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	<title>Wege aus dem Kapitalismus &#187; kapital</title>
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		<title>Marx&#8217; Kritik der politischen Ökonomie und die Linke heute</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 11:06:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>StefanMz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie / Praxis]]></category>
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		<description><![CDATA[So lautet der Titel einer Broschüre in der Reihe »Pankower Vorträge«, die von der »Hellen Panke« herausgegeben wird. In dem 83-seitigen Heft werden Beiträge eines Workshops von 2008 zusammen gefasst. Leider stehen die Texte nicht online zur Verfügung, alles durch Copyright verriegelt. Das Heft kostet 3 Euro, aber wer kommt da schon ran. Um das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So lautet der Titel einer <a href="http://www.helle-panke.de/article/615.marx-kritik-der-politischen-oekonomie-und-die-linke-heute.html">Broschüre</a> in der Reihe »Pankower Vorträge«, die von der <a href="http://wadk.de/helle-panke/">»Hellen Panke«</a> herausgegeben wird. In dem 83-seitigen Heft werden Beiträge eines Workshops von 2008 zusammen gefasst. Leider stehen die Texte nicht online zur Verfügung, alles durch Copyright verriegelt. Das Heft kostet 3 Euro, aber wer kommt da schon ran.</p>
<p>Um das Fazit vorzugreifen: Wer den Heft-Titel ernst nimmt und erhellende neue Einsichten erwartet, wird weitgehend enttäuscht. Manche Überschriften der Beiträge klingen durchaus interessant, aber sie halten dann meist nicht, was sie andeuten. Ich gehe die Artikel mal im Schnelllauf durch. Danach bespreche ich einen Artikel von Michael Brie ausführlicher.</p>
<p><span id="more-314"></span><strong>Frieder Otto Wolf: Marx&#8217; Kritik der politischen Ökonomie sowie Epistemologie und Praxeologie seiner Theorie.</strong> Der philosophische unter den Beiträgen. Ein Plädoyer ausgehend vom »marxschen Durchbruch« im Bereich der Ökonomie zu einer »wirklichen Wissenschaft auf den Feldern von Geschichte und Gesellschaft« zu gelangen. Nur nicht so wie früher im kanonischen ML, sondern durch »konkrete Forschungen«. Gleichzeitig Warnung davor, ein philosophisches System bauen zu wollen wie Hegel es tat.</p>
<p><strong>Sabine Nuss / Anne Steckner: Zur aktuellen Renaissance der Kapital-Lektüre</strong>. Plädoyer für »verschiedene Lesarten« bei der Kapital-Rezeption.</p>
<p><strong>Rolf Hecker: Einige Bemerkungen zu Marx&#8217; Analyse der Produktivkräfte.</strong> Plädoyer, den Begriff des »Gesamtarbeiters« an die Stelle von »Arbeiterklasse« zu setzen, aber sonst alles beim Alten zu lassen.</p>
<p><strong>Rudolf Mondelaers / Wolfgang Hahn: Formelle und reelle Subsumtion &#8211; ein vernachlässigter Ansatz für moderne Kapitalismusanalyse.</strong> Zitat: »Jede Produktionsweise bedarf eines Disziplinarregimes, welches die Produzenten veranlasst, sich so zu verhalten, dass dadurch die gesellschaftliche Reproduktion garantiert wird«. Das ist es wieder, das »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«. Sonst im Artikel der Versuch, den Begriff der »Subsumtion« auf verschiedene Verhältnisse anzuwenden: Kredit, Lohn, Kapital, Konsumtion. Unterordnung unter die abstrakte Logik des Kapitalismus &#8212; die Idee ist nicht schlecht. Am Ende kommt aber nur raus: Grundeinkommen für Alle &#8212; plus Stiefeltritt vom Anfang des Artikels.</p>
<p><strong>Jürgen Leibiger: Stabilisierungspolitik mit Marx?</strong> Marx »für die Entwicklung alternativer Wirtschaftsstrategien heranziehen«. Die Kritik der politischen Ökonomie als affirmative <em>Politische Ökonomie</em> umgedeutet.</p>
<p><strong>Michael Brie: Bildungselemente einer neuen Gesellschaft in Marx&#8217; Kapital. Blendungseffekte im Verhältnis von Kapitalismusanalyse und kommunistischer Prognose.</strong> Der interessanteste Artikel im Heft, deswegen unten ausführlicher behandelt.</p>
<p><strong>Judith Dellheim: Marx&#8217; Kritik der politischen Ökonomie als Bedingung für linke Wirtschaftspolitik heute.</strong> Der explizite Versuch, »Wirtschaftspolitik auf der Basis marxscher politischer Ökonomie« zu entwickeln, die am Ende zur »&#8217;Kunst&#8217; sozialistischer Wirtschaftspolitikerinnen und Wirtschaftspolitiker« erklärt wird. Siehe Leibiger oben.</p>
<p><strong>Izumi Omura: Die Bedeutung der MEGA-Edition des Zweiten Bandes des Kapital. Engels&#8217; Redaktion und Druckfassung (Bände II/12, 13).</strong> Bericht über den Stand der MEGA-Edition.</p>
<p><strong>Christopf Lieber: Marx&#8217; Kritik der politischen Ökonomie &#8211; (noch) Schlüssel für die Ideologie- und Bewusstseinstheorie der Linken heute?</strong> Versuch von der gesellschaftlichen Analyseebene etwas über die »Grundstrukturen des &#8216;ökonomischen Werkelalltags&#8217; der Individuen« zu sagen. Fetischismus bei Marx wird als Bewusstseinsanalyse missverstanden. Marx habe mit dem Fetischismus »den Brückenschlag von Alltagsreligion und Handlungsmotivation ökonomiekritisch eingeholt«. Die Krise der neoliberalen Ideologie sei die Chance, dass die »gesellschaftlichen Träger der lebendigen Arbeit die verselbständigten Verhältnisse und die Resultate des Produktionsprozesses als ihre &#8216;eigenen&#8217; Produkte &#8216;erkennen&#8217;«.</p>
<p><strong>Günter Krause: Marx&#8217; Konzept der Vulgärökonomie &#8211; verwendbar für die Linke heute?</strong> Eine rhetorische Frage zur Rechtfertigung vulgärökonomisch basierter sozialistischer Wirtschaftspolitik &#8212; natürlich das alles ganz »kritisch« und so.</p>
