Artikel drucken

Notizen zu Thesen über Kommunismus von Roger Behrens

Von Ulrich Weiß

Notizen zu Kommunismus. Dreißig Thesen von Roger Behrens (zur Veranstaltung am 25./26.3.2011)

Kommunismus hat es bisher „noch keinen einzigen Tag gegeben.“ (These 1) Diese Einsicht und damit die Bestimmung des Real-Sozialismus als Nicht-Kommunismus ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus.

Ich stimme auch Behrens‘ positiven Bezug (3) auf Marx zu: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“1

Als problematisch sehe ich allerdings den Kontext an, in dem diese Gedanken stehen.

Ich nehme meinen Haupteinwand vorweg: Die methodische Schwäche der Thesen bestehen darin, dass die Kommunismusbestimmungen nicht auf historisch bestimmte Entwicklungen, auf bestimmte gesellschaftliche Formationen bezogen sind. Sie bleiben in diesem Sinne abstrakt-allgemein. Mit ihrer Hilfe kann nichts oder wenig ausgesagt werden über Möglichkeiten des Kommunismus als Ergebnis geschichtlicher Entwicklung, nichts über ganz bestimmte soziale Praxen, die als Keimformen des Kommunismus erkannt werden können. Damit nichts über Wege aus dem Kapitalismus, über das, was ein kommunistisches Tun sein könnte. B.s interessante Thesen müssen sozusagen geschichtsmaterialistisch geerdet werden. Die abstrakt-allgemeinen Kommunismusbestimmungen fänden so in der wirklichen Welt ihren Grund und Zusammenhang. Sie würden so erst wahr werden.

Kommunismus ist bei B.:

– „Weltveränderung“ (5),
– „die wirkliche und konkrete Bewegung der Welt, wie sie ist“ (4),
– „als wirkliche Bewegung … theoretische, das heißt »sinnliche Tätigkeit«“ (5),
– „kritische Theorie der Praxis“ (5).

Bezug nehmend auf Marx‘ Feuerbachthesen2 fasst B. diese Bestimmungen zusammen: „Deshalb [Hervorhebung: UW] ist der Kommunismus als wirkliche Bewegung gleichzeitig theoretisch und praktisch beziehungsweise »›revolutionäre‹ […] praktisch-kritische Tätigkeit«3“. (5)

Es ist unbestritten, dass, wenn er je existieren sollte, Kommunismus als wirkliche Bewegung gleichzeitig theoretisch und praktisch sein müsste. Mit den Thesen wird aber nicht klar, wie die genannten verschiedenen Kommunismus-Bestimmungen zusammenhängen und wie das „deshalb“ begründet ist, also die behauptete Besonderheit der kommunistischen Bewegung, eine zugleich theoretische und praktische zu sein.

Vermutlich kennt und teilt B. die frühen marxschen Aussagen über die Zusammenhänge zwischen (knechtender) Arbeitsteilung, Entfremdung und Privateigentum4. Unklar ist mir, wie seine Koommunismustehsen vereinbar sind mit weiteren marxschen Erkenntnissen, denen B. vermutlich auch nicht widerspricht. Nach Marx waren unter bestimmten historischen Bedingungen gerade diejenigen Formen gesellschaftlicher Vermittlung, die der Kommunismus einst aufheben könnte – die knechtenden Verhältnisse – unverzichtbare Momente der Entwicklung der menschlichen Zivilisation, so etwa die Zuordnung von körperlicher und geistiger Arbeit an verschiedene Personengruppen. Begründete Aussagen über kommunistische Bewegungen setzen voraus exakte Bestimmungen der geschichtlich entstehenden Voraussetzungen dafür, dass diese Arbeitsteilung, dass Entfremdung und Privateigentum an Produktionsmitteln überhaupt aufhebbar werden. Dies fehlt bei B.

1. Kommunismus als „die wirkliche und konkrete Bewegung der Welt, wie sie ist“ (4)

Die „Welt, wie sie ist“ (Hervorhebung: UW) – das kann bedeuten: Die Welt, wie sie immer ist. Oder: Die Welt, wie sie jetzt ist. Oder: Die Welt, wie sie um 1844 war als Marx vom Kommunismus als jener wirklichen Bewegung sprach.

Im ersten Verständnis wäre die Welt immer schon eine kommunistische. Sie wäre theoretisch zu fassen in allgemeinen geschichtsphilosophischen Aussagen. Marx lehnte es für sich ab, überhaupt über eine Geschichtsphilosophie zu verfügen.5 Mit der Vorstellung einer immer schon kommunistischen Welt wäre dagegen Hegel mit seinem philosophischen Anspruch am ehesten kompatibel: Hegel – der bisher am weitesten gekommene systematisch-kommunistische Denker?

Geht es dagegen bei der „Welt, wie sie ist“ um die jetzige Welt, dann wäre das eine geschichtlich bestimmte Welt – die kapitalistische. Wenn deren wirkliche und konkrete Bewegung Kommunismus wäre, dann lebten wir bereits in ihm. Und mit Marx‘ Kapital wäre dessen entfaltete Theorie schon gegeben.

B. wird sich weder in der einen noch in der anderen Lesart richtig verstanden sehen. Wie aber sind sonst seine Kommunismusbestimmungen zu verstehen, die als etwas dargestellt werden, was schon ewig und für immer gültig ist?

2. menschliche Geschichte als praktisch-kritische Tätigkeit und revolutionärer Praxis

»Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.«6

B. interpretiert diesen Marx-Gedanken:

– Die menschliche Geschichte ist das Resultat »praktisch-kritische(r) Tätigkeit«.
– Diese ist identisch mit revolutionärer Praxis und „allgemeine(r) revolutionäre(r) Bewegung“7.

Hier taucht das o.g. Problem erneut auf: Was ist unter Geschichte gemeint? Alle menschliche Geschichte oder die jetzige kapitalistische. Oder geht es „nur“ um ein Denken und Handeln in einer noch nicht existierenden Gesellschaft – der kommunistischen – also um ein Denken und Handeln, das in dieser auch erst wirklich wäre?

Es ist also näher zu bestimmen – und das gilt auch für Marx‘ Thesen über Feuerbach – was hier unter „revolutionär“ verstanden wird.

Es kann gefasst werden als jene praktisch-kritische Tätigkeit, jene revolutionäre Bewegung, die zur Aufhebung einer bestimmten Gesellschaftsformation durch die Konstitution einer anderen führt8. „Revolutionär“ würde hier gebraucht im Sinne des Wechsels von geschichtlichen Formationen, die soziale Selbstveränderung der Individuen eingeschlossen. Geht es um Revolution in diesem engeren Sinne, wäre nur dies Geschichte, dann müsste die Entwicklung innerhalb einer Formation als geschichtslos angesehen werden. Die Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise und der gesamten bürgerlichen Gesellschaft, nachdem diese bereits etabliert ist und sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt, käme so nicht in den Blick. Damit auch nicht jene Prozesse, durch die erst wesentliche Voraussetzungen des Kommunismus hervor bringen. Ausgeblendet wäre damit auch die Frage nach der Möglichkeit einer sozialen Bewegung und deren exakte Bestimmung, die den Kommunismus hervorbringen kann und die nicht bereits mit der Existenz des Kapitalismus, sondern eben erst mit dessen Entfaltung entsteht bzw. deren kommunistische Potenz erst zum Zeitpunkt der Überreife der bürgerlichen Epoche wirklich und damit erkennbar wird.9

Wird dagegen unter „revolutionär“ tatsächlich alle praktisch-kritische Tätigkeit verstanden und wird (wie B. das tut) theoretische mit sinnlicher Tätigkeit überhaupt gleichgesetzt sowie „Kommunismus als wirkliche Bewegung“ als eine „kritische Theorie der Praxis“ bestimmt, dann läuft dies nach meinem Verständnis darauf hinaus: Alle bisherige Geschichte wäre dann als kommunistische zu verstehen, zumindest als potentiell kommunistische. Dann erübrigte sich die Frage nach den bestimmten für das mögliche Entstehen des Kommunismus unverzichtbaren historischen Voraussetzungen und eben auch die nach jenen sozialen Bewegungen, die Kommunismus konstituieren könnten.

In einer bestimmten geschichtsphilosophischen Sicht, so meine ich, macht es durchaus Sinn, Kommunismus als immer schon vorhandene wirkliche Bewegung zu verstehen. (B. verweist auf einen vollständig materialistisch gelesenen Hegel.) In dieser Sicht müsste man erstens alle menschlichen Geschichte als eine Bewegung hin zum Kommunismus ansehen und zweitens die Geschichte der menschlichen Gattung unterteilen in eine Vor-Geschichte (bis heute noch herrschend) und in eine zukünftig mögliche eigentlich menschliche Geschichte.

In dieser eigentlichen Geschichte – der Entwicklung der kommunistischen Gesellschaft auf ihrer eigenen Grundlage – kämen sozusagen die an sich immer schon vorhandenen Potenzen der Gattung Mensch zu sich. Der Mensch würde dann erst wirklich menschlich werden. In solcher Sicht wären zwei formal-logisch sich widersprechende Aussagen miteinander vereinbar: A: „Alle Geschichte ist eine kommunistische“ (weil sie immer schon eine menschliche ist). Und B: „Es gab bisher noch keinen einzigen Tag Kommunismus.“ Kommunistisch, weil die Geschichte immer schon die der gesellschaftlichen Menschen war, und nichtkommunistisch, weil sich diese Gesellschaftlichkeit bisher in einer Weise herstellte, in der die Menschen von den Institutionen ihrer eigenen Vergesellschaftung „als von einer blinden Macht beherrscht“ wurden. Es erfolgte etwa die Produktion der materiellen Existenzbedingungen, der „Stoffwechsel mit der Natur“ nicht unter den der „menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen“.10

Unbestritten ist, dass in aller menschlichen Geschichte – egal ob in revolutionären Umbrüchen (Revolution im engeren Sinne des Formationswechsels) oder in Entwicklungen innerhalb einer Epoche11 – das Ändern der Umstände und die menschliche Selbstveränderung zusammenfallen. Die Epochen unterscheiden sich in dieser Hinsicht „nur“ in der Form, in der dieses Zusammenfallen gesellschaftlich vermittelt wird, etwa in Form persönlicher Abhängigkeiten im Feudalismus oder in der bürgerlichen Gesellschaft durch ein gesellschaftlich produziertes Abstraktum: Wert bzw. Geld. Die inneren Entwicklungen einer Formation (oder mehrerer) – die Entwicklung der je besonderen Form des Zusammenfallens der Änderns der Umstände und der menschliche Selbstveränderung – sind aber für die Konstitution einer neuen insofern unverzichtbar, als nur in dieser die Voraussetzungen für eine neue Qualität gesellschaftlicher Vermittlung entstehen können.

3. Das Neue im Alten

Marx‘ These vom „Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung … als revolutionäre Praxis“ kann gelesen werden als eine geschichtsphilosophische Aussage über die menschlichen Gattung überhaupt. Auch in B.’s Thesen wird nichts darüber ausgesagt, welche besondere Art dieses Zusammenfallens es ist, die Kommunismus hervorbringen kann und welche nicht. Es wird hier nicht der spezifische historische Zustand genannt, dessen Existenz Kommunismus erst möglich und dessen Aufhebung ihn erst wirklich macht.12 Erst die Herausbildung ganz bestimmter vorkommunistischer Zustände – vor allem solcher, die erst mit dem höchstentwickelten Kapitalismus entstehen13 – und das Begreifen damit verbundener Erscheinungen als Momente einer möglichen kommunistischen Vergesellschaftung geben der Aussage einen Sinn: „Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“.14

Eine der größten geistigen Herausforderungen, Wege aus dem Kapitalismus erkennen zu können, besteht darin:
– die Gegensätzlichkeit der Vergesellschaftungsformen beider Formationen, der kapitalistischen und der kommunistischen, also deren Unvereinbarkeit zu denken und zugleich den Übergang zwischen beiden,
– den Übergang also zu denken als Bruch und Kontinuität,
– die kommunistische Form von Vergesellschaftung als Neuschöpfung einer Welt zu begreifen und zugleich als Entfaltung von etwas in der vorhergehenden Gesellschaft – oder gar in aller Geschichte – als Potenz schon Vorhandenen, als etwas sich nun auf seiner Grundlage Entwickelnden.

Die hegelsche Logik bietet die methodische Möglichkeit, einen solchen Prozess zu denken und darzustellen. Der Gegenstand dieser Logik ist allerdings das „Denken über einen sich entwickelnden Gegenstand“, nicht eines bestimmten Gegenstandes sondern das eines jeglichen sich entwickelnden Gegenstandes15, die allgemeine menschliche Geschichte eingeschlossen – so jedenfalls Hegels Anspruch.

