökonomie.

Es werden folgende Hypothesen zur Diskussion gestellt:

1. Die tatsächliche Entwicklung des Kapitalismus, der Arbeiterbewegung und des Real-“Sozialismus“ entzog der Bestimmung des Kommunismus als einer schon vorhandenen „wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ die reale Basis.

2. Im heutigen Spätkapitalismus und in neuen sozialen Räumen jedoch sind einige der frühen Marxschen Annahmen tatsächlich auf real Mögliches beziehbar, werden sie zur „konkreten Utopie“ (Bloch).

Karl Marx

1842 – 45

Vom ambitionierten bürgerlichen Demokraten zum Kommunisten – ein spekulatives Hinausdenken über eine noch nicht entfaltete Gesellschaft

1857/58

Ein Revolutionär widerlegt sich selbst. Die Annahme, der ökonomischen Krise folge notwendig die proletarische Revolution, treibt Marx zur Arbeit an den „Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie“. Die dabei gewonnene Erkenntnis, wann eine auf Verwertung gegründete Produktionsweise überhaupt aufhebbar wird, attestiert dagegen dem Kapitalismus noch eine große Zukunft.

1875

Die tatsächlich erstarkende Arbeiterbewegung und die Fassungslosigkeit des Theoretikers. Marx‘ Kritik am Gothaer Programm der Sozialdemokratie – oder der Zwang, der Bewegung Bilder zu bieten.

1892/98

Die Arbeiterbewegung schreitet voran, das (End-)Ziel geht verloren. Kommunismus als Theorie der „Befreiung der gesamten Gesellschaft … ist in abstraktem Sinn richtig, aber in der Praxis meist schlimmer als nutzlos“ (Engels 1892, Bernstein 1898). „Dieses Ziel, … ist mir gar nichts, die Bewegung alles.“

1918/23

Die Praxis der Revolution verschiebt das Ideal. Mangelnde Produktivität, mangelnde Kultur – Lenin weiß um das Dilemma und ändert die „ganze Auffassung vom Sozialismus grundlegend“. Mittel des sozialistischen Fortschritts?: „Die raffinierte Bestialität der bürgerlichen Ausbeutung“ (Taylorsystem) und die „’Fabrik’disziplin … auf die gesamte Gesellschaft“ erstreckt.

1967 ff

Relativ selbstständige Gesellschaftsformation und Real-“Sozialismus“. Die Gültigkeit der Kategorien der (kapitalistischen) Warenproduktion und die Mobilisierung des bürgerlichen Individuums – eine Abkehr vom Kommunismus mit System.

Gegenwart: Die ökonomische Grundlage des Spätkapitalismus wird miserabel – die Möglichkeit des Kommunismus?

Literatur:

Ulrich Weiß, Marx und der mögliche Sozialismus, Utopie kreativ, 17/2000, S.958 – 971 oder http://www.trend.infopartisan.net/trd0499/t090499.html,

Stefan Meretz, Beiträge zur Keimformdiskussion auf http://www.keimform.de/

Weitere Thesen/Texte zum Thema bitte anfordern bei Ulrich Weiß: uli ÄT weiss-und-freunde PUNKT de

Eintritt: 1,50 Euro (Freitag), 5 Euro (incl. Mittag, Samstag)

Anmeldung bitte bei der Hellen Panke

8 Comments

  • […] zu einer Veranstaltung über den historischen Wandel der Vorstellungen vom Kommunismus: »Philosophische Spekulation – Wissenschaft – konkrete Utopie?« Auch Karl Marx, mit dessen Name der Begriff des Kommunismus vor allem verbunden ist, hat zu seinen […]

  • ingolf sagt:

    Nun waren sie so lange schon und immer wieder mal im Gespräch, die Marxschen Kommunismusvorstellungen, wovon ich erwartete, das es ausgehend davon irgendwie doch um Kommunismusvorstellungen ginge, also jene konkreten, die man sich einfach machen und einander darlegen und kritisieren kann.

    So, nun geht’s also nur um die Geschichte von diesen Vorstellungen. Schön. Interessiert mich nicht so brennend, aber ich weiß ja, etwa, worauf Du hinaus willst und Deine These wird im Mittelpunkt stehen. Nehm’ ich’s mit tränendem Auge entgegen, hatte mich auf was anderes vorbereitet. Egal.