<p><strong>Michael R. Krätke: Kritische Ökonomie und Kritik der politischen Ökonomie heute.</strong> Kritik der politischen Ökonomie hier als Wissenschaftstheorie verstanden. Die »Neue Marx-Lektüre« wird gebasht, sie leiste »weniger als nichts«, alles olle Kamellen, so der Autor. Was bleibt ist der Aufruf, den Autor bei der Kritik anderer bürgerlicher Ansätze »politischer Ökonomie« zu unterstützen, die heute die einzig (wissenschafts-)relevanten seien.</p>
<p>Nun noch mal zurück zu <strong>Michael Brie</strong>. Er setzt sich drei Ziele, erstens die Veraussetzungen »kapitalismusüberwindender Politik« abzuleiten, zweitens auf Marx&#8217; »drei aufeinander bezogene Vorstellungen von Sozialismus/Kommunismus« hinzuweisen, drittens die »Elemente einer pluralen nachkapitalistischen Entwicklungsweise moderner Gesellschaften« zu skizzieren. In unserem Diskussionszusammenhang ist der zweite Punkt interessant, mit dem wir uns auch kürzlich in einer <a href="http://wadk.de/2009/philosophische-spekulation-wissenschaft-konkrete-utopie/">Veranstaltung</a> beschäftigten.</p>
<p>Brie bringt &#8212; das ist selten anzutreffen &#8212; die »Herstellung des Gemeineigentums an den Produktionsmittel und die Umwälzung der technologischen Produktionsweise und Subjektivität bis hin zum Primat freier kultureller Entwicklung« (44) miteinander in Verbindung. Brie »erscheint die Selbstverwaltung der Produzenten als notwendige Voraussetzung dieser neuen Kulturgesellschaft, die zugleich den Zyklus der Entwicklung von der naturwüchsig bornierten gemeinschaftlichen Produktion über die Produktion des abstrakten Reichtums in der kapitalistischen Warenproduktion hin zu einer freien Gesellschaftlichkeit abschließt« (46) &#8212; und formuliert dann drei »offene Fragen«.</p>
<p><strong>Erste Frage</strong> ist die nach der Rolle »institutioneller Vermittlung«. Brie behauptet:</p>
<blockquote><p><em>Sein [Marx'] Anspruch, die kapitalistischen Formen der Vermittlung gesellschaftlicher Widersprüche revolutionär zu beseitigen, gerät zur Forderung, jede Vermittlung gesellschaftlicher Widersprüche überhaupt überflüssig zu machen. Dies ist aber nur möglich, wenn Individuelles und Gesellschaftliches unmittelbar in eins fallen. Seine Utopie kommunistischer Unmittelbarkeit verwandelt sich aber zu Ende gedacht in die Illusion eines Zustandes der Widerspruchsfreiheit und Vermittlungslosigkeit. Aus der radikalen Kritik der Gesellschaft wird die radikale Negation des Denkens von Gesellschaft.</em> (47)</p></blockquote>
<p>Ist das pure Denunziation der Marxschen Gedanken? Nein, leider ist es so, dass die kurzschlüssigen Sprünge, die Brie hier vorführt, nur zu oft tatsächlich genau so (falsch) gedacht werden. In Spiegelstrichen:</p>
<ul>
<li>Es geht (Marx) nicht darum, gesellschaftliche Widersprüche zu beseitigen, schon gar nicht alle und auch nicht per Revolution. Sondern es geht darum, sie aufzuheben in der dreifachen Bedeutung von abschaffen, bewahren und erheben. Aufheben bedeutet aber notwendig, andere Formen der Vermittlung zu konstituieren und nicht keine.</li>
<li>Individuelles und Gesellschaftliches fallen immer in eins und tun es gleichzeitig nicht. Es handelt sich also nicht um den (Pol-Potianischen) Sonderfall, sondern es ist immer so, dass der gesellschaftliche Mensch in der menschlichen Gesellschaft lebt. Das ist die Seite der Identität. Die Seite der Nicht-Identität ist die schlichte Tatsache, dass der individuelle Mensch nicht in der Gesellschaft aufgeht, sondern ihr immer auch unabhängig gegenüber steht. Wäre das nicht so, wären Gesellschaft und Individuum nicht relativ unabhängig voneinander, dann wäre eine Gesellschaft mit mehr Individuen auch »mehr Gesellschaft« und umgekehrt.</li>
<li>Werden die beiden Seiten &#8212; Identität und Nicht-Identität &#8212; gleichzeitig gedacht, dann gewinnt die wesentliche Frage an Bedeutung, wie die Bewegungsformen dieser Momente beschaffen sind. Darauf richtete sich Marx&#8217; Interesse, zunächst analytisch auf den Kapitalismus, dann &#8212; allerdings kaum ausführt &#8212; prospektiv auf den <a href="http://wadk.de/2009/philosophische-spekulation-wissenschaft-konkrete-utopie/">Kommunismus</a>.</li>
<li>Die Rede von der kommunistischen Unmittelbarkeit ist mithin Quatsch, genau wie die vom Zustand der Widerspruchsfreiheit und Vermittlungslosigkeit. Das will Brie auch sagen, nur aus anderen Gründen. Das wird später klar.</li>
<li>Der Schlusssatz ist völlig richtig, und Brie führt hier anschaulich vor, warum es für das Denken Emanzipation so entscheidend ist, den <em>gesellschaftlichen Menschen</em> und die <em>menschliche Gesellschaft</em> in den Begriff zu bekommen: Es ist <strong>ein</strong> Begriff mit Individuum und Gesellschaft als den beiden Momenten.</li>
</ul>
<p>Für Brie ist Kommunismus ein Widerspruch in sich und also nicht machbar:</p>
<blockquote><p><em>Der reife Kommunismus wäre ein gesellschaftsloser Zustand. Er kann nicht gedacht, geschweige denn realisiert werden.</em> (48)</p></blockquote>
<p>Stattdessen solle an »moderner Gesellschaft« geschraubt werden, denn mehr ist nicht drin:</p>
<blockquote><p><em>Das von Marx als nicht radikal verworfene und in seinen Augen bloße illusorische Projekt einer nicht-kapitalistischen Ausrichtung der Vergesellschaftungsformen und Institutionen moderner Gesellschaft muss neu aufgenommen werden.</em> (48)</p></blockquote>
<p>Es ist lustig, dass hier das (Marxsche) Ziel, »nicht-kapitalistische &#8230; Vergesellschaftungsformen« zu schaffen (denn nichts anderes bedeutet Aufhebung), hier für sein Gegenteil in Anspruch genommen wird.</p>
<p><strong>Zweite Frage</strong> ist die nach der Entwicklungsdynamik jeder (also auch kommunistischer) Gesellschaft. Brie:</p>
<blockquote><p><em>Jede &#8230; feste Bindung von Produzenten an stoffliche konkrete Produktionsmittel &#8230; würde nur zu einer &#8230; stagnativen Produktionsweise führen. Die unmittelbare Einheit von Produzent und Eigentümer ist auch in seiner gesellschaftlichen Form zwangsläufig in Stillstand gemündet.</em> (48)</p></blockquote>