Mit der Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus wollen wir einen ganz gestimmten geschichtlichen Prozess – das Denken dieses Prozesses eingeschlossen – erkennen bzw. ausgehend seinen notwendigen bestimmten Voraussetzungen antizipieren. Der sich entwickelnde Gegenstand ist hier der Übergang zwischen Kapitalismus und Kommunismus bzw. zwischen Vor- und eigentlicher menschlicher Geschichte. Diesen Übergang müssen wir untersuchen und verstehen als einen realen sozialer Prozess, als eine benennbare Bewegung, als eine bestimmte Qualität revolutionärer theoretisch und praktisch-kritischer Tätigkeiten von Menschen, die einen neuen sozialen Raum schaffen.

4. Abschied ohne Ankunft?

In der Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus ordnen wir gegensätzlichen gesellschaftliche Bewegungs- und Vermittlungsformen – die kapitalistische und die (wenigstens) potentiell kommunistische – nicht verschiedenen Menschengruppen zu. Das tut B. auch nicht. Das taten aber Marx und der ML in Bezug auf das angeblich potentiell sozialistisch-kommunistische Proletariat und auf die reaktionäre, die Welt im Kapitalismus haltende Bourgeoisie, den durch das Proletariat zu überwindenden Gegensatz. Wir verstehen also Kommunismus nicht als Werk einer bestimmten Klasse, nicht als letzte Konsequenz der Arbeiterbewegung bzw. einer siegreichen „sozialistischen“ Staatengemeinschaft. Anders als B. gehen wir – nun wieder in Übereinstimmung mit Marx – allerdings davon aus, dass die Übergangsbewegung auch die einer realen benennbaren sozialen Bewegung sein muss.

Das Neue ist nicht nur abstrakt-allgemein bestimmbar. Auch wenn die Gesamtgesellschaft noch von der alten Vermittlungsform bestimmt wird, muss das Neue schon im Alten in Erscheinung treten. Es muss vor-stell-bar sein und dies nicht nur als Idee (sh. unten zum Bilderverbot), sondern in Bezug auf reale Bewegungen. Das ist auch eine logische Voraussetzung unserer ganzen Diskussion über Keimformen des Kommunismus.

Es ist wohl ein bestimmtes allgemeines Niveau, das die kapitalistische Produktionsweise – die Entfaltung der ihr gemäßen Form der Vergesellschaftung – erreicht haben muss (gegebenenfalls heute bereits erreicht hat), das deren kommunistische Aufhebung erst möglich macht. Es ist in diesem Sinne auch richtig, wenn etwa Lenin (sehr verkürzt) ausgedrückt, dass die allgemeine gesellschaftliche Möglichkeit, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden „historisch … erwächst … aus den materiellen Bedingungen der kapitalistischen Großproduktion“.16

Wenn es nun aber nicht eine ganz bestimmte (Klassen-)Stellung der Individuen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist17, die diese Menschen in besonderer Weise zu einer kommunistischen Mission befähigt, wenn die alte und die potentiell neue Form der Vergesellschaftung sich nicht aus dem besonderen Interesse der einen oder anderen Hauptklasse der kapitalistischen Gesellschaft ergibt (auch nicht aus dem irgendeines besonderen Standes der Gesellschaft), wenn nicht der Sieg der einen Klasse über die andere Kommunismus konstituieren kann, ist dann der Übergang unter Bezug auf eine reale Bewegung überhaupt nicht denkbar?

Nach dem Abschied von der proletarischen Mission stehen wir wieder vor dem gleichen Problem, das sich Marx stellte, bevor er annahm, das Proletariat könnte es lösen. Er hatte erkannt: „Alles, wofür der Mensch kämpft, [ist] Sache seines Interesses.“18Deshalb könne die Aufhebung aller bedrückenden Verhältnisse, nur dadurch „sein, dass das allgemeine Interesse wirklich und nicht, wie bei Hegel, bloß im Gedanken, in der Abstraktion zum besondren Interesse wird“. Das sei „nur dadurch möglich …, dass das besondere Interesse wirklich zum allgemeinen wird“.19

Mit dieser philosophischen Sicht durchforschte Marx die verschiedenen Stände seiner Zeit – auch die armen. Im Gegensatz zu seiner späteren Hoffnung auf das Proletariat kam er zur Erkenntnis, dass kein Stand „die wahre Einheit des Allgemeinen und Besondern“20 vertritt und auch nicht vertreten kann, nicht die Privateigentümer, nicht die Armen, nicht die Beamten, nicht die Intelligenz, nicht die Journalisten.

Wollen wir heute mögliche Auswege aus knechtenden Verhältnissen erkennen, stehen wir wieder vor der gleichen Frage21: Ist jenseits der Bestimmungen der Menschen durch ihre jeweilige Klassen- bzw. Standeslage eine Sphäre denk- und tatsächlich erkennbar, in der die Individuen eben ihre je „bestimmte soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit“ verausgaben und zwar in solcher Weise, dass jeder Mensch damit „der Repräsentant des anderen ist“ und zugleich sein „eigne(s) Wesen repräsentiert“22?

Die Möglichkeit der freien Gesellschaft kann nur liegen in der Existenz oder im Entstehen einer solchen Sphäre, in der genau dies wirklich ist. Nicht aus einem allgemeinen Leiden heraus und nicht getrieben von äußerer Notwendigkeit oder einem sonstigen Sollen, das schon den Studenten Marx störte23, können die Individuen in einer solchen sozialen Sphäre eine neue Welt schaffen.

Wir gehen also in unserer Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus davon aus, dass

erstens die Suche nach einem solchen sozialen Raum im marxschen Sinne unverzichtbar ist,
zweitens die Annahme einer kommunistischen Mission einer Klasse genau diese Bedingungen nicht erfüllt,
drittens in den heutigen Existenzbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft die Möglichkeiten und die Notwendigkeiten einer allgemeinmenschlichen Emanzipation angelegt ist.

Wenn nicht begründet in der Gegensätzlichkeit von Klassen, nicht in den Individuen, insofern sie durch ihre Klassenfunktionen bestimmt sind, wo und wie dann kann der Gegensatz zwischen der herrschenden kapitalistischen Form und der potentiell kommunistischen erscheinen, der Widerspruch, dessen Auflösung Kommunismus bedeuten würde? Wenn es nicht der Kampf der kapitalistischen Klassen gegeneinander ist, der die allgemeinmenschliche Emanzipation bringen kann, nicht der Sieg der Proletarier über die Kapitalisten, dann muss der Gegensatz zwischen der kapitalistischen und der potentiell kommunistischen Form sozusagen innerhalb der gesellschaftlichen Individuen existieren und ausgetragen werden. Diese innere Gegensätzlichkeit der Individuen, der „Kampf“ zwischen beiden Formen, der nicht als Klassenkampf bestimmt wird, sehen wir auch hier nicht sozusagen als eine menschliche Natürlichkeit an, das ewig Gute und Böse in jedem Menschen. Dieser Gegensatz ist uns kein den „einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum“, sondern Moment der von den Menschen im Spätkapitalismus geschaffenen „Wirklichkeit“, bestimmten „gesellschaftlichen Verhältnisse(n)“24.

Die tiefe innere Zerrissenheit der spätbürgerlichen Individuen ist also in ihren realen sozialen Bezügen zu begreifen. Hinsichtlich des kapitalistisch bestimmten Denkens und Handelns, denen unvermeidbar alle Individuen der bürgerlichen Gesellschaft gerecht werden müssen, ist (oder scheint) es klar, worauf dies bezogen ist, woraus es erwächst: Es ist der absolute Zwang, sich als Ware zu bewähren, sich in Wert zu setzen, und alle damit verbundenen Existenznotwendigkeiten der Menschen innerhalb dieser Gesellschaft.

Welche realen sozialen Bezüge aber kann das kommunistische Denken und Handeln haben, insofern es bereits innerhalb dieser Zwangsverhältnisse entsteht? Wenn es nicht die – notwendig innerkapitalistisch – bestimmten Praxen und Strukturen von Klassenauseinandersetzungen im Kapitalismus sein können, aus denen dies hervorgeht, aus welchen dann? Aus der rein theoretischen Praxis, der Sphäre reinen Denkens? Aus einem Leiden und dem dementsprechenden Wollen des ganz anderen, das in der Wirklichkeit keinerlei positiven Bezug hat? So stellt es sich bei B. dar. Aus äußerer Notwendigkeit oder einem sonstigen Sollen? Wo also ist der Prozess, in dem sich die innere kommunistische Potenz der Individuen ausdrücken und der diese schafft und somit den immer schärfer werdenden Gegensatz zwischen allgemeinmenschlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen der Individuen selbst und der kapitalistischen Form, in die sie gezwungen sind? Gibt es bestimmbare Sphären, in der die Individuen ihren je eigenen Bedürfnissen folgend eine „bestimmte soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit“ in einer solchen Form ausüben, dass sie zugleich die Menschheit insgesamt und ihr je „eigne(s) Wesen repräsentier(en)“?

5. Die „materialistisch verstanden(e)“ „idealistische Philosophie Hegels … muss Wirklichkeit werden in der aufhebenden wirklichen Bewegung: Die Philosophie des Kommunismus ist der Kommunismus der Philosophie.“(7)

Der Marx, auf den sich B. hier beruft25, erarbeitet sich gerade ein solches ökonomisch-philosophisches Instrumentarium, das Kommunismus erst denkbar macht. Das geschieht, wie Engels später feststellte, in einer abstrakten, noch nicht auf die tatsächlich gegebenen historischen Voraussetzungen bezogenen Weise.26 Ich präzisiere: Marx stellt auch hier schon einen Bezug auf eine reale Klasse der kapitalistischen Gesellschaft, indem er eben der Arbeiterklasse eine in ihrem Wesen liegende historische Berufung zuordnet, den Kapitalismus aufzuheben. Abstrakt war dies auch in dem Sinne, dass Marx noch Jahre braucht, bis er mit seinen Kritiken der Politischen Ökonomie die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise tatsächlich erkannte und darstellte. Auf Basis dieser wissenschaftlichen Leistung – die dabei weiterentwickelte entwickelte Logik eingeschlossen – und der entschieden fortgeschritteneren kapitalistischen Produktionsweise hätte die Frage der historischen Perspektive des Proletariats erneut aufgeworfen und systematisch beantwortet werden müssen bzw. können. Einen solchen, dann konkret-allgemeiner Beweis für die kommunistische Mission des Proletariats hat Marx nicht geliefert.

Heute ist ersichtlich, dass die tatsächlich große geschichtliche Rolle des Proletariats nicht darin bestand, die kapitalistische Produktionsweise aufzuheben, sondern diese selbst voranzubringen und die in ihr möglichen „nur“ partielle Emanzipationen zu erkämpfen. Es war eine spekulative (d.h. philosophische) logische Konstruktion27 mittels derer Marx den tatsächlich noch bevorstehenden großen proletarischen Kämpfen einen potentiell und letztlich zwingend kommunistischen Charakter beimaß – eine Illusion, die die „kommunistische“ Weltbewegung des 20. Jahrhunderts und die Theoretiker des ML teilen sollten. Das Irrtümliche dieser Annahme erschien besonders dann, wenn Marx selbst historisch-konkret versuchte, vom Proletariat aus Schritte in den Kommunismus zu denken und – ganz gegen seine sonstige Gewohnheit – der Sozialdemokratie entsprechende Bilder zu präsentieren. Er griff dabei selbst proudhonistische Ideen, kam also in tiefe Widersprüche zu Grundaussagen seiner eigenen Theorie – siehe seine Darstellungen der sogenannten Übergangsgesellschaft, eines der Kategorien der Warenproduktion und des bürgerlichen Rechts bedürftigen Sozialismus als angeblich erster Phase des Kommunismus.28

B. geht, wie schon gesagt, auch nicht von der Vorstellung der kommunistischen Mission des Proletariats aus. Gleichfalls berechtigt ist die Annahme, dass Kommunismus wesentlich mit Erkenntnis des jetzigen Zustandes (richtiger eines ganz bestimmten) zu tun hat. Indem B. aber die Bindung dieser (Selbst-)Erkenntnis an die proletarische Bewegung aufbricht, schüttet er meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus: In der Art seines Bilderverbotes gibt er die Bezugnahme auf geschichtlich bestimmte soziale Prozesse und Bewegungen überhaupt auf.

Um diesen Einwand verständlicher zu machen, hier noch ein weiterer Marx-Exkurs. Wie kam dessen Fehlinterpretation der geschichtlichen Rolle des Proletariats zustande, wie die Annahme, der mit dem Proletariat gesetzte potentielle Kommunismus bedürfe vor allem der Selbsterkenntnis, um zum wirklichen zu werden?