    Erwarte ich also Deine These etwa in der Art, dass Kommunismus, dessen Kriterien Du anders setzt als ich, erst jetzt denkbar werden kann, weil die zugehörige Praxis erst jetzt (keimförmig) existiert und die zugehörige materielle, produktive Basis erst jetzt, (zumindest in den reichen Industriestaaten) vorhanden ist / entsteht. Beides, Deine gesetzten Kriterien und die Bedingungen passen natürlich zueinander.

    Nun sehe ich endlich beim herumschmökern in Deinem 99ger Text, dass Du Dich u.a. auf den Marx der „Deutschen Ideologie“ beziehst. Hm ? Statt von Ausbeutung lese ich von „knechtender Arbeitsteilung“ und deren Identität mit Privateigentum (?) Auch ist Marx grad dabei, sich von dem überflüssigen Wort Entfremdung zu verabschieden und mit ihr von der verquasten Denke der Philosophen, proklamiert Wissenschaft und Empirie um im nächsten Satz sich als Raster für seine sprühenden Gedanken doch wieder geschichtsphilosophische Bildern nimmt.
    Das Verständnis für die Gesellschaft als etwas primär Ökonomisches finde ich nicht und alles scheint mir durchsetzt von humanistisch, zivilisatorischer Phrase, wie Du sie auch immer abgelehnt hast. Zumindest Dich versteh ich jetzt besser.

    Was Kommunismus leisten muss, lässt sich jedenfalls (vielleicht nur) ganz anders entwickeln, ohne Umwege, allein, wenn man sich anschaut, was heutige Ökonomie mit falschem Zweck dennoch bereitstellt.

    Als Kriterien für Gesellschaft (nennen wir sie kommunistisch oder nicht) hatte ich Garantie und Universalität genannt, Deine Kriterien, ich habe keine anderen gefunden, müssen offenbar Freiheit, Entfaltung und Emanzipation sein.
    Andere Kriterien – anderes Ergebnis. Wäre nicht ein Streit über die Kriterien angebracht ?

    Meine ergeben sich aus dem, was Ökonomie leisten muss, die ich als die Deinen vermute wären a) ein bürgerlicher Ölgötze b) eine elitäre Beauflagung und c) na ja, etwas, wo man es zwar schön fände, wenn bessere Bedingungen wären, es aber dennoch ein eigener bewusster Akt bleibt.

    Offen bleibt weiter, was denn nun zu tun ist. Nehmen wir an, die Voraussetzungen für … sind jetzt da, entwickeln sich. Schaut man sich das an und freut sich ? Wartet man, bis das Bewusstsein durch die entsprechenden Praxen erst Bedingung gefunden hat ?
    Oder entwickelt man selbst bewusst diskutierbare, später propagierbare Modelle ? Siefkes hat’s gemacht und siehe da, es ließ sich wunderbar drüber streiten. Mehr davon !

    Nach Siefkes hatte ich übrigens einen Text angefangen, den ich just in die Mailrunde werfen wollte, als sie abgeschaltet wurde. Das (vor allem gegen Ende) unfertige, Fragment kann, wer Zeit hat hier nachlesen:
    http://pekoe.de/Keimfrei.htm

    Ingolf

  • […] Audio-Dokumentation der Verstaltung »Philosophische Spekulation – Wissenschaft – konkrete Utopie?« der Gruppe »Wege aus dem Kapitalismus« vom 11./12. September 2009 liegt vor. Sie besteht aus […]

  • […] treffen uns zur Auswertung der Kommunismus-Veranstaltung sowie zur Planung der nächsten Themen […]

  • […] Das könnte lustig werden, gewissermaßen die Fortsetzung der Diskussionen unserer Kommunismus-Veranstaltung: […]

  • […] ist der zweite Punkt interessant, mit dem wir uns auch kürzlich in einer Veranstaltung […]

  • […] September 2009: Philosophische Spekulation – Wissenschaft – konkrete Utopie? (Uli Weiß) und Seminar (Annette Schlemm, Mathias […]

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