<p>Damit ist der Realsozialismus gemeint. Weiter apodiktisch:</p>
<blockquote><p><em>In kapitalistischer Form wurde ein Innovationsmotor geschaffen, den keine gegenwärtige oder zukünftige Gesellschaft bei Strafe ihrer Rückentwicklung und ihres Untergangs wieder aufgeben kann: Es sind Unternehmen, die auf Basis von Krediten Ressourcen neu kombinieren und unter den Vorgaben von Effizienz und Innovativität im Wettbewerb zueinander stehen.</em> (48)</p></blockquote>
<p>Weiter:</p>
<blockquote><p><em>Marxens Antikapitalismus ist sozialwissenschaftlich blind für die institutionellen Grundlagen der Dialektik von Produktivität und Ausbeutung kapitalistischer Gesellschaftten. Er weigert sich, die Möglichkeit einer zumindest analytischen Unterscheidung der Institutionen, soweit sie Produktivität und Innovation ermöglichen und soweit sie Ausbeutung, Unterdrückung und Verelendung hervorbringen, auch nur zu denken. (vgl. dazu seine Kritik an Proudon in Marx 1974a ["Das Elend der Philosophie"], 131ff.). Die Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung wurde unbewusst als ersatzlose Beseitigung der Institutionen innovativer Entwicklung konzipiert, weil &#8230; Institutionen für ihn der Ausdruck von Entfremdung und Herrschaft sind.</em> (49)</p></blockquote>
<p>Wieder spiegelstrichartig dazu:</p>
<ul>
<li>Für Brie ist »die ständige erneute Trennung des konkreten Verhältnisses von Produzent und Produktionsmitteln« (48) die Voraussetzung von Innovation. Die ausführliche Begründung kenne ich nicht, spontan erscheint mir die Voraussetzung als abstrakte Forderung absurd. Sie ist Ausdruck der Entfremdungslogik, in der es sich bitte keiner gemütlich machen solle, sondern permament unter dem Zwang steht, nicht nur zu arbeiten (zum Arbeitsterror siehe Rudolf Mondelaers / Wolfgang Hahn oben), sondern auch permanent »innovativ« zu sein nach dem Motto: »Wer nicht innovativ ist, soll auch nicht essen«.</li>
<li>Dass diese Form der entfremdeten »Innovativität« dem Realsozialismus weitgehend fremd war, und dass er deswegen im Konkurrenzkampf der Subsysteme unterlag, ist &#8212; obgleich keine grundsätzliche Alternative darstellend &#8212; auch im Nachhinein zu würdigen. Brie benennt dabei »Effizienz und Innovativität« explizit als »Vorgaben«, ist sich also klar darüber, dass dieser abstrakte Effizienzmechanismus inhaltsleer ist und ggf. auch »effizient« über Leichen geht.</li>
<li>Das plötzlich auftauchende Wort der »Institutionen« verschleiert den wirklichen Zusammenhang, um den es hier geht und der die abstrakte »Effizienz und Innovativität« hervorbringt: Die Selbstverwertung des Werts. Die Institutionen sind bekannt: Es sind die durchaus unterschiedlichen »Unternehmensformen« vom Konzern bis zur Ich-AG. Brie zielt jedoch auf etwas anders: Er will hier die Rolle der Politik einschleusen, die &#8212; so hofft er &#8212; »Dialektik von Produktivität und Ausbeutung« auf schmalem Grad tanzend bewältigt.</li>
<li>Marx hingegen wollte sich auf so etwas nicht einlassen &#8212; das stimmt &#8212; und schließt daraus, Marx habe die Aufhebung (sic!) »unbewusst als ersatzlose Beseitigung der Institutionen innovativer Entwicklung konzipiert«. Das ist Quark, siehe oben. Ebenso die Unterstellung, »Institutionen [seien] für ihn der Ausdruck von Entfremdung und Herrschaft« &#8212; tatsächlich waren es die Ware und ihre abgeleiteten Formen (Geld, Kapital), siehe die Fetischabschnitte.</li>
</ul>
<p><strong>Dritte Frage</strong> ist die nach der »Pluralität einer neuen Gesellschaftsordnung«. Zunächst beschreibt Brie die »Vision« von Marx sehr klar, wonach</p>
<blockquote><p><em>&#8230;die freie Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums &#8230;zum Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums werden [müsse]</em> (50)</p></blockquote>
<p>und verweist auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grundrisse_der_Kritik_der_politischen_%C3%96konomie">»Grundrisse«</a>, dessen Vorausahnungen er im Internet bestätigt sieht:</p>
<blockquote><p><em>Die Despotie der Fabrik wird immer stärker durch den Zwang zur freien Zusammenarbeit überlagert. Selbstbestimmte Nutzung und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Kooperationsformen einerseits und allgemeine Zugänglichkeit dieses gesellschaftlichen Potenzials als globaler virtueller Intellekt in Web 1.0 und 2.0 werden zu technologischen Imperativen weiteren Fortschritts.</em> (50)</p></blockquote>
<p>Mal abgesehen von der Fortschrittsgläubigkeit, die nicht wirklich zu den tatsächlichen ökologischen und sozialen Verheerungen des Kapitalismus passt, ist das eine realistische Einschätzung. Was folgt für Brie daraus?</p>
<blockquote><p><em>Die Antwort darauf ist aber nicht der Übergang zu einer einzigen Produktionsform und zu einem einzigen dominierenden Eigentumstyp, sondern der Kampf zwischen den Versuchen, auch diese neuen Möglichkeiten privatkapitalistischer Aneignung und Profitmaximierung zu unterwerfen, und den ungeheuer vielfältigen Bestrebungen, die den neuen Möglichkeiten freier Selbstentwicklung und solidarischer Kooperation entsprechend zu gestalten. Diese zielen auf eine </em>solidarische Wirtschaft pluraler Produktions- und Eigentumsformen. (50)</p></blockquote>
<p>Nach einer zutreffenden Beschreibung ist der Sprung in einen pluralen Kapitalismus (da dieser genuin »plural« ist, ist die adjektive Ergänzung nur Wortgeklingel) enttäuschend. Er stellt die »Vision« der »Grundrisse« geradezu auf den Kopf. Gleichwohl werden die »neuen Möglichkeiten freier Selbstentwicklung« beachtet. Doch anstatt diese in ihrer aufhebenden Potenz weiter zu denken, werden sie nur wieder in das alte Verwertungsschema »plural« eingebettet. Ein Denk-Hinderungsgrund ist dabei sicher die alte Art und Weise die »Eigentumsfrage« zu dichotomisieren: privat vs. staatlich. Dass sich etwa die commonsbasierte Peer-Produktion wie etwa die Freie Software diesen Schemata entzieht, liegt außerhalb des Bekannten und Denkbaren.</p>