Der junge Marx ging davon aus, dass die bürgerliche Gesellschaft etwa in England und Frankreich bereits in Fäulnis übergegangen29 und dass der Kommunismus das „für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation …, die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft“ sei.30 Einen solchen historischen Standort vorausgesetzt sind folgende Annahmen logisch zwingend: Jedes Denken, das sich bemüht Gesellschaft zu verstehen, muss notwendig ein kommunistisches sein. Wissenschaft und Kommunismus als Theorie fielen zusammen. Auch jede Praxis, insofern sie des wissenschaftlichen Denkens bedürfte, wäre eine kommunistische oder sie wäre nichts.

Es ist zu diskutieren, ob wir uns heute tatsächlich einem solchen geschichtlichen Punkt nähern. Wenn ja, dann würde die Alternative Kommunismus oder Barbarei, Kommunismus oder Nicht-Denken tatsächlich wahr. Von diesem Punkt waren auch Rosa Luxemburg, die angesichts der Ungeheuerlichkeiten des I. Weltkrieges von dieser Alternative sprach31, und selbst die siegreichen „kommunistischen“ Bewegungen des 20. Jahrhundert noch weit entfernt.32 Was war es, was fehlte? Ganz gewiss nicht das Maß des massenhaften Leidens und nicht das des Wollens eines anderen Lebens.

Als Marx in den 1850ern begriff, dass das energische Prinzip der nächsten Zukunft ein ganz anderes ist als das kommunistische, konzentrierte er sich auf sein Lebenswerk – die Erforschung und Darstellung der inneren Logik der kapitalistischen Produktionsweise. Es bedurfte der Kritiken der Politischen Ökonomie, um systematisch begründet die erst in weiter Zukunft entstehenden (ökonomischen) Voraussetzungen für die mögliche Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise durch eine kommunistische Umwälzung zu erfassen.33 Das ursprüngliche Vorhaben, nach Vollendung des Kapitals auch seine frühen genialen philosophischen Spekulationen tatsächlich zur Wissenschaft zu erheben, also seinen Geschichtsmaterialismus systematisch darzustellen, eine eigene Dialektik oder Logik zu schreiben, hat er nicht verwirklicht.34

Wozu dieser Exkurs? Um deutlich zu machen: Ein Bezug auf die frühen Kommunismusbestimmungen von Marx und auf deren philosophischen Begründungen ist sehr sinnvoll. Beides hätte aber wohl nach Aufgabe der Vorstellung vom Kommunismus sozusagen als Tagesaufgabe, angesichts der tieferen Einsichten in die Logik der kapitalistischen Produktionsweise und der philosophischen Erkenntnisse, zu der Marx zweifellos in der nichtgeschriebenen Dialektik gekommen wäre, eine andere Gestalt angenommen. Wer sich auf die frühen marxschen Kommunismusvorstellungen und die philosophischen Positionen etwa der Deutschen Ideologie und der Feuerbachthesen bezieht, hat diese Geschichtsbezogenheit auch der Theorie von Marx mitzudenken und dies ausdrücklich darzustellen.

Die eigentümlichen Abstraktheit von B’s. Thesen ist überwindbar, wenn sie klarer geschichts-materialistisch fundiert werden. Wenn B. also schreibt, die „materialistisch verstanden(e)“ „idealistische Philosophie Hegels … muss Wirklichkeit werden in der aufhebenden wirklichen Bewegung: Die Philosophie des Kommunismus ist der Kommunismus der Philosophie“(7), so sollten wir fragen: Unter welchen Bedingungen kann dieser (mit Engels gesprochen) „abstrakt richtige“ Gedanke auch konkret richtig, also wahr werden? Unter welchen historisch entstehenden oder schon entstandenen Voraussetzungen, bezogen auf welche besonderen sozialen Bewegungen und deren Bedürfnisse auch nach theoretischer Selbstkritik? Umgekehrt werden so auch die tatsächlichen Gründe dafür offenbar, dass etwa im ML „Kommunismus“-Vorstellungen entwickelt wurden, die – wie B. richtig darstellt – innerhalb des bürgerlichen Horizonts verblieben und die gerade als solche über lange Zeit geschichtsmächtig waren.

Das führt zur wirklich spannende Frage: Gibt es in unserer heutigen Welt solche Veränderungen, auf die bezogen ein kommunistisches Denken und Handeln möglich wird, ein geschichtsmächtiges? B. zitiert Marx‘ letzte These über Feuerbach. Sie wird meist so gelesen, dass, statt die Welt verschieden zu interpretieren, es an der Zeit sei, sie zu verändern.35 Es wird Zeit, endlich auch so zu fragen: Gibt es solche Veränderungen in der Welt, die eine kommunistische Interpretation, ein massenhaft kommunistisches Denken möglich machen? Für solche erkennbare Praxen des Änderns der Umstände und der menschlichen Selbstveränderung wäre dann das Engagement angesagt.

6. Kommunismustheorien der Vorzeitigen

Das Denken des Kommunismus‘ als etwas wenigstens mittelfristig Erreichbares hat unter der Bedingung des Mangels an entsprechenden materiellen und geistigen Voraussetzungen, also der praktischen Unmöglichkeit der Verwirklichung des „Reichs der Freiheit“, der vorläufigen Unaufhebbarkeit des Kapitalismus, zu zwei Grundformen des Umgangs mit der Kommunismustheorie geführt.

Erste Variante. Sich als kommunistisch verstehenden Menschen schrieben jedem großen Erfolg im Klassenkampf für soziale Verbesserungen, politische Einflussnahme oder gar Eroberung politischer Herrschaft eine sozialistische oder gar kommunistische Qualität zu. Das geschah völlig unabhängig davon, wie weit man sich damit von den ursprünglichen kommunistischen Essentials entfernte. Es führte schließlich dazu, was nach den marxschen Kritiken der Politischen Ökonomie und seiner Kritiken an Proudhon und Lassalle eigentlich nur Dinge der Unmöglichkeit sein konnten – zur Annahme etwa, dass es eine Warenproduktion samt Lohnarbeit und eine staatliche Herrschaft von sozialistischer oder kommunistischer Qualität geben könnte.36 Solche Theoriebeugung ergab sich aus den Notwendigkeiten gerade der erfolgreichen Arbeiterbewegung – was etwas über deren tatsächlichen Charakter aussagt. Marx selbst, gerade indem er dem der Arbeiterbewegung möglichen Fortschritt dienen wollte, hatte seinen Anteil an dieser Entwicklung, so z.B. mit seiner Kritik des Gothaer Programms.

Auch im Real-“Sozialismus“ samt seiner „sozialistischen“ Warenproduktion und dem „sozialistischen“ Staat wurde aus dem Kommunismus als Theorie der allgemeinmenschlichen Emanzipation genau das, was Engels in Bezug auf den realen Klassenkampf des Proletariats als unvermeidlich ansah, – eine abstrakte, eine unwirkliche Phrase. Wer sie ernst nahm, und in Theorie oder Praxis den ursprünglichen kommunistischen Anspruch zur Geltung bringen wollte, dem ging es wie Engels dies voraussagte und forderte: Der geriet nicht nur in Widerspruch zu dem tatsächlichen Möglichkeiten und Funktionen der Arbeiterbewegung (bzw. den Existenzbedingungen des „sozialistischen“ Staates). Der wurde gegebenenfalls behandelt als Wolf im Schafspelz37. Mancher legte, die eigene Donquichotterie begreifend, selbst Hand an sich38.

Die zweite Variante, am Begriff des Kommunismus festzuhalten, ohne auf real entstehende Bedingungen seiner Entstehung verweisen zu können und auf entsprechende soziale Bewegungen mit der Möglichkeit, tatsächlich kommunistische Verhältnisse zu schaffen, bestand darin, den Kommunismus zur reinen Theorie zu erklären bzw. die entsprechende theoretische Tätigkeit als die einzig mögliche kommunistische Praxis zu verstehen.

Dahin entwickelt sich die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers.39 Im Falle von Horkheimer kam es nach dem Krieg zu einem „dialektischen Konservativismus“, zu einer oft „schlichte(n) Affirmation“40: Jede radikale Kritik provoziere noch schlimmere Kräfte.41

Marcuse sieht sich lange in der Situation der Flaschenpost. Er produziert kapitalismuskritische Theorie für unbekannte Bewegungen in unbekannter Zukunft bis er – überrascht – eine reale Bewegung als eine kommunistische missversteht: die 68er Studentenbewegung.42

B. folgt der Denktradition der Kritischen Theorie in deren Hochzeit. Seine Gleichsetzung von theoretischer und sinnlicher Tätigkeit, von Kommunismus als eine historisch unbestimmte „wirkliche Bewegung“ und als „kritische Theorie der Praxis“ (nicht einer geschichtlich bestimmten, sondern der Praxis überhaupt) bringt ihn dazu, den Kommunismus faktisch als Ergebnis eines richtigen Denkens darzustellen. Bisherige Fehlschläge der „kommunistischen“ Bewegungen erscheinen denn auch notwendig nur als das, was sie auch waren – Ausdruck theoretischer Irrtümer.

7. Bilderverbot

Für B. sind gesellschaftliche Grundinstitutionen der menschlichen Vorgeschichte, die bürgerliche eingeschlossen, wie Staat, politische Parteien, Warenproduktion, Lohnarbeit, Ideologie unvereinbar mit Kommunismus. Sie können auch nicht unter proletarischem Vorzeichen Mittel des Übergangs sein können. Es ist richtig, wenn B. entsprechende Grundaussagen des ML als nichtkommunistisch versteht43. B. ist zuzustimmen, wenn er die im Real-Sozialismus und in der Arbeiterbewegung entwickelten Bilder vom sogenannten Reich der Freiheit oder der angeblichen Übergangsgesellschaft dahin als innerhalb der bürgerlichen Epoche verbleibend ansieht. Des Abkehr von dieser Art Bilder44 ist für die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus tatsächlich unverzichtbar.

Zu den Hochzeiten der Kritischen Theorie, diese ursprünglich faktisch eine Gründung der Kommunistischen Internationale, war Kommunismus in Bezug auf die Arbeiterbewegung (und die Sowjetunion) immer weniger fassbar, auch nicht als konkrete Utopie.45 Bis in die Hochzeit des Fordismus, des Höhepunktes der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, sowie der mit ihm möglichen und für den Verwertungsprozess förderlichen sozialen Marktwirtschaft (in östlicher wie westlicher Form) blieb für die Denker des Kommunismus das von Engels beschriebene Dilemma bestehen: Allgemeinmenschliche Emanzipation war nur abstrakt denkbar – in Trennung von den damaligen tatsächlichen bzw. auch nur antizipierbaren realen sozialen Bewegungen.46 Das Bilderverbot im Sinne fasslicher Bestimmungen sozialer Praxen, die als Keimform kommunistischer Vergesellschaftung interpretiert werden konnten, war unter diesen historischen Bedingungen logisch zwingend. Kommunismus in Sinne allgemeinmenschlicher Emanzipation konnte nur noch als theoretische Praxis sozusagen frei schwebender Intellektueller verstanden werden. Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ erschien nur als Vergegenständlichung von Theorie, von Philosophie – also eigentlich als eine unwirkliche Bewegung.

Warum zwängt sich B. heute noch in eine bestimmte philosophische Denkrichtung ein, in der das Bilderverbot im genannten Sinne eine Voraussetzung dafür war, von Kommunismus überhaupt sprechen zu können?

8. Keimformen

Die Gruppe Wege aus dem Kapitalismus geht davon aus, dass inzwischen noch innerhalb der kapitalistischen Formation soziale Räume entstehen, in denen sich frei assoziierende Leute jenseits der wert- und herrschaftsförmigen gesellschaftlichen Vermittlung solche Praxisformen schaffen, die als Keimformen kommunistischer Vergesellschaftung erleb- und verstehbar sind. In sehr unterschiedlichen Assoziationen der freien Szenen schaffen die Akteure aus eigenem Bedürfnis an schöpferischer freier Tätigkeit heraus Nützliches für sich und damit Produkte, die ohne jegliches Äquivalent jedem Interessenten zur Verfügung stehen. Ob diese Praxen als Keimformen einer kommunistischen Vergesellschaftung verstanden werden können, darüber ist zu reden.47 Auch darüber, welche Rolle die selbstkritische Reflexion der Beteiligten über die mögliche soziale Bedeutung dessen, was da praktisch getan wird, spielt. Wenn an unserer Hypothese aber etwas dran ist, wenn es tatsächlich denkbar wird, dass sich solche soziale Formen verallgemeinern, dann sind auch aus diesem Grunde die Voraussetzungen dafür, Kommunismus zu denken, heute völlig andere als zu Engels Zeiten oder denen der Kritischen Theorie. Was im positiven Bezug auf die Arbeiterbewegung und die Sowjetunion ausgeschlossen war, das erscheint uns heute möglich: Es sind nicht nur Entwicklung innerhalb der kapitalistischen Produktion erkennbar, die eine Vergesellschaftungsform jenseits von Wert- und Herrschaftsvermittlung möglich machen. Es sind auch ganz bestimmte Praxen zu benennen, deren Entwicklung unter der Voraussetzung ihrer Selbstkritik Kommunismus tatsächlich als „wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“, denkbar macht. Das Bilderverbot in dem Sinne, in dem es auch B. noch betreibt, würde damit gegenstandslos.

9. das Bilderverbot eine vorübergehende Denkvoraussetzung des Kommunismus

B. präzisiert in These 8 unter Bezug auf Adorno48 seine Kommunismusbestimmung. Hier ist es nicht mehr der „jetzige Zustand“, den die kommunistische Bewegung aufhebt. Es gehe vielmehr „um die Aufhebung des Zustands als Zustand“ (Hervorhebung – UW). Über diesen Zustand als Zustand wird nichts gesagt außer: Es ist ein unerträglicher. „Der Zustand selbst ist in Bewegung zu versetzen.“ Er begründet eine „negative Utopie … [einen] „negatorisch gefasste(n) Entwurf einer veränderten Welt“.

Man könnte unterstellen, dass unter dem Zustand der als Zustand aufzuheben ist, bestimmte Gemeinsamkeiten aller gesellschaftlichen Zustände der menschlichen Vorgeschichte gemeint sind, also das in all der Dynamik auch der Vorgeschichte sozusagen Beständige. Es könnte jenes Gleichbleibende gemeint sein, das die ganze bisherige Geschichte als „Reich der Notwendigkeit“ auszeichnet. B. zitiert Marx: Es seien „alle Verhältnisse umzuwerfen (seien), in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“49 Und B. erklärt, dass sich der „Kommunismus als wirkliche Bewegung … nur durch das begründen (lässt), was nicht sein soll, oder: durch das, was ist. … Das impliziert zugleich für die konkrete Utopie als negative Utopie: das Bilderverbot“ (8). B.s abschließende Bestimmung schließt hier an: „Kommunismus ist eine Leidenschaft, die Leiden abschafft.“ (30)

Marx hat nach der Formulierung seiner kategorischen Imperativs – eines Sollens – durchaus allgemein-konkrete, und in seinen Kritiken der Politischen Ökonomie auch wissenschaftlich-systematisch fundierte Aussagen sowohl über das Reich der Notwendigkeit als auch über das der Freiheit gemacht. Er bestimmte deren jeweiligen geschichtlichen Voraussetzungen und sozialen Charakteristika sowie inneren Logiken (letzteres in Bezug auf die kapitalistische Warenproduktion). Dies verband der junge wie der späte Marx allerdings auch mit einem eigentlich ganz unmarxschen Müssen und Sollen – eben der Vorstellung einer historischen Mission des Proletariats. Der Arbeiterbewegung eine kommunistischen Potenz beizumessen, das war zu Marx‘ und späteren Zeiten für Theoretiker, die sich zugleich als antikapitalistische Revolutionäre verstanden, eine geistige unverzichtbare Voraussetzung dafür, die bürgerliche Epoche nicht als das letzte Wort der Geschichte anzusehen. Die geschichtlichen Erfahrungen mit der Arbeiterbewegung und dem sowjetischen „Sozialismus“ sowie die eigenen theoretische Einsichten erschütterten bzw. widerlegten diese Annahme auch bei den Mitarbeitern jenes Instituts, das in enger Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Internationalen entstanden war, des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Die Erfahrungen mit Faschismus, Holocaust und Weltkrieg ließen es außerdem zu einer zwingenden humanistischen Tat werden, auf der Seite der Antihitlerkoalition Partei zu ergreifen, also für bestimmte Varianten der bürgerlichen Gesellschaft. Das alles macht es nachvollziehbar, wenn bei maßgebenden Vertretern der Kritischen Theorie von Kommunismus überhaupt keine Rede mehr war und sie es schließlich für das höchst Erreichbare hielten, das erreichte Niveau der bürgerlichen Zivilisation gegen drohende und erlebte Abstürze in die totale Barbarei zu verteidigen. Die Entwicklung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein hatte sozusagen die größtmögliche Distanz geschaffen zu den frühen marxschen Thesen von der Überreife des internationalen Kapitalismus, der damit behaupteten Unmöglichkeit einer nur partiellen Emanzipation sowie des Zwangs zur universellen Emanzipation, deren Träger das Proletariat sein müsste.

Heute gibt es gewichtige Gründe für die Annahme, dass die kapitalistischen Gesellschaft samt ihrer Widersprüche ein solches Niveau erreicht hat, dass Marx‘ verfrühte Annahme, dass jede weitere Emanzipation nur noch eine allgemeinmenschliche, alle vorgeschichtlichen Knechtungen, also auch die kapitalistischen Abhängigkeiten aufhebende sein kann. Wenn dies stimmt, muss das Bilderverbot aufgehoben werden. Die Bestimmung des Kommunismus als eine nur negative Utopie und als ein Sollen wird damit zum Hindernis, in der Wirklichkeit solche Bewegungen zu erkennen, die Keimformen des Kommunismus konstituieren.

Das menschliche Leiden, an dem das 20. Jahrhundert übervoll war, begründete keinen Kommunismus. Der Kampf ging vielmehr um die Art der Entwicklung (die nachholende östliche eingeschlossen) der bürgerlichen Gesellschaft. Und heute, was kann das heutige Leiden bewirken?

10. „Kommunismus ist eine Leidenschaft, die Leiden abschafft“

Auch diese letzte These B.s bleibt eine abstrakt-allgemeine Bestimmung. Menschliches Leiden ist wie die Zustände, aus denen diese erwachsen, als historisch spezifisch zu erfassen. Global gesehen kann erst ein bestimmtes Leiden, d.h. ein Leiden auf einem bestimmten ökonomischen und kulturellem Niveau Kommunismus begründen. Das Leiden des einst revolutionären Proletariats war ein solches Leiden an den Widersprüchen des Kapitalismus, das mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise immer wieder partiell gelöst und neu gesetzt wurde. Der Kampf der Arbeiterklasse war auf bessere Existenzbedingungen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet und setzte die ihr möglichen zivilisatorischen Errungenschaften frei. In diesem Sinne war das Leiden immer auch ein Leiden an Hemmnissen kapitalistisch-bürgerlicher Entwicklung, an kapitalistischer Unterentwicklung. Hat heutiges Leiden an den kapitalistischen Widersprüchen noch diesen Charakter, kann es diesen noch haben?

Erstens : Weit verbreitet wird heute der „Fortschritt“ überhaupt selbst als bedrohlich empfunden. Aus einer vielfach berechtigten Angst heraus werden Ideen entwickelt, wie diese Entwicklung aufzuhalten oder gar umzukehren wäre. Parallel wird in anderen Bevölkerungsgruppen eben jener Fortschritt als unzureichend empfunden. So hoffen gegenwärtig massenhaft Menschen in den sogenannten Peripherien auf einen Anschluss an tatsächlichen oder eingebildeten zivilisatorische Standards in einigen kapitalistischen Metropolen. In beiden Fällen aber drückt sich ein solches Leiden aus, dem die kapitalistische Form der gesellschaftlichen Entwicklung selbst nicht als das entscheidend gewordene Problem erscheint. Die globale Überfälligkeit der besonderen kapitalistischen Art des „Fortschritts“ selbst wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

Mit diesem Leiden hatte das revolutionäre Proletariat eine wesentliche Gemeinsamkeit: Als Erlösung von seinen Leiden stellte es sich sein Reich der Freiheit letztlich als einen Kapitalismus vor, der unter proletarischer Herrschaft von seinen Übeln und den Bourgeois gereinigt sein sollte, ein Reich der gleichen Rechte und Pflichten, der (gerechten Lohn-)Arbeit für alle, des Brotes und des Völkerfriedens50. Die Grundinstitutionen der bürgerlichen Gesellschaft wie industrielle Warenproduktion und Staat an sich wurden bzw. werden nicht infrage gestellt.

Trotzdem: Dieses einst sozusagen geschichtsmächtige Leiden des Proletariats, dessen Arbeit und Klassenkampf die noch lange zivilisationsverträgliche Entwicklung der bürgerliche Gesellschaft vorantrieb, und das Leiden etwa der revoltierenden arabischen Jugend, die bestimmte westliche Standards für sich einklagt – das sind bei aller Gemeinsamkeit Dinge von geschichtlich verschiedener Qualität. Dem proletarischen Leiden war, wenn auch in widersprüchlicher und begrenzter Weise, mit der Entwicklung des Kapitalismus abhelfbar. Das ist heute weder in den kapitalistischen Metropolen noch in den Peripherien eine nachhaltige Option. Die Hoffnung auf den einstigen fordistischen Sozialstaat – in seiner real-“sozialistischen“ Form hat er sich ohnehin schon erledigt – trägt weder hier noch dort. Der Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise selbst hat dem inzwischen die Basis entzogen. Bei aller Unterschiedlichkeit, die Leiden, aus denen heraus auf einen Anschluss an den fortgeschrittensten Kapitalismus gehofft wird bzw. jene Orientierung genau auf das Gegenteil, das Bremsen, die Rücknahme seines „Fortschritts“, das sind nicht jene Art des Leidens, die einen Kommunismus begründen können. Welches Leiden also meint B.?

Zweitens : Die Leidenschaften des proletarischen Kämpfers und die sozialen Formen seines Engagements, die Institutionen, die einst seine Erfolge sicherten (Gewerkschaften, Parteien, Staatsinstitutionen), sind andere als etwa die des spätbürgerlichen Individuums, insofern es Lösungen außerhalb der herrschenden ökonomischen und politischen Institutionen sucht. Dessen Schöpferkraft, dessen Selbstbewusstsein, dessen Kooperationsfähigkeit ist zunehmend ein unverzichtbares Momente seiner (Selbst-)Verwertung. Genau diese Eigenschaften rebellieren aber gegen jene Verhältnisse, durch die sie entstehen. Die formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, also die äußeren Zwänge, Beschränkungen, Erniedrigungen, Sinnlosigkeiten der Lohnarbeit und zunehmend auch sogenannter selbständiger Tätigkeiten stutzt die genannten menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse immer wieder zurecht. Als Ausdruck der oben schon erwähnten Zerrissenheit der Individuen und als Antwort darauf schaffen sich zunehmend Menschen jenseits der Verwertungs- und Herrschaftstrukturen ihre Sphären der Selbstentfaltung. Sie engagieren sich u.a. in freien Projekten, entwickeln Produkte, erbringen Leistungen, die der Allgemeinheit ohne Äquivalent zugänglich sind. Oft fußen solche Projekte auf der höchstentwickelten Produktivität, die die kapitalistischen Produktionsweise hervorgebracht hat. In solchen Assoziationen entstehen Praxisformen, für die – wenn zunächst auch auf die entsprechenden Räume begrenzt – gilt, dass „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller“51 ist.

Hinsichtlich unserer Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus – was kann diese Art von partieller Aufhebung des Leidens an verhindertem Schöpfertum bedeuten?

Die Bezugnahme auf solche neue Wirklichkeiten, die nicht durch einen Akt des Kapitals und auch nicht durch politische Maßnahmen konstituiert werden, also nicht durch den Individuen und der Sache äußerliche Mächte, nicht durch Entfremdungsinstitutionen, das macht es erstmalig möglich, unter Bezug auf reale Prozesse, eine Gesellschaft zu denken und zu konstituieren, in der folgendes gilt: Jeder produziert und verbraucht nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Bedürfnissen. Die für die menschliche Existenz notwendigen Tätigkeiten können in einer solchen Weise geleistet werde, dass sie selbst Lebensbedürfnis sein können. Produziert wird nicht mehr in Lohnarbeit wegen eines der Sache und Produzenten selbst fremden Zwecks (etwa Lohn- oder Profiterwerb), sondern im doppelten Sinne in und für die Erfüllung der Bedürfnisse.

Wenn es richtig ist, dass solche Praxen, die im Kapitalismus entstehend die Keime seiner Aufhebung in sich tragen, wenn sie sich selbst und gerade dann ausweiten, wenn auch kapitalistische Unternehmen versuchen die freien Tätigkeiten zu Momenten ihrer Verwertung zu machen (es bietet ihnen einen Konkurrenzvorteil), wenn diese Produktions- und Verbrauchsweise nicht nur die Produktion und den Konsum virtueller Güter erfasst, sondern sie sich auch auf gegenständlich-sachliche Produkte ausweitet, wie wäre ein solcher Prozess zu bezeichnen?

Ausgehend von einem solchen historisch bestimmten Leiden, in der die Einbindung in die kapitalistische Produktionsweise selbst als die Verhinderung menschlichen Glücks erscheint, als Beleidigung eines massenhaft möglich gewordenen menschlichen Schöpfertums, setzen die sich entsprechenden Projekten assoziierenden Individuen den kapitalistischen Zumutungen eigene soziale Räume entgegen. Deren Formen verallgemeinert – das bedeutete, das Schaffen einer neue Welt.