<p>Pathetisch wirbt Brie für seinen pluralen Kapitalismus und nimmt dafür auch die Zapatistas in Beschlag:</p>
<blockquote><p><em>Anstelle des kommunistischen Hochmuts eines neuen Turms zu Babel sollte das Bemühen treten, die Erde in einen Garten zu verwandeln, der Platz bietet für die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens. An die Stelle der Suche nach </em>einer<em> Eigentumsform, </em>einer<em> Produktionsweise, </em>einer<em> Lebensweise und </em>einer<em> Gestalt von Demokratie muss das Streben für eine neue Vielfalt treten, denn  ansonsten &#8220;wird uns die neue Welt quadratisch geraten und sich nicht drehen und bewegen&#8221; (EZLN 1994)</em> (50)</p></blockquote>
<p>Brie versteht es, eine sympathisch-moderne Sprache zu sprechen &#8212; leider doch nur für die alten Inhalte. Aber die Ironie der Geschichte könnte darin bestehen, dass ein »in Politik umgesetzter Brie« den neuen Formen der »commonsbasierten Produktion« tatsächlich mehr Raum verschafft als dies bisher möglich ist. Wenn schon Politik, dann ist das das Sinnvolle, was die LINKE leisten kann.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Mit der gesellschaftlichen Vermittlung, der Entwicklungsdynamik und neuer Produktionsformen stellt Brie die richtigen Fragen, Fragen zu denen andere LINKE (ich meine die Partei und ihr Umfeld) sonst in der Regel nicht vorstoßen. Die Antworten sind gleichwohl wieder völlig parteikompatibel. Um dies zu erreichen, behandelt er Marx nicht als Säulenheiligen (auch das ist erfrischend), sondern widerspricht ihm explizit &#8212; leider nur in einer Kapitalismus affirmativen Richtung.</p>
<p>Er unterstellt Marx sich zu weigern das Problem gesellschaftlicher Vermittlung zu denken, um dann zu erklären, man könne sie nur wie in einer »modernen Gesellschaft« (aka: Kapitalismus) denken. Er fordert eine abstrakte Effizienz- und Innovationslogik ein und stellt fest, dass es sie nur im Kapitalismus gibt. Dass genau diese Logik »die Erde und den Arbeiter« (K. Marx, Das Kapital, S. 530) untergräbt, ist wohl Schicksal, oder eben durch »Politik« zu korrigieren.</p>
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		<title>Die Logik im »Kapital«</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Oct 2009 08:07:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wak</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im nächsten Jahr wollen wir eine Veranstaltung zur logischen Struktur des »Kapital« organisieren und suchen dafür noch geeignete Literaturhinweise. Tipps bitte als Kommentare eintragen. Wir treffen dazu am: Mittwoch, 21. Oktober 2009, 18:00, Helle Panke]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im nächsten Jahr wollen wir eine Veranstaltung zur logischen Struktur des »Kapital« organisieren und suchen dafür noch geeignete Literaturhinweise. Tipps bitte als Kommentare eintragen.</p>
<p>Wir treffen dazu am:</p>
<p>Mittwoch, 21. Oktober 2009, 18:00, <a href="http://wadk.de/helle-panke/">Helle Panke</a></p>
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		<title>Der frühe Marx zu Weltbildung des Kapitals – Logisches und Historisches</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jul 2009 21:49:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>UliW</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitskritik]]></category>
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		<description><![CDATA[In den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Marx habe ich folgende Darstellung der logischen Entwicklung des Verhältnisses Kapital und Arbeit gefunden und daran einige Überlegungen geknüpft. Die berühren direkt sowohl unser letztes Hegel-Seminar (Begriffslogik) als auch das Kommunismus-Seminar und das folgende zu den Logiken von Hegel und Marx und eben die letzte Diskussion zu „Keimform wovon?“ Beste [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Marx habe ich folgende Darstellung der logischen Entwicklung des Verhältnisses Kapital und Arbeit gefunden und daran einige Überlegungen geknüpft. Die berühren direkt sowohl unser letztes Hegel-Seminar (Begriffslogik) als auch das <a href="http://wadk.de/2009/philosophische-spekulation-wissenschaft-konkrete-utopie/">Kommunismus-Seminar</a> und das folgende zu den Logiken von Hegel und Marx und eben die letzte Diskussion zu <a href="http://wadk.de/2009/keimform-wovon/">„Keimform wovon?“</a></p>
<p>Beste Grüße Uli</p>
<p><span id="more-274"></span>Marx:</p>
<blockquote><p>„ &#8230; das noch unvollendete Kapital &#8230; muß im Laufe seiner Weltbildung zu seinem abstrakten, d.h. reinen Ausdruck gelangen. -<br />
Das Verhältnis des Privateigentums ist Arbeit, Kapital und die Beziehung beider. Die Bewegung, die diese Glieder zu durchlaufen haben, sind:<br />
Erstens – unmittelbare oder vermittelte Einheit beider.<br />
Kapital und Arbeit erst noch vereint; dann zwar getrennt und entfremdet, aber sich wechselseitig als positive Bedingungen hebend und fordernd.<br />
[Zweitens -]Gegensatz beider. Schließen sich wechselseitig aus; der Arbeiter weiß den Kapitalisten und umgekehrt als sein Nichtdasein; jeder sucht dem andren sein Dasein zu entreißen.<br />
[Drittens -]Gegensatz jedes gegen sich selbst. Kapital = aufgehäufter Arbeit = Arbeit. Als solche zerfallend in sich und seine Zinsen, wie diese wieder in Zinsen und Gewinn. Restlose Aufopferung des Kapitalisten. Er fällt in die Arbeiterklasse, wie der Arbeiter &#8211; aber nur ausnahmsweise &#8211; Kapitalist wird. Arbeit als Moment des Kapitals, seine Kosten. Also der Arbeitslohn ein Opfer des Kapitals.<br />