Was bedeutet es, an solchen Prozessen teilzuhaben bzw. sich theoretisch-kritisch auf sie beziehend und nach ihrer möglichen historischen Bedeutung zu fragen? Käme man nur zu einer negative Bestimmung dessen, was nicht sein soll? Nur zu einem Sollen? Oder kämen wir hier zu einer auch positiven Bestimmung einer „wirkliche(n) Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“, zu solchen auch anschaulich zu fassenden Formen des Zusammenfallens des Änderns der Umstände und der menschlichen Selbstveränderung, in der die an den Projekten beteiligten Menschen sich selbst und zugleich allen Individuen die Bedingungen und Gegenstände freier Selbstentfaltung schaffen? Kein den Individuen äußerlicher Zwang, kein über sie herrschendes Mittel der Vergesellschaftung treibt sie, kein Staat, kein Zwang zur Verwertung der eigenen Arbeitskraft, kein Sollen. Ein massenhaftes Wollen dessen, was die Akteure solcher Projekte längst tun.

In solcher historisch-konkreten Art kann das Bilderverbot aufgehoben werden.

Wir sollten versuchen, B.s Bestimmungen des Kommunismus auf geschichtliche Zusammenhänge zu beziehen, auf konkrete heutige Entwicklungen der kapitalistischen Produktionsweise. So kommen wir unserem Vorhaben ein Stück näher, unsere eigenen Vorstellungen von Wegen aus dem Kapitalismus systematisch darzustellen und nachvollziehbar öffentlich zu präsentieren.

Wo Bloch, Adorno und Brecht noch zu Recht nur konstatieren konnten, „Etwas fehlt“52, ist heute Etwas da. Wir sind nicht (mehr) zu einem begriffs- und anschauungslosen Sollen verdammt. Auf der Grundlage der von der kapitalistischen Gesellschaft hervorgebrachten materiellen und geistigen Voraussetzungen entwickeln sich inzwischen potentiell kommunistische Praxen. Die Theorie des Kommunismus wird damit zu dem, was sie in Bezug auf die Arbeiterbewegung und den Real-“Sozialismus“ nicht sein konnte – zur Selbstkritik dieser Praxen als einer wirklichen Bewegungen des Aufhebens kapitalistischer Zustände. Deren Akteure – und in Bezug darauf eine zunehmende Öffentlichkeit – kämen damit zum Bewusstsein der in diesem Tun steckenden geschichtlichen Möglichkeiten. Ein Engagement in solchem „Etwas“ und für dessen Förderung wird damit zu bewussten positiv-gestaltenden Tat.

Anmerkungen

1 Karl Marx/ Friedrich Engels, Deutsche Ideologie, MEW 3/35.

2 Behrens bezieht sich dabei auf folgende Marx‘ Thesen: „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im Wesen des Christenthum nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der „praktisch-kritischen“ Tätigkeit.“ und „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“Karl Marx, Thesen über Feuerbach. MEW 3/5 und 7.

3 Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3/5.

4 „Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d.h., die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit.“ Karl Marx, Friedrich Engels, Deutsche Ideologie, MEW 3/22. Knechtende Formen der Arbeitsteilung bedeuten zugleich Entftremdung, das „Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, … [des] eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns.“ Damit „nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit“. Ebenda S. 33.

5 Gegen eine Geschichtsphilosophie schrieb er (und Engels) u.a. mit der Deutschen Ideologie an. Später antwortete Marx auf die Annahme, er halte die kapitalistische Auflösung der russischen Dorfgemeinde für unvermeidlich: Wenn man bestimmte historische „Entwicklungen für sich studiert und sie dann miteinander vergleicht, wird man leicht den Schlüssel zu dieser Erscheinung finden, aber man wird niemals dahin gelangen mit dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein.“ Seine „historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges (zu) verwandeln, … heißt mir zugleich zu viel Ehre und zu viel Schimpf an(zu)tun.“ Karl Marx, Brief an die Redaktion der „Otetschestwennyje Sapiski“, MEW 19/111ff.

6 Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3/6.

7 Behrens‘ These 6: Marx definierte 1845 „die Revolution nicht als besonderes Ereignis zu einem besonderen Zeitpunkt innerhalb der Geschichte, sondern umgekehrt wird vielmehr die Geschichte, sofern sie vom Menschen aktiv gestaltete Zeit ist und eben aus der »praktisch-kritischen Tätigkeit« resultiert, als allgemeine revolutionäre Bewegung verstanden. Als menschliche Geschichte kann Geschichte nur revolutionär verstanden werden: praktisch und kritisch. Wird die Welt nur interpretiert, ist die Geschichte nicht vom Menschen gemacht oder wird die vom Menschen gemachte Geschichte unterschlagen. Erst in der Veränderung der Welt macht der Mensch Geschichte und macht auch die Geschichte den Menschen. Entsprechend heißt es in der dritten Feuerbachthese: »Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.«“

8 Das schließt B. eigentlich aus. Marx habe „Revolution nicht als besonderes Ereignis zu einem besonderen Zeitpunkt innerhalb der Geschichte“ gefasst, sondern als „allgemeine revolutionäre Bewegung“. These 6.

9 Unter Überreife wird hier verstehe ich: Das Erschöpfens der zivilisatorischen Möglichkeiten und die vollständige Herausbildung von Bedingungen der kommunistischen Gesellschaft. Marx zu diesen beiden Bedingungen der Aufhebbarkeit des Kapitalismus: Erstens: Wenn „weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, … als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint“, wenn dagegen der „Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht [eine] miserable Grundlage“ des menschlichen Reichtums wird, „die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. … Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen.“ Zweitens: „… innerhalb der bürgerlichen, auf dem Tauschwert beruhenden Gesellschaft erzeugen sich sowohl Verkehrs- als Produktionsverhältnisse, die ebenso viel Minen sind, um sie zu sprengen. … wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie.)“ Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42/600f. und 93.

10 Karl Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW 25/828.

11 Allerdings gibt es auch innerhalb einer Formation Revolutionen – Entwicklungsrevolutionen der Formation selbst, solche von oben (wie etwa die bismarcksche Reichseinigung) oder von unten. Die deutsche Novemberrevolutionen von 1918 und 1989 können angesehen werden als Revolutionen innerhalb im wesentlichen bereits bürgerlichen Gesellschaft, die deren Entwicklungshemmnisse sprengten.

12 Auch das Entstehen der kapitalistischen Form des Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung ist nur als Aufhebung ganz bestimmter vorkapitalistische Verhältnisse zu begreifen und zwar unter der Voraussetzung, dass die die unverzichtbaren Momente der kapitalistischen Vergesellschaftung geschichtlich bereits vorhanden sind. Dies sind u.a.: doppelt freie Arbeitskräfte, Akkumulation großer Geldmengen, eine Vielfalt von (noch nicht kapitalistische produzierten) Waren und ein verbreitetes zahlungsfähiges Bedürfnis danach. Ohne diese materielle Voraussetzungen und ohne eine entsprechende Ideologie, die den Verkauf der eigenen Arbeitskraft auch denkbar und aktzeptabel macht, kann vom Entstehen des Kapitalismus keine Rede sein.

13 Dass erst im Kapitalismus unverzichtbare Voraussetzungen des „Reiches der Freiheit“ entstehen, bedeutet nicht, Kommunismus nur als die Aufhebung spezifisch kapitalistischer Verhältnisse zu verstehen. Er ist vielmehr die Aufhebung aller Zustände, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, den Mitteln seiner eigenen Vergesellschaftung wie von einer fremden Macht unterworfen.

14 Karl Marx/ Friedrich Engels, Deutsche Ideologie, MEW 3/35. Anderenfalls wären die Kritik der Politischen Ökonomie, insofern sie die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise erfasst, eine für die Theorie des Kommunismus völlig unnötige Angelegenheit. Marx hätte sich dann nicht den Hintern im Britischen Museum wund sitzen, sondern vielmehr seine wissenschaftliche Arbeit mit den Feuerbachthesen beenden und zum reinen Propagandisten der Geschichtsphilosophie werden müssen. Dann wäre allerdings auch zu fragen, was über die Wissenschaft des richtigen Denkens, auch des Denkens von Geschichte, wie sie Hegel schon hervorgebracht hatte, hinaus noch zu leisten gewesen wäre. Vermutlich nichts.

15 Diese Logik stellt den „dialektisch interpretierten Erkenntnisprozess unter dem Aspekt der Aufeinanderfolge und des Zusammenhangs der in ihm entdeckten logischen Kategorien dar,“ sie ist „eine Untersuchung der Entwicklung des Erkenntnisprozesses in kategorialer Hinsicht.“ Viktor A. Vazjulin, Die Logik des >Kapitals< von Karl Marx, Vorwort zu zweiten russischen Auflage. Books on Demand GmbH Norderstedt 2005, S. 22f.

16 W.I. Lenin, Die große Initiative, LW 29/411. Übrigens reduziert sich die Frage nach der kommunistischen Potenz des Proletariats bei Lenin auf die Frage nach dessen Fähigkeiten auf, erstens die Macht zu erobern und zweitens mit deren Hilfe der gesamten Gesellschaft die besonderen Fähigkeiten des organisierten Proletariats zu disziplinierter und aufopferungsvoller uneigennütziger Tätigkeit auszuzwingen. „Der Kommunismus beginnt dort, wo einfache Arbeiter in selbstloser Weise, harte Arbeit bewältigend, sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich und nicht den ihnen ‘Nahestehenden’ zugute kommen, sondern ‘Fernstehenden’ , d.h. der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit.“ Ebenda, 417. Auch Marx band die missionarische Fähigkeit des Proletariats u.a. an „die harte, aber stählende Schule der Arbeit.“ Karl Marx/Friedrich Engels, Die heilige Familie. MEW 2/38. Die herrschenden Vertreter der Arbeiterklasse in allen „sozialistischen“ Ländern sahen sich allerdings sofort nach der Revolution gezwungen, diese stählende Schule mittels des stummen Zwangs der Warenproduktion und des offenen Zwangs (das „sozialistische“ Recht oder der blanken Terror) auch der Lohnarbeiterschaft aufzuzwingen. Der Staat starb nicht ab, sondern wurde notwendigerweise zum „Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse“ (hier des Staatskapitals) verwaltet. Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW Bd. 4/464. Es wurden auch sonst, wenn auch in besonderer Weise und unter „sozialistischer“ Flagge, alle Grundistitutionen der bürgerlichen Gesellschaft rekonstruiert.

17 „Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer andern aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“ W.I. Lenin, Die große Initiative, LW 29/410.

18 Karl Marx, Debatten über Pressfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen. MEW 1/67.

19 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1/250.

20 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1/231.

21 Vgl. Ulrich Weiß, Zur Zeitbezogenheit marxistischer Kommunismusvorstellungen. Hrsg.:„Helle Panke“ zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V., Berlin 2009. info@helle-panke.de oder uli@weiss-und-freunde.de . Abschnitt 2. Der wahre Staat und die besonderen Interessen, S. 8ff und Abschnitt 3. Das besondere Interesse muss zum allgemeinen, das allgemeine wirklich werden, S. 16ff.

22 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1/325.

23 Er verwarf einen eigenen Text, in dem der „Gegensatz des Wirklichen und Sollenden, der dem Idealismus eigen, sehr störend hervor“-getreten war, in dem „das Subjekt an der Sache umherläuft, hin und her räsoniert, ohne daß die Sache selbst als reich Entfaltendes, Lebendiges sich gestaltete, von vornherein Hindernis, das Wahre zu begreifen.“ Marx wollte nunmehr dagegen „das Objekt selbst in seiner Entwicklung belausch(en)“ Karl Marx, Brief an den Vater in Trier. MEW 40/4f.

24 „Feuerbach löst das religiöse Wesen in des menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Karl Marx, Thesen über Feuerbach. MEW 3/6.

25 Man kann »die Philosophie nicht aufheben, ohne sie zu verwirklichen«, genauso wenig wie man die Philosophie nicht verwirklichen kann, »ohne sie aufzuheben«. Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1/384.

26 Der alte Engels bekannte zu seinen und Marxens frühen Vorstellungen vom Kommunismus als „eine(r) Theorie, deren Endziel ist die Befreiung der gesamten Gesellschaft … aus den gegenwärtigen einengenden Verhältnissen“. Allerdings sei diese Theorie nur „in abstraktem Sinn richtig, aber in der Praxis meist schlimmer als nutzlos.“ Friedrich Engels, Vorwort [zur englischen Ausgabe (1892) der „Lage der arbeitenden Klasse in England“], MEW 22/269f.

27 Die Proletarier sind „der völlige Verlust des Menschen … (die) Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand.“ Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1/389f. Ihnen fällt die „weltgeschichtliche Rolle“ zu, die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden. Nur das Proletariat „kann und muß … sich selbst befreien“, indem es mit einen „eigenen Lebensbedingungen … alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft“ aufhebt. „Es handelt sich nicht darum, was … selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.“ Entscheidend sei das Bewusstsein „seiner [des Proletariats – UW] geschichtlichen Aufgabe zur vollständigen Klarheit herauszubilden.“ Karl Marx/Friedrich Engels, Die heilige Familie. MEW 2/38.

28 Siehe Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms. MEW 19/20ff.
Vgl. Ulrich Weiß, Zur Zeitbezogenheit marxistischer Kommunismusvorstellungen. Hrsg.:„Helle Panke“ zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V., Berlin 2009. info@helle-panke.de oder uli@weiss-und-freunde.de

29 In Frankreich und England sei die partielle Emanzipation (die Überwindung feudaler Verhältnisse) bereits vollzogen. Dort offenbare sich das ganze Elend der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Produktionsweise. Erfolgreiche Revolutionen – selbst da, wo wie in Deutschland noch feudale Verhältnisse vorherrschen – könnten nur noch den Charakter einer universellen, allgemeinmenschlichen Emanzipation annehmen, also die bürgerliche Gesellschaft selbst überwinden. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1/389f.

30 Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW EB I/546.

31 Sie zitiert zustimmend: „Friedrich Engels sagte einmal: die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), Werke Bd. 4, Dietz Verlag Berlin 1974, S. 62.

32 Dass wir uns genau einem solchem Punkt nähern oder schon längst mitten drin stecken, dafür sprechen systematisch darstellbare Gründe. Diese treten m.E. etwa in der totalen Hilflosigkeit der offiziellen Wirtschaftswissenschaft hinsichtlich der dramatischen ökonomischen Krisen in Erscheinung. Politik und Wirtschafts-“Wissenschaft“ hatte kurzzeitig eine Ahnung davon, dass die heutigen Krisenprozesse im kapitalistischen System nicht mehr auf eine zivilisationsverträgliche Weise aufhebbar sind. Doch befangen in den Kategorien und Institutionen genau dieses Systems können „Wissenschaftler“ wie Politiker nur Maßnahmen vorschlagen oder ergreifen, die diese Bedrohung noch vertiefen. Ein Ausdruck des gleichen Dilemmas ist die völlige Unfähigkeit in der Politik und in der allgemeinen Lebensweise (sofern letztere Moment der kapitalistischen Produktionsweise ist) in irgendeiner angemessenen Weise auf wissenschaftlich begründete Aussagen zu menschlich verursachten Umweltveränderungen und Ressourcenvernichtung zu reagieren. In der Guttenberg-Affäre erscheint meines Erachtens eine innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr heilbare innere Spaltung von Persönlichkeiten in je einen praktisch-politisch bzw. ökonomisch (die Verwertung von Welt sichernden) zweckmäßig handelnden und in einen davon völlig getrennten Menschen mit dem Anspruch Wissenschaft zu fördern oder auch nur zu erhalten, vernünftig im Sinne der Allgemeinheit oder auch nur der nachhaltigen Existenz zu denken und zu handeln. Diese Schizophrenie, die zunehmend alle bürgerlichen Individuen durchzieht, findet, nicht nur was die Guttenberg-Geschichte betrifft, eine auch äußerliche Entsprechung: Spaltung der Bevölkerung in einen kleineren Teil, der die Ansprüche und damit die Existenz wissenschaftlichen Denkens und wissenschaftlicher Institutionen verteidigt, und einen größeren, der im Konfliktfalle bereit ist, die gesamte bürgerliche Aufklärung aufzugeben.

33 In den Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie antizipiert Marx entlang des Zwanges zur Produktion relativen Mehrwertes ein solches, heute wahr werdendes Niveau der kapitalistischen Produktionsweise, da über die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums nicht mehr die Masse der verausgabten Arbeitszeit bestimmt, sondern die wissenschaftlichen, künstlerischen, unmittelbar kooperativen Fähigkeiten der unmittelbaren Produzenten, die aus dem unmittelbaren Fertigungsprozess heraustretend Funktionen des Planens, des Dirigierens, des Kontrollierens der Produktion übernehmen müssen. Von diesem Punkt an wird eine auf die Verwertung von Wert gegründete Produktion zur miserablen Grundlage der Gesellschaft. Damit erst – so weiß also Marx inzwischen – wird die kapitalistische Produktionsweise aufhebbar. Karl Marx, Grundrissen zur Kritik der Politischen Ökonomie. MEW 42/600ff.

34 „Wenn ich die ökonomische Last abgeschüttelt, werde ich eine „Dialektik“ schreiben.“ Karl Marx, Brief an Joseph Dietzgen vom 9.5.1868, MEW 32/547. Engels‘ Versuche, dies zu tun: Herrn Eugen Dührung’s Umwälzung der Wissenschaft und Dialektik der Natur, MEW 20.

35 „Die Philosophen haben die Welt nur verschiedenen interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3/7.

36 Lenin wusste das: „Als ich soeben durch den Tagungsraum ging, stieß ich auf ein Plakat mit der Aufschrift: ‘Das Reich der Arbeiter und Bauern wird nimmer enden.’ … Über welch elementare und grundlegende Dinge bestehen doch bei uns Missverständnisse und falsche Auffassungen. In der Tat, wenn das Reich der Arbeiter und Bauern nimmer enden sollte, so würde das bedeuten, dass es niemals Sozialismus geben wird, denn Sozialismus bedeutet Aufhebung der Klassen; solange aber Arbeiter und Bauern bestehen bleiben, bleiben auch verschiedene Klassen bestehen und kann es folglich keinen vollen Sozialismus geben.“ W.I. Lenin, Rede auf dem gesamtrussischen Verbandstag der Eisenbahn- und Schifffahrtsarbeiter, LW 32/278.

37 Engels über Leute, die die tatsächlichen historischen Voraussetzungen ignorierend, den Kommunismus als Befreiung der gesamten Gesellschaft propagieren und nach einer die Klassengegensätzen und Klassenkämpfen überwindenden „höheren Menschlichkeit“ strebten: Es seien „entweder Neulinge, die noch massenhaft zu lernen haben, oder aber die schlimmsten Feinde der Arbeiter, Wölfe im Schafspelz.“ Friedrich Engels, Vorwort [zur englischen Ausgabe (1892) der „Lage der arbeitenden Klasse in England“], MEW 22/270.

38 Siehe die Lebensgeschichten der sowjetischen bzw. DDR-Philosophen E.W. Iljenkow und Lothar Kühne; Ewald Wasiljewitsch Iljenkow, Brief an das ZK der KpdSU, in: Marxistische Blätter 1-06, www.caute.net.ru/ilyenkov/texts/aln/brief.pdf; In Memoriam Lothar Kühne. Von der Qual, die staatssozialistische Moderne zu leben. Hg. von M. Brie und K. Hirdina. Edition Berliner Debatte, GSFP 1993, sh. auch http://www.weltfilter.de/1menschen/kuehnelothar.html.

39 „War bis in die Mitte der dreißiger Jahre hinein die marxistische Arbeiterbewegung der Bezugspunkt“, so sind für Horkheimer nunmehr „nur noch bewunderungswürdige kleine Gruppen, zu denen sich die Wahrheit geflüchtet hat.“ -Ernst Schiller, Was ist Kritische Theorie? 2010, www.rote-ruhr-uni.com/cms/Was-ist-Kritische-Theorie,411.html S. 7. Sh. Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, GS 4, S. 211.

40 Hans-Ernst Schiller, Was ist Kritische Theorie? Bochum 2010, www.rote-ruhr-uni.com/cms/Was-ist-Kritische-Theorie,411.html S. 17.

41 Vgl. Max Horkheimer, Notizen, GS 6, S. 414.

42 Marcuse an Horkheimer 1951. An der Situation der »Flaschenpost« sei ihm „weniger gelegen ist als an der Erfüllung unserer verbleibenden Lebensjahre. Statt seiner „isoliertern oder berufsmäßigen Bemühung“ möchte er liebe „dem Weltgeist in die Nüstern … spucken“ Herbert Marcuse, Brief an Max Horkheimer, 18. Oktober 1951, in: Wolfgang Kraushaar, Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcoctail. 1946-1995, Band 2, Hamburg, 1998, S. 62f. J. Agnoli zu Marcuse in den 1960ern: „Das Utopische an Marcuse war, dass der euch [den revoltierenden Studenten – UW] sagte: ‚Ihr seid das Subjekt der Revolution.‘ Das war es, was wie eine Bombe einschlug.“ Johannes Agnoli, Wolfgang Gehrcke, Bernd Rabehl, Die 68er Studentenbewegung – eine vergessene Revolte? Dokumentation einer Podiumsdiskussion am 28. April 1994 in der TU Berlin. Moderation: Ulrich Weiß, in: Utopie kreativ, Heft 49, S. 62.

43 Verwunderlich ist dabei, dass B. den entsprechenden Irrtum von Marx, der ihm sonst durchgängig Kronzeuge ist, ignoriert.

44 Siehe die durchaus geschichtsmächtigen Lieder der Arbeiterbewegung, die von befreiter Arbeit, vom Reich der Arbeit, von gerechter Verteilung der Arbeit und des Reichtums (dies dann notwendig Waren) handeln. Das kommunistische Ideal der Arbeiterbewegung: Eine von den Übeln des Kapitalismus (der Lohnarbeit) befreite Lohnarbeit.

45 „Konkret“ bedeutet hier deren Bezogenheit auf reale soziale Bewegungen, in denen zumindest die Potenz einer kommunistischen Vergesellschaftung erkennbar sein konnte.

46 Siehe auch: Ulrich Weiß, Die endliche Geschichte vom „sozialistischen“ Fordismus, 1998, http://weiss-und-freunde.de/UliWeiss/sozialistischerFordismus.html, ders. Marx und der mögliche Sozialismus, S. 958-971 in: UTOPIE kreativ, Heft 120, Oktober, 2000, sh. www.trend.infopartisan.net, Ausgabe 4/99

47 Siehe die Diskussion über Commons in www.keimform.de: Christian Siefkes, Wie es den Kapitalismus zum Commonismus treibt, Stefan Meretz, Commons-basierte Peer-Produktion.

48 »Angesichts der konkreten Möglichkeit von Utopie ist Dialektik die Ontologie des falschen Zustandes. Von ihr wäre ein richtiger befreit, System so wenig wie Widerspruch.« Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Gesammelte Schriften (GS) 6, 22.

49 Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1/385.

50 „Wenn die letzte Schlacht geschlagen, Waffen aus der Hand!/ Schlingt um die befreite Erde/ brüderliches Band!/ Dann wird froh die Sichel rauschen in dem Erntefeld./ Arbeit, Brot und Völkerfrieden – das ist unsre Welt!“ Brüder seht die rote Fahne, 4. Strophe.

51 Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei. MEW 4/482

52Was ist, soll nicht sein. Indes: Was sein soll, können wir aus dem, was ist, nicht schließen. Die konkrete Utopie ist konkret in Hinblick auf die Wirklichkeit; erst in der Kritik der konkreten Wirklichkeit ergeben sich die konkreten Möglichkeiten einmal mehr: negativ (in einem Gespräch haben Bloch und Adorno dies mit der Brechtschen Formel »Etwas fehlt« bezeichnet).“ These 10, Roger Behrens, Kommunismus. Dreißig Thesen, in: phase 2, Nummer 31 (2009), zitiert aus www.streifzuege.org/2010/kommunismus-dreissig-thesen

14 Comments

  • Marx und Engels haben nicht erklärt, was Kommunismus ist oder sein sollte, sondern dass sie „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ als Kommunismus verstehen. Das Wort Kommunismus ist für sie eine Bezeichnung für eine Bewegung mit einer den jetzigen Zustand aufhebenden Wirkung. Damit haben sie aber nicht ausgesagt, dass „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“, der Kommunismus ist.
    „Der Kommunismus als wirkliche Bewegung . . . „ : Das ist wiederum eine andere Aussage! Sie bringt zum Ausdruck, dass es etwas gibt, das als Kommunismus bezeichnet wird und das so Bezeichnete dann „kritische Theorie der Praxis“ sei, wenn es als „als wirkliche Bewegung“ verstanden werde oder existiere. Als „wirkliche Bewegung“ sei das hier als Kommunismus Bezeichnete „kritische Theorie der Praxis“, aber eben nur dann, wenn das so Bezeichnete – der Kommunismus – „als wirkliche Bewegung“ verstanden werde oder existiere. Mit der Bezeichnungsform – „Der Kommunismus“ –wird auf etwas hingewiesen, was es gegeben habe, gebe oder was „hergestellt“ werden soll(te) und sei es „als wirkliche Bewegung“.
    Bei allem Umgang mit dem Wort Kommunismus – und jedem steht es frei wie er damit umgeht – kann nur dann Bezug auf Marx und Engels genommen werden, wenn dabei dessen Verständnis von dem, was sie als Kommunismus bezeichnen, Gegenstand des Umganges ist, nämlich „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“. Nimmt man darauf Bezug, geht es nicht mehr um das Wort Kommunismus, sondern darum, was unter „ die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ zu verstehen ist. Zum Beispiel die Änderungen und das Verändern des als Kapitalismus bezeichneten Zustands der Entwicklung der Menschheit. (s. Der Erkenntnis-Widerspruch.)