Arbeit zerfallen in sich und den Arbeitslohn. Arbeiter selbst ein Kapital, eine Ware.<br />
Feindlicher wechselseitiger Gegensatz.“ [1]</p></blockquote>
<p><strong>Logische Entwicklung des Verhältnisses Kapital und Arbeit</strong></p>
<p>Marx stellt hier eine logische Entwicklung des Verhältnisses Kapital – Arbeit dar. Leider führt er diesen Entwurf nicht weiter aus. Dem mit der Hegelschen Logik Vertrauten ist aber klar, dass es hier nicht um die Darstellung einer historischen Entwicklung geht, sondern um eine kategoriale Rekonstruktion der Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit. Es ist in der kapitalistischen Wirklichkeit auch nicht so, dass etwa eine der drei genannten Bestimmungen des Verhältnisses Kapital-Arbeit die anderen beiden ausschließt. Schon aus diesem Grunde kann die tatsächliche historische Entwicklung des Grundgegensatzes der kapitalistischen Produktionsweise nicht im direkten Zugriff entlang einer solchen logischen Entwicklung Hegel-/Marxscher Kategorien dargestellt werden. Wir finden vielmehr auf jeder Stufe ihrer historischen Entwicklung sowohl die unmittelbare oder vermittelte Einheit von Kapital und Arbeit (o.g. erste Entwicklung) als auch deren wechselseitiges Ausschließen (tödlicher Gegensatz) sowie die Tatsache, dass jede Seite den Gegensatz zur anderen in sich selbst entwickelt (drittens).</p>
<p>Die einstige revolutionäre Sozialdemokratie und später die Parteien der kommunistischen Internationale bzw. der reale Sozialismus sind in ihrem Selbstverständnis von der sogenannten antagonistische Beziehung zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie ausgegangen. Sie haben sich also eher auf den zweiten Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit als auf die anderen beiden bezogen und für sich – zumindest in der Theorie – die beiden anderen Bestimmungen ausgeschlossen. Beide Seiten verstanden sie sozusagen als ein festgeronnenes Ausschließen des anderen. „Feuer oder Wasser“. Entweder-Oder. So fasste etwa E. Honecker den sogenannten Klassenstandpunkt. [2] So schilderte es J. Reed in seinem Revolutionsbericht von 1917. [3] Ein Ineinanderübergehen beider Seiten konnte von diesem Standpunkt aus höchstens verstanden werden als etwas der eigenen Klasse bloß Äußerliches, ihre inneren Bestimmungen überhaupt nicht Berührendes, als Deklassierung oder Verrat einzelner Individuen. So standen sich in der Logik der zweiten Bestimmung und unter Ausschließung der anderen tatsächlich in einer ausschließenden und fast tödlichen  Weise zwei Weltsysteme gegenüber.</p>
<p>Und doch bestand auch in diesen schärfsten Konfrontationen die „Einheit beider“ im Sinne der ersten wie der dritten Bestimmung („Gegensatz jedes gegen sich selbst“). Auch die letztere Bestimmung war in jener Zeit eine treffende Beschreibung des Verhältnisses Kapitalismus/Sozialismus, Kapital/Arbeit und der jeweiligen inneren Entwicklung beider Seiten. Es gab nicht nur Handels-, wissenschaftliche, politische und persönliche Beziehungen zwischen den „Systemen“ sondern auch kalte oder sogar heiße Kriege, die diese Einheit der Gegensätze „vermittelten“. Die Konvergenztheorie [4] der 1960er Jahre drückte auf ihre Weise eine Anerkennung dieser Einheit beider aus. Der Marxismus-Leninismus reagierte mit ideologischen Kampagnen gegen diese Theorie, die in keiner Weise in die Feuer-Wasser-Bestimmungen passte. Sie behauptete ein zukünftig unumgängliches Ineinanderaufgehen der beiden Systeme und brachte damit eine tatsächliche Entwicklung zum Ausdruck. Dies geschah allerdings unbegriffen, da diese Entwicklung ohne Verständnis für die sozialökonomischen Formen als Wirkung einer technischen Entwicklung an sich angesehen wurde, der damals beginnenden wissenschaftlich-technischen Revolution. [5]</p>
<p>Der heutige historische Standort macht die Gleichzeitigkeiten der drei o.g. Bestimmungen im Verhältnis Kapital/Arbeit leichter erkennbar, damit eben auch die (wachsende) Gültigkeit der o.g. dritten Bestimmung. Die schärfste Systemkonfrontation ist inzwischen aufgehoben und zwar auf eine friedliche Weise, die weder Freund noch Feind für möglich gehalten hatten. Der historisch-zivilisatorische Sinn der besonderen östlichen (nachholenden) Variante der bürgerlich-kapitalistischen Form von Vergesellschaftung, die fast allgemein als der totale Gegensatz zum Westen (miss-)verstanden wurde, hatte sich im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts erfüllt. Der Zusammenbruch des Ostens ist Ausdruck und Katalysator einer tiefen Krise, in die die kapitalistische Formation insgesamt geraten ist. Es ist heute auch in der Utopie nicht mehr vorstellbar, dass eine Alternative zum Ganzen dadurch etabliert werden könnte, dass einer der Seiten des Verhältnisses Kapital und Arbeit „dem andren sein Dasein zu entreißen“ sucht, das Proletariat der Bourgeoisie etwa die Produktionsmittel.</p>
<p>Die großen proletarischen Klassenkampforganisationen können immer weniger eine relativ eigenständige Lebenswelt konstituieren, die in weitgehend ausschließender Gegensätzlichkeit zu der der Unternehmerschaft steht und die sich als ein potentieller gesellschaftlicher Gegenentwurf verstehen kann. In den Metropolen sind sie immer mehr gezwungen, in defensiven Kämpfen um die Bewahrung von Interessen ihrer schwindenden Mitgliedschaft Co-Management zu betreiben, also in ihrem Klientel selbst die traditionellen Funktionen des Kapitals zur Geltung zu bringen. Diese Kämpfe können auch immer weniger für sich in Anspruch nehmen, dem allgemeinen zivilisatorischen Fortschritt zu dienen. Das Ringen etwa um die Bewahrung von gewaltigen Überkapazitäten im Automobilbau, um die Weiterführung von ökologisch verheerenden Produktionen, um den Erhalt von Lohnarbeit überhaupt, all das ist wie die kapitalistische Produktionsweise insgesamt inzwischen als Bedrohung der menschlichen Zivilisation zu begreifen. Die proletarischen Organisationen, sofern sie noch eine gesellschaftliche Macht darstellen, werden so zu Instrumenten zur Durchsetzung oder Bewahrung von solchen Sonderinteressen, die einer allgemeinmenschlichen Emanzipation zunehmend entgegenstehen. Damit wächst der Zwang aber auch die Möglichkeit jenseits der Hoffnung auf die proletarische Revolution nach Alternativen sowohl zum (westlichen) Kapitalismus als auch zum einstigen „Sozialismus“ zu suchen.</p>