  • Uli Weiss sagt:

    Blickensdörfer sagt:
    1. M/E verstehen unter Kommunismus „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“
    2. M/E verstehen unter Kommunismus nicht „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“
    Mit gelingt es auch mit Blickensdörfers Erläuterungen nicht, dies zu verstehen.
    Offenkundig geht es tatsächlich darum, dass in Bezug auf „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ unter Bewegung und/oder Zustand Unterschiedliches verstanden wird.
    Das ist auch der Sinn meiner Kritik an Roger Behrens, dass nicht gesagt wird, welche historisch bestimmte Bewegung welchen bestimmten Zustand aufhebt.
    Bei Marx ist ja die bürgerliche Gesellschaft eine sich ununterbrochen revolutionierende, also eine Bewegung, die beständig den gerade konstituierten Zustand aufhebt und sich gerade dadurch immer wieder als bürgerliche Gesellschaft konstituiert.
    Sollte in Marx‘ Vorstellung diese Bewegung, die inner- und prokapitalistsiche Bewegung, bereits die kommunistische sein?
    Blickensdörfer legt nahe, dass ihm die kommunistische Bewegung auch etwas anderes ist: „Zum Beispiel die Änderungen und das Verändern des als Kapitalismus bezeichneten Zustands der Entwicklung der Menschheit.“
    Ja aber bitte welche denn: die ständige Veränderung, die den Kapitalismus beständig reproduziert oder die Bewegung, die ihn aufhebt?
    Ist das – nachvollziehbare – Entsetzen über die Tatsache, dass die wirkliche Arbeiterbewegung, der reale „Sozialismus“, die Bewegungen der vielen K-Gruppen nicht die wirklichen Bewegungen waren, die den jetzigen (kapitalistischen) Zustand aufheben konnten, so nachhaltig lähmend, dass immer noch nicht gewagt wird, die Bestimmung von Kommunismus als „wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ eben auf einen bestimmten historischen Zustand (den kapitalistischen auf einem bestimmten Entwicklungsniveau) und in Bezug auf reale soziale Prozesse zu beziehen? Das bedeutete natürlich Aussagen über den aufgehobenen Zustand, den durch die Bewegung hervorgebrachten kommunistischen Zustand treffen zu müssen. Das wiederum heißt nicht Bild(chen) zu produzieren, sondern positive Aussagen zu treffen etwa über jene besondere kommunistische Form gesellschaftlicher Vermittlung, die die Arbeiterbewegung und der Real-“Sozialismus“ nicht hervorbrachten und auch nicht hervorbringen können.
    Ich bemühe mich ja, davon auszugehen, dass in Deiner Aussage etwas anderes steckt als Tautologie: >Als „wirkliche Bewegung“ sei das hier als Kommunismus Bezeichnete „kritische Theorie der Praxis“, aber eben nur dann, wenn das so Bezeichnete – der Kommunismus – „als wirkliche Bewegung“ verstanden werde oder existiere.<
    Aber lieber Blickensdörfer versuche das doch mal in irgendeiner Weise in Bezug auf wirkliche Zustände und wirkliche Bewegungen zu verorten.

  • Lieber Uli Weiss,
    so wie mich die Thesen von R.B. zu einem Kommentar inspiriert haben, so auch ihre tiefgründige Auseinandersetzung mit diesen Thesen. Mit meinen Kommentaren will ich vor allem Anerkennung zum Ausdruck bringen, sich und andere mit dieser Auseinandersetzung vom herrschenden Verständnis zu „Kommunismus“ befreien zu wollen, „Wege aus dem Kapitalismus“ finden zu wollen.

    Nun ist die mir selbst auferlegte Kürze meines Kommentierens zwangsläufig mit Verzicht auf Redundanz verbunden, was das Lesen des Kommentars Schwierigkeiten bereiten kann. Deshalb nun hier noch eine „Klarstellung“ zu meinem Kommentar:
    Im letzten Satz meines ersten Absatzes nehme ich Bezug auf den zweiten Absatz meines Kommentars.
    Im zweiten Absatz nehme ich Bezug auf die 5.These von R.B. und weise nach, dass mit ihr nicht das Verständnis von M/E zu „Kommunismus“ zum Ausdruck kommt, sondern eine andere Aussage ist.
    Im dritten Absatz die Schlussfolgerung zum Umgang mit dem Wort „Kommunismus“.

    Ihre Forderung
    „Wir sollten versuchen, B.s Bestimmungen des Kommunismus auf geschichtliche Zusammenhänge zu beziehen, auf konkrete heutige Entwicklungen der kapitalistischen Produktionsweise. So kommen wir unserem Vorhaben ein Stück näher, unsere eigenen Vorstellungen von Wegen aus dem Kapitalismus systematisch darzustellen und nachvollziehbar öffentlich zu präsentieren.“
    halte ich für den richtigen Weg zum Verständnis, was „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ bedeutet und also damit, welche Menschen mit welchen Tätigkeiten eine resultierende Wirkung zur Folge hat, die als Aufhebung des „Kapitalismus“ bezeichnet werden kann.

    Diese Bewegung ist aber nicht als „kommunistische Bewegung“ (und von mir auch nicht so bezeichnet) zu bezeichnen, wenn dabei Bezug auf M/E genommen wird, sondern dass diese Bewegung im Verständnis von M/E von ihnen als „Kommunismus“ bezeichnet wird.

    Methodisch ist zu beachten, dass eine Bezeichnung nicht vom Sein bestimmt ist, sondern vom Verständnis vom Sein, das nur ein Teil des und vom bezeichneten Sein ist.

    Besser wäre deshalb, nicht „Bestimmungen des Kommunismus“, sondern aus den Kenntnissen der „geschichtlichen Zusammenhänge“ der Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise wissenschaftlich abzuleiten, mit welchen Veränderungen sie aufgehoben wird (werden kann). Weil dafür kein Kommentarplatz angemessen, deshalb mein „Zum Beispiel“ und mein Hinweis auf „erkenntniswiderspruch“.

    Was das „verorten“ betrifft, hier nur so viel dazu: Das Verstehen der Erscheinungen, ohne von ihnen zu abstrahieren, führt zu ihren beliebigen Verstehen. Ein probates Mittel, das von denen beherrschen zu können, welche Verfügungsmacht haben.

    Ich hoffe, Sie können es als Basis und Aufmunterung für ein Weiterdenken verstehen

    Peter Blickensdörfer

  • […] Vgl. dazu die Notizen zu Thesen über Kommunismus von Roger Behrens […]

  • […] Samstag vormittag trug Uli Weiß seine auch schriftlich vorliegenden etwas lang gewordenen „Notizen zu den Dreißig Thesen zum Kommunismus“ vor. Seine Hauptkritik an R. Behrens ist: „Die methodische Schwäche der Thesen bestehen darin, […]

  • Hans-Gert Gräbe sagt:

    Hallo Uli, du schreibst

    Der junge Marx ging davon aus, dass die bürgerliche Gesellschaft etwa in England und Frankreich bereits in Fäulnis übergegangen und dass der Kommunismus das „für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation …, die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft“ sei. Einen solchen historischen Standort vorausgesetzt sind folgende Annahmen logisch zwingend: Jedes Denken, das sich bemüht Gesellschaft zu verstehen, muss notwendig ein kommunistisches sein. Wissenschaft und Kommunismus als Theorie fielen zusammen. Auch jede Praxis, insofern sie des wissenschaftlichen Denkens bedürfte, wäre eine kommunistische oder sie wäre nichts.

    Es scheint ja ein Spezifikum der kapitalistischen Gesellschaft zu sein, dauern „faulend“ und zugleich voller neuer Potenzen zu sein. Die von Marx erkannte Notwendigkeit dieser Gesellschaft, ihre eigenen Bewegungsformen dauernd umzuwälzen, muss ich sicher nicht weiter erläutern. Wäre es aber an dieser Stelle dann nicht angezeigt, etwas mehr Dialektik beizumischen und auch das „Denken, das sich bemüht Gesellschaft zu verstehen“ als Entfaltung eines solchen dialektischen Widerspruchs zu konzipieren? Wäre dann aber das kommunistische Element vielleicht nur die Denkform einer überschüssigen Utopie im Heute, eines noch nicht Entfalteten, eines Noch-Nicht im Blochschen Sinne? In einem solchen Denkmuster müsste Marx heute genauso als „utopischer Sozialist“ wahrgenommen werden wie dieser seine Vorläufer wahrgenommen hat.

    In diesem Sinne gibt es keine kommunistische Praxis, denn sie wäre immer einseitig. Und Behrends‘ Thesen wären um eine These 0 zu ergänzen: Kommunismus ist nur ohne Kommunisten möglich.

    Siehe dazu auch HDS im ND vom 7.4. und das dort abgedruckte Zwerenz-Zitat (verkürzt: „Für Antikommunisten bin ich Kommunist und für Kommunisten Antikommunist – und habe meinen Bloch also verstanden“) oder Michael Wendls „Vom Elend des Traditionssozialismus“ im Sozialismus 2/2011.

    Die tiefe innere Zerrissenheit der spätbürgerlichen Individuen ist also in ihren realen sozialen Bezügen zu begreifen. Hinsichtlich des kapitalistisch bestimmten Denkens und Handelns, denen unvermeidbar alle Individuen der bürgerlichen Gesellschaft gerecht werden müssen, ist (oder scheint) es klar, worauf dies bezogen ist, woraus es erwächst: Es ist der absolute Zwang, sich als Ware zu bewähren, sich in Wert zu setzen, und alle damit verbundenen Existenznotwendigkeiten der Menschen innerhalb dieser Gesellschaft.

    Nein, die tiefe innere Zerrissenheit rührt vom Zwang her, im Bedürfnis zugleich die nachhaltige Reproduktion der Bedingungen seiner Erfüllbarkeit in einer arbeitsteilig hochgradig fragmentierten Gesellschaft mitzudenken. Der „Zwang, sich als Ware zu bewähren“ ist nur dessen Ausdruck, den die Geldform – und das ist deren kulturelle Leistung – wenigstens rudimentär leistet. Keiner der bisherigen Kommunismen, der theoretischen wie praktischen, hat hier auch nur ansatzweise logisch nachvollziehbar Konzeptionelles vorzuweisen. Die komplexe Eigendynamik der Geldform wird erst in deren genauerem Studium sichtbar, das kann ich nach mehreren Jahren eigener Lektüre in dieser Richtung mit Bestimmtheit sagen. Die traditionsmarxistischen Mantras werden dieser Komplexität nicht ansatzweise gerecht.

    Bilderverbot – In solcher historisch-konkreten Art kann das Bilderverbot aufgehoben werden.

    Die religiöse Qualität der törichten Annahme, man könne unter Ausschaltung des Denkens in Bildern als einer der wichtigsten Kreativtechniken Zukunft besser denken, ist mit Händen zu greifen. Es wäre also eher spannend, nach den Quellen dieser Religiosität zu suchen, warum auch du hier den Pfaffen gibst und darüber mit anderen Pfaffen verhandelst, unter welchen Bedingungen du bereit bist, durch Galileos Fernrohr zu schauen (um es mal selbst in einem Bild auszudrücken). Marx hätte dafür sicher nur Hohn und Spott übrig gehabt. Verweis nicht zuletzt auf Michael Wendls Beitrag „Das Elend des Traditionssozialismus“ mit immerhin einem ganzen Abschnitt „Sozialismus als Religion?“ im Sozialismus 2/2011.

    Wo Bloch, Adorno und Brecht noch zu Recht nur konstatieren konnten, „Etwas fehlt“, ist heute Etwas da. Wir sind nicht (mehr) zu einem begriffs- und anschauungslosen Sollen verdammt. Auf der Grundlage der von der kapitalistischen Gesellschaft hervorgebrachten materiellen und geistigen Voraussetzungen entwickeln sich inzwischen potentiell kommunistische Praxen. Die Theorie des Kommunismus wird damit zu dem, was sie in Bezug auf die Arbeiterbewegung und den Real-“Sozialismus“ nicht sein konnte – zur Selbstkritik dieser Praxen als einer wirklichen Bewegungen des Aufhebens kapitalistischer Zustände. Deren Akteure – und in Bezug darauf eine zunehmende Öffentlichkeit – kämen damit zum Bewusstsein der in diesem Tun steckenden geschichtlichen Möglichkeiten. Ein Engagement in solchem „Etwas“ und für dessen Förderung wird damit zu bewussten positiv-gestaltenden Tat.