<p>Es ist heute leichter als in den Zeiten der schärfsten Klassen- und Systemkonfrontationen zu verstehen, dass immer schon in der Geschichte der kapitalistischen (und real-“sozialistischen“) Produktionsweise jede Seite nicht nur der ausschließende Gegensatz des anderen war, sondern auch die Bestimmungen das anderen in sich reproduzierte – das was im anderen bekämpft wurde. So reproduzierten sich – hier auf staatskapitalistische Art – im Osten Klassen- und Monopolverhältnisse, eine so genannte „sozialistische“ Warenproduktion gemäß den Kategorien der Marxschen Kritik der (kapitalistischen) Politischen Ökonomie, die in enger Anlehnung daran in der positiv gemeinsten sogenannten Politischen Ökonomie des Sozialismus Anwendung fand (in der Volks- und Betriebswirtschaftslehre und im allgemeinen ML-Unterricht). Obgleich die Reproduktion von Verhältnissen stattfand, die zu überschreiten der „Sozialismus“ im ursprünglichen Selbstverständnis eigentlich angetreten war, obwohl damit kein Schritt auf die angenommene kommunistische Zukunft hin unternommen wurde, ist diese „Abweichung“ nicht primär zu begreifen als Ausdruck einer fehlerhaften Politik der führenden Parteien, falscher Theorien usw., sondern als eine, den gegebenen Möglichkeiten durchaus adäquate Form einer gesellschaftlichen Entwicklung, die notwendigerweise innerhalb der Grenzen der industriellen Warenproduktion verbleiben musste. Der Fehler vielmehr bestand in der Selbstbezeichnung „Sozialismus“ bzw. „Kommunismus“.</p>
<p>Der Westen entwickelte seinerseits etwa mit dem New Deal, dessen Akteure wiederholt der Einführung des Kommunismus bezichtigt wurden, sowie mit der späteren sogenannten sozialen Marktwirtschaft eine enorme und lange Zeit unverzichtbare Ausweitung der sozialen Funktionen des Staates, planwirtschaftliche Elemente, die ansonsten zur Denunziation des Ostens genutzt wurden.</p>
<p>Das muss hier als Einwand genügen gegen eine umstandslose Lesart der Marxschen logischen Entwicklung des Verhältnisses Kapital und Arbeit als eine Beschreibung eines realen Geschichtsprozesses.</p>
<p><strong>Historische Entwicklung des Verhältnisses Kapital – Arbeit</strong></p>
<p>Dies vorausgesetzt kann man mit dem Blick etwa auf Marx&#8217; spätere Arbeiten [6], auf die sehr unterschiedlichen Rezeptionen der Marxschen Theorie etwa bei Bernstein und Lenin [7], und vor allem auf die tatsächliche historische Entwicklung des innerkapitalistischen Klassenkampfes Kapital – Arbeit auch sagen:<br />
In der logischen Entfaltung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit, in der kategorialen Entwicklung des „unvollendeten Kapitals“ zu „seiner Weltbildung“, kann man im globalen Sinne auch eine Antizipation zeitlich aufeinander folgende Entwicklungsphasen des Verhältnisses Kapital-Arbeit erkennen und zwar im Sinne einer Dominanz über die jeweils anderen, ebenfalls gültigen Bestimmungen.</p>
<p>So wurde von den Generationen seit Marx&#8217; Zeiten bis in jüngere Geschichte hinein der „Gegensatz beider“, Kapital und Arbeit schließen sich wechselseitig aus &#8230; jeder sucht dem andren sein Dasein zu entreißen“, also die zweite Bestimmung der oben zitierter Marxscher Entwicklung, als dominierende Wirklichkeit erlebt. Diese Bestimmung kann gelesen werden eben als eine konzentrierte Zusammenfassung des Selbstverständnisses und der versuchten Praxis der einst revolutionären Sozialdemokratie und der kommunistischen Internationale bzw. des realen „Sozialismus“. Diese Vorstellungen waren in  dieser Zeit unverzichtbare Voraussetzungen für die große Wirksamkeit der proletarischen Bewegung und dieser Institutionen. „Übersetzt“ man diese logische Entwicklung von Marx im Sinne der Hervorhebung der historisch jeweils dominierenden Tendenz so kann man heute auch die dritte Bestimmung als eine theoretische Vorwegnahme sich immer mehr zur Geltung bringender Entwicklungen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise verstehen: „Feindlicher wechselseitiger Gegensatz“, allerdings ein „Gegensatz jedes gegen sich selbst.“ „Arbeit als Moment des Kapitals, &#8230; Arbeiter selbst ein Kapital.“ [8]</p>
<p>Die soganannten Ich-AGs, die Unmengen von Menschen in prekären Selbständigkeiten aber auch durchaus besser situierte freischaffende Projektentwickler, die ihre gesamte Existenz im Sinne der Verwertbarkeit ihres gesamten Lebens beständig neu entwerfen müssen, aber auch die neuen Anforderungen an Teams innerhalb der kapitalistischen Großproduktion, die sich innerhalb der Abeitsteilung selbst als Profitcenter, als quasi eigenständige Unternehmen, zu behaupten haben – all das soll hier symbolisch stehen für diesen heute immer wirklicher werdenden Prozess, in dem die unmittelbaren Produzenten massenhaft auch solche Funktionen in sich hineinnehmen, die früher entschieden mehr an Unternehmer selbst bzw. an ihre Manager gebundene waren bzw. die in Form der großen Maschinerie eben als Maschine das Kapitalverhältnis direkt gegenüber etwa den Fließbandarbeitern zur Geltung brachte (Marx handelt dies später ab unter der Kategorie reelle Subsumtion). In diesen neueren Entwicklungsformen des Verhältnisses Kapital/Arbeit „wandert“ der Gegensatz noch entschieden mehr als in den früheren Formen und direkt in die agierenden Individuen hinein: „jedes gegen sich selbst“. In der Ich-AG rebelliert der Proletarier in mir gegen mich selbst, der ich in eigener Verantwortung mich als mich selbst verwertender Wert dressieren muss. Meine menschlichen Bedürfnisse rebellieren gegen beide, gegen den kapitalistischen Entwerfer, Dirigenten, Kontrolleur, Antreiber, zu dem ich mir selbst gegenüber geworden bin, und gegen den proletarischen Arbeiter in mir, der im Interesse seiner Existenz gegen jene Zumutungen Widerstand leistet, die meine Existenz als eine sich selbst unternehmende Ware Arbeitskraft sichert. Ein Dilemma, das nicht im Widerstand gegen andere Menschengruppen, die Bourgeoisie etwa, oder noch begriffloser eng gefasst, gegen die sogenannten Heuschrecken, aufgelöst oder in den Folgen gedämpft werden kann, nicht einmal mehr vorübergehend. Dies ist eine  Gegensätzlichkeit, eine innere Zerrissenheit, aus der keine noch so große Klassenorganisation heraus helfen kann, kein Sozialstaat, auch kein proletarischer, sondern nur eines: die völlige Aufhebung von Kapital und Arbeit selbst, von Warenproduktion, und zwar durch eine solche soziale Form von Produktions- und Lebensweise, die nicht über Wert und Staat vermittelt ist.</p>
<p>Seitdem sich die kapitalistischen Produktionsweise auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt war diese o.g. Marxsche dritte Bestimmung immer schon vorhanden. Aber in der heutigen postfordistischen Phase wird sie zur dominierenden Erscheinung des Verhältnisses Kapital-Arbeit. Dies legt ganz andere Vorstellungen von einer nichtkapitalistischen Gesellschaft nahe als dies möglich war in den Zeiten der großen Klassen- und Systemkämpfe, in denen sich die Gegensätzlichkeit von Kapital und Arbeit als tödliche Feindschaft sich äußerlich gegenüberstehenden großer Menschengruppen und Staaten darstellte. Die Konstitution der neuen Gesellschaft war da massenhaft nur vorstellbar als Sieg der einen Seite über die angeblich ganz andere, mit der man nichts gemein hatte, der man etwa die Produktionsmittel, den Staat, die Herrschaft über die ideologischen Institutionen, also „sein Dasein zu entreißen“ hatte.</p>
<p>In der dritten Bestimmung der Marxschen logischen Entwicklung des Verhältnisses Kapital-Arbeit und eben angesichts heutiger realer Entwicklungen eröffnen sich theoretisch und praktisch ganz andere Wege aus dem Kapitalismus als dem früher geschichtsmächtigen Arbeiterbewegungsmarxismus der zweiten und dritten Internationalen oder aus der Sicht großer gewerkschaftlicher Kämpfe.</p>
<p>Die möglichen Momente einer solchen neuen Vergesellschaftung, deren Voraussetzungen in der jetzigen entstehen, können nur in solchen sozialen Räumen und Bewegungen ihre eigene neue Logik entwickeln, die von vornherein jenseits der Grundstrukturen der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise agieren, jenseits der Vermittlung durch Wert, Staat, Ideologie, durch solche, die in ihren keimförmigen Existenzen bereits die Auflösung genau dieser Grundstrukturen sind.</p>
<p>Der frühe Marx suchte nach einer sozialen Kraft, die die kapitalistische Gesellschaft aufheben könnte, und nach sozialen Formen, in denen das geschehen konnte. Irrtümlicher Weise – dies machte ihm kommunistisches Denken überhaupt erst möglich – glaubte  er, dies im Proletariat gefunden zu haben: Er bestimmte das Proletariat als eine „Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist“ sondern deren Auflösung [9]. Das Geniale an diesem Irrtum von Marx war, dass er in einer Zeit, in der die tatsächlichen Subjekte der Aufhebung des Kapitalismus durch eine neue Gesellschaft noch nicht erkennbar sein konnten, u.a. eine solche Charakteristik eines potentiellen Subjektes der Aufhebung gab: keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft sondern ihre Auflösung. Es ist zu fragen, inwiefern dies auf heute sich entwickelnde Praxen, auf sozialen Räume zutrifft, die sich jenseits von Verwertungs- und Herrschaftslogiken konstituieren und in denen die Akteure für sich selbst und für andere Menschen jenseits von Wert- und Herrschaftsvermittlung allgemein zugänglichen Reichtum produzieren. Es ist zu fragen, inwiefern solcherart tatsächlich Keimformen, also verallgemeinerbar sein können. Mittels der Marxschen Bestimmungen könnten sich heute entsprechende Assoziationen in ihrer historischen Potenz selbst begreifen.</p>
<p>Ulrich Weiß</p>
<p><strong>Fußnoten</strong></p>
<p>[1]  Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW EB I/529.</p>
<p>[2] Erhard Eppler zitiert im Sozialdemokratischen Pressedienst vom 17. Februar 1988 Erich Honecker: „Kapitalismus und Sozialismus verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser.“ Er fügt hinzu: Dieser „könnte der Zustimmung Reagans für seinen eingängigen Satz sicher sein.“</p>
<p>[3]  „Am Stationseingang standen zwei Soldaten mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, umringt von zirka hundert hitzig auf sie einredenden Geschäftsleuten, Regierungsbeamten und Studenten. Die Soldaten waren unzugänglich &#8230; . Ein großer junger Mann &#8230;. in der Uniform eines Studenten, führte das Wort. „Ihr werdet doch wohl begreifen, daß ihr euch zu Werkzeugen von Mördern und Verrätern macht, wenn ihr die Waffen gegen eure Brüder erhebt&#8221;, sagte er in unverschämtem Ton. „Ach, Bruder&#8221;, antwortete der Soldat ernsthaft, „du verstehst nicht. Es gibt zwei Klassen. Kannst du das nicht sehen? Das Proletariat und die Bourgeoisie. Wir&#8230;.&#8221; Oh, ich kenne dieses dumme Gerede &#8230; Ich bin selbst Marxist! &#8230; Du scheinst zu glauben, Lenin ist ein aufrichtiger Freund des Proletariats &#8230; weißt du dann auch, daß Lenin in einem geschlossenen Zuge durch Deutschland gefahren ist und daß er von den Deutschen Geld genommen hat?&#8221; „Davon weiß ich nichts&#8221;, antwortete der Soldat. „Aber mir scheint, daß er gerade das sagt, was ich und meinesgleichen hören wollen. Es gibt zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat.&#8221; Du bist ein Narr, mein Freund. Ich habe zwei Jahre lang in der Schlüsselburg gesessen, als du noch Revolutionäre niederschossest &#8230; Und ich bin ein Gegner der Bolschewiki, die unser Rußland und die Revolution zugrunde richten. Wie erklärst du dir das?&#8221; Der Soldat kratzte sich am Kopf. „Das kann ich mir nicht erklären. Mir erscheint die Sache ganz einfach; aber ich bin ja kein gebildeter Mann. Es gibt nur zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat&#8230;&#8221; Da kommst du schon wieder mit deinen dummen Phrasen&#8221;, schrie der Student. „Nur zwei Klassen&#8221;, fuhr der Soldat hartnäckig fort, und wer nicht auf der einen Seite ist, der ist auf der anderen.&#8221; John Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten. <a href="http://www.ml-werke.de/andere/reed.htm">www.ml-werke.de/andere/reed.htm</a>, 17. Juli 2009</p>
<p>[4]  „Sozialwissenschaftliche und politisch-ökonomische These der 1950er/1960er Jahre, die von einer strukturell bedingten Annäherung zwischen kapitalistischen und sozialistischen Systemen ausging: Da beide Ideologien und Wirtschaftsformen mit den gleichen innergesellschaftlichen Anforderungen der modernen Industrieproduktion konfrontiert sind (z.B. Arbeitskräftekonzentration, hochgradige Arbeitsteilung, zunehmender Kapitalbedarf, Abkehr vom Familieneigentum, zunehmende Effizienzsteigerung), werden sie sich organisatorisch, technisch und wirtschaftlich angleichen.“ &#8212; Lexikon der Bundeszentrale der Politischen Bildung, Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 4., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2006. <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=9WCT23">www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=9WCT23</a>, 21.07. 2009</p>
<p>[5]  Die dementsprechende Kritik von Marxisten, dass die technische Entwicklung und deren Konsequenzen ohne Verständnis der sozialen Formen der Produktionsweise in Ost und West betrachtet werden, war zutreffend. Problematisch ist der Standpunkt, von dem aus diese berechtigte Kritik geleistet wird, die Annahme, die sogeannte sozialistische Warenproduktion und der westliche industrielle Warenproduktion und die mit beiden verbundenen Klassen- und Herrschaftsstrukturen seinen von gegensätzlicher, einander ausschließender sozialökonomischer Qualität. Siehe Stichwort „Konvergenztheorie“, Philosophisches Wörterbuch“, Leipzig 1996, Hg. Georg Klaus und Manfred Buhr, Bd. 2, S. 599ff.</p>
<p>[6]   In den Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie kam Marx zu Aussagen über einen Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise, der Produktivität menschlicher Arbeit, der technischen Entwicklung und der Entwicklung des Charakters der Arbeit noch innerhalb des Kapitalismus, die die sachlichen und menschlichen Voraussetzungen dafür hervorbringen, dass die kapitalistische Form der Reichtumsproduktion zu miserablen Grundlage und die wertvermittelte Produktionsweise aufhebbar wird. Dies Aussagen sind logische Entwicklung und Antizipation eines zukünftigen Zustandes in einem. MEW 24/592ff.6  In den Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie kam Marx zu Aussagen über einen Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise, der Produktivität menschlicher Arbeit, der technischen Entwicklung und der Entwicklung des Charakters der Arbeit noch innerhalb des Kapitalismus, die die sachlichen und menschlichen Voraussetzungen dafür hervorbringen, dass die kapitalistische Form der Reichtumsproduktion zu miserablen Grundlage und die wertvermittelte Produktionsweise aufhebbar wird. Dies Aussagen sind logische Entwicklung und Antizipation eines zukünftigen Zustandes in einem. MEW 24/592ff.</p>
<p>[7]  Von einem jeweils unterschiedlichem Entwicklungsniveau der kapitalistischen Produktionsweise ausgehend, sahen sie sozusagen einzelne der o.g. Marxschen Bestimmungen das Verhältnisses Kapital/Arbeit als die entscheidenden an. Bernstein sah die proletarische Bewegung für eine noch unbestimmte Zeit mehr als ein relativ selbständiges Moment des organischen Ganzen bürgerliche Gesellschaft. Konsequenterweise sah er die Vorstellung vom sogenannten Endziel der proletarischen Bewegung, dass als Ergebnis einer letzten (Vernichtuns-)Schlacht begriffen und besungen wurde, als eine für die tatsächlich anstehenden Kämpfe des (deutschen) Proletariats lässliche propagandistische Floskel an. Lenin dagegen bewegte sich viel mehr in den Kategorien der Marxschen zweiten Bestimmung. Er agierte bezogen auf einen Weltteil, der in voller Konkurrenz zum westlichen entwickelten Kapitalismus stehend selbst eher an einem Mangel an bürgerlich-kapitalistischer Entwicklung litt als an solchen Krisen, die bereits deren zivilisatorische Überlebtheit anzeigten. Was die schwache russische Bourgeoisie nicht vermochte, schaffte der russische Staatskapitalismus unter bolschewistischer Führung: Die ursprüngliche Akkumulation, die weitgehende Proletarisierung der Bevölkerung. Dies geschah in einer solch forcierten Weise, dass tatsächlich eine solche industrielle Warenproduktion zustande kam, die sich (bis an die Grenzen, die der Fordismus setzte) in der internationalen Konkurrenz behaupten konnte. Dies erschien als ein Daseinskrieg gegen die Weltbourgeoisie und auf diese Auseinandersetzung wurden auch die inneren Konflikte projiziert, die sich notwendig mit der industriellen Warenproduktions und der entsprechenden Klassenspaltung ergab.</p>
<p>[8]  Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW EB I/529.</p>
<p>[9]  Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1/390.</p>
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