    Was aber, wenn auch das nur einen „Kapitalismus, wie wir ihn noch nicht kennen“ einläutet? Wärst du enttäuscht, wenn sich die anscheinend „wirklichen Bewegungen des Aufhebens kapitalistischer Zustände“ ein weiteres Mal als Transformation innerhalb dieser „Gesellschaftsformation“ (du scheinst mit dem Begriff noch sehr viel anfangen zu können) erweisen? Wenn wir „nur“ dem Kommunismus (was das auch immer ist) eine Transformation näher gerückt wären? Eine Transformation in einer vielleicht ja sogar potenziell unendlichen Kette von Transformationen?

    In der Guttenberg-Affäre erscheint meines Erachtens eine innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr heilbare innere Spaltung von Persönlichkeiten in je einen praktisch-politisch bzw. ökonomisch (die Verwertung von Welt sichernden) zweckmäßig handelnden und in einen davon völlig getrennten Menschen mit dem Anspruch Wissenschaft zu fördern oder auch nur zu erhalten, vernünftig im Sinne der Allgemeinheit oder auch nur der nachhaltigen Existenz zu denken und zu handeln. Diese Schizophrenie, die zunehmend alle bürgerlichen Individuen durchzieht, findet, nicht nur was die Guttenberg-Geschichte betrifft, eine auch äußerliche Entsprechung: Spaltung der Bevölkerung in einen kleineren Teil, der die Ansprüche und damit die Existenz wissenschaftlichen Denkens und wissenschaftlicher Institutionen verteidigt, und einen größeren, der im Konfliktfalle bereit ist, die gesamte bürgerliche Aufklärung aufzugeben.

    Diese Auseinandersetzung zwischen der „Macht des Geldes“ und der „Macht des Wissens“ habe ich seit vielen Jahren thematisiert. Die Diagnose „Schizophrenie“ für gesellschaftliche Verhältnisse sollte einem Dialektiker eigentlich sofort Anlass geben, klare Denkmuster in Stellung zu bringen.

    … da über die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums nicht mehr die Masse der verausgabten Arbeitszeit bestimmt, sondern die wissenschaftlichen, künstlerischen, unmittelbar kooperativen Fähigkeiten der unmittelbaren Produzenten, die aus dem unmittelbaren Fertigungsprozess heraustretend Funktionen des Planens, des Dirigierens, des Kontrollierens der Produktion übernehmen müssen. Von diesem Punkt an wird eine auf die Verwertung von Wert gegründete Produktion zur miserablen Grundlage der Gesellschaft. Damit erst – so weiß also Marx inzwischen – wird die kapitalistische Produktionsweise aufhebbar. Karl Marx, Grundrissen zur Kritik der Politischen Ökonomie. MEW 42/600ff.

    Diese auch von mir lange zitierte Textstelle ist natürlich eine reine Spekulation aus einem eher frühen ökonomischen Werk des Meisters. Ich überschaue nicht, ob er das später auch noch so deutlich behauptet hat (und das wird wohl auch erst mit dem Studium der Exzerpte und Entwürfe für Band 2 und 3 Kapital der gerade veröffentlichten MEGA-Bände fundiert zu beantworten sein). Allerdings habe ich inzwischen große Zweifel an dieser These, weil mir vollkommen unklar ist, zu welchen Transformationen die Geldform selbst innerhalb dieser historischen Formation fähig ist. Ich greife hier deinen Denkansatz der Formation auf, denn ich selbst bin seit vielen Jahren überzeugt, dass der Kapitalismus die pubertäre Form der Freien Gesellschaft ist und die Phänomene, die du im Auge hast, Ausdruck pubertärer Verwerfungen sind. Für die hier verhandelten Fragen ist diese Differenz aber unerheblich.

    Dieser Text auch hier: http://leipzig-netz.de/index.php5/HGG.Kommunismusthesen

  • Warum antwortet niemand auf die Fragen von Hans-Gert? Soll das Schweigen auf diese Fragen als Bestätigung verstanden werden, diese Fragen seien nicht zu beantworten und seine „großen Zweifel an dieser These“ seien mit der Überzeugung begründet, die nicht nur Hans-Gert habe? Bedeutete das dann aber nicht, „Wege aus dem Kapitalismus“ finden zu wollen, um mit (oder auf) ihnen seine „pubertären Verwerfungen“ hinter sich lassen zu können, eine nichtpubertäre „Form der Freien Gesellschaft“ erreichen zu können, also einen „Kapitalismus, wie wir ihn noch nicht kennen“? Was hätte aber dann das alles mit dem zu tun, das Marx und Engels als Kommunismus verstehen? Und wird das Finden von „Wegen aus dem Kapitalismus“ auch als möglich verstanden, obwohl unklar ist, „zu welchen Transformationen die Geldform selbst innerhalb dieser historischen Formation fähig ist“? Oder bleibt auch das fragwürdig (nicht beantwortbar), wer die Fähigkeit der Geldform benennen kann oder womit sie feststellbar ist und ob diese Fähigkeit zu den „Wegen aus dem Kapitalismus“ gehört oder für deren finden Voraussetzung ist? Gehören also diese Fragen nicht zu den „hier verhandelten Fragen“? Ja, um was geht es denn nun, wovon sprichst Du, „Väterchen“? Deshalb keine Antworten auf die Fragen von Hans-Gert?

  • Uli Weiss sagt:

    Warum antwortet niemand auf die Fragen von Hans-Gert?
    Was mich betrifft:
    Erstens – sorry – weil ich weder schnell denke noch schnell schreibe.
    Zweitens, weil es tatsächlich schwierig ist, über qualitativ verschiedene soziale Formen von Vergesellschaftung zu reden, wenn der Diskussionspartner damit nicht viel anfangen kann.
    Ich habe den Eindruck, dass Hans-Gert durchaus ein bestimmtes Moment meiner/unserer Überlegungen hinsichtlich von Wegen aus dem Kapitalismus ausdrückt – das der „Kontinuität“ im Bruch.
    Kontinuität setze ich hier in „…“ eben weil:
    1. (äußerlich) gleiche Erscheinungen von verschiedener sozialer Qualität sein können und dann auch wesentlich verschiedenes ausdrücken. Vrgl. Marx: das Kochen für den Eigenbedarf und Kochen als Lohnarbeit, tiefer noch: zunftmäßiges Handwerken im Feudalismus und (technisch/äußerlich) noch gleiches Handwerken unter der formellen Subsumtion unter das Kapital – also vergleichbare Tätigkeiten, die unterschiedliche Vergesellschaftungsformen ausdrücken und diese reproduzieren.
    2. Hans-Gerts Akzeptanz von „Formation“ in dem Sinne, „dass der Kapitalismus die pubertäre Form der Freien Gesellschaft“ ist m.E. viel zu schwach, um eben die qualitative Gegensätzlichkeit von Kapitalismus und Kommunismus begreifen und sinnvoll von Keimformen einer kommunistischen Vergesellschaftung sprechen zu können.
    Hans-Gerts Gedanken ist insofern etwas abzugewinnen, als es bestimmte Tätigkeiten gibt, die sowohl als reales Moment der kapitalistischen Reproduktion und als auch seiner möglichen Aufhebung durch die Konstitution einer neuen Gesellschaft begriffen werden können. (Siehe Stefan Meretz zum Holzkampschen Fünfschritt der Ablösung einer Vergesellschaftungsform durch eine andere.) Das trifft auf die Formen freier Tätigkeiten gibt, wie sie sich etwa in den Projekten der freien Software zeigen. Diese Tätigkeiten sind heute Momente der innerkapitalistischen Reproduktion, für diese selbst immer bedeutsamer. Es ist sehr sinnvoll, die Zunahme solcher Tätigkeiten innerhalb (und neben) der kapitalistischen Produktionsweise zu verfolgen. Dazu leistet Hans-Gert vermutlich auch einen Beitrag. Wer aber in dieser Sicht befangen bleibt (den Formationsbruch zwischen Kapitalismus bzw. menschlicher Vorgeschichte und Kommunismus bzw. der eigentlichen menschlichen Geschichte nicht im marxschen Sinne denken kann), der kann die gleichzeitige (und für die WaK-Frage entscheidende) Potenz dieser Momente, eine neue Vergesellschaftungsform zu konstituieren – in unserem Falle der kommunistischen – nicht erfassen.
    Peter B. verweist im Zusammenhang mit der Interpretation des marxschen Kommunismus „als Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt“ auf ein erkenntnistheoretisches Problem, das uns (WaK) durchaus angeht. In unserem engeren Diskussionskreis taucht das Problem öfters in der Form auf, dass wir uns gegenseitig, je nach der Perspektive, die einer gerade vertritt, wiederholt versichern: Kommunismus ist nicht Kapitalismus. Und: Kapitalismus (wenigstens der vollendete) ist Kommunismus. Mit dem Blick auf die sogenannten Keimformen kann ich mit Peters Sicht auf die marxsche Aussage vom „Kommunismus als …“ vielleicht doch etwas Weiterführendes anfangen. Du schreibst: „Diese Bewegung ist aber nicht als >kommunistische BewegungKommunismus<“. Den Prozesscharakter des Ganzen (das Noch-nicht, aber Doch-schon usw.) entsprechend dem Holzkampschen Fünfschritt-Denken (weiter gefasst mit hegelschen Kategorien) hier immer mitgedacht. Peter, vielleicht kannst Du noch etwas dazu sagen, inwiefern Dein Buch Der Erkenntnis-Widerspruch: Eine Denkschrift hier hilfreich ist, solches zu denken (wir kennen das Buch nicht, haben ohnehin einen Lektüre-Berg vor uns) .
    Noch etwas zum von Hans-Gert zitierten Marx-Gedanken zum historischen Zeitpunkt, von dem an die kapitalistische Produktionsweise zur miserablen Grundlage der Gesellschaft wird. Auch wenn er ihn in den späteren Manuskripten (in der MEGA inzwischen veröffentlicht) so nicht wiederholt haben sollte – weiß das jemand genau? – es ist m.E. gar kein lässlicher Gedanke des angeblich noch unreifen (40-jährigem) Marx.
    Wissenschaftliche, (arbeits-)organisatorisch-kommunikative, künstlerische und spielerische Tätigkeiten waren seit ihrem historischen Entstehen schon immer Momente der gesellschaftlichen Entwicklung. Marx sagt nun aber einen solchen Entwicklungsprozess der kapitalistischen Produktionsweise voraus, in dem gerade diese Tätigkeiten zum entscheidenden Moment der Reichtumsproduktion werden. Genau an diesem qualitativ bestimmbaren Punkt wird nach Marx eben die Produktion materieller Existenzbedingungen der Menschen in Form der Warenproduktion zur miserablen Grundlage. Was zu Marx' Zeiten (sh. seine Vorstellungen vom Sozialismus als erster Phase des Kommunismus) und noch lange danach schief ging – von den gegebenen historischen Voraussetzungen aus Bilder für die kommunistische Form der Vergesellschaftung (wenigstens für die Übergangsgesellschaft) zu produzieren bzw. bestimmte Formen der Vergesellschaftung für sozialistisch oder gar kommunistisch zu halten („sozialistischer“ Staat, „sozialistisches“ Recht, „sozialistisches“ Eigentum, "sozialistische" Warenproduktion, der ganze Avantgardismus usw.) – das ist heute denkbar und in realen Praxen anschaulich zu machen. (Bin ich mit solcher Denkweise tatsächlich ein Pfaffe, der bestimmt, wann Menschen, um eine neue Gesellschaft denken zu können, Bildern nutzen dürfen oder nicht?) Die wertfömige Vergesellschaftung hat diese (widersprüchlichen) zivilisatorischen Errungenschaften hervorgebracht, die die Aufhebung des Kapitalismus unter Bezug auf bereits laufende Prozesse denkbar machen, und bringt sie weiter hervor – Hans-Gert kann da verdienstvollerweise noch weitere Entwicklungen erkennen und voraussagen.
    Es geht nicht um die Anerkennung der Tatsache, dass der Kapitalismus immer schon die Grundlagen seiner Produktionsweise umwälzte, den kapitalistischen Charakter erhaltend und ausprägend. Das ist unbestritten. Die Frage ist: Geschieht genau dies inzwischen in einer Weise, die die ganze Grundlage der kapitalistischen Warenproduktion – den Zwang zur Verwertung von Wert – selbst aushöhlt und nicht nur logisch antizipierbare Voraussetzungen der kommunistischen Vergesellschaftung hervorbringt, sondern konkrete Bewegungen, die (im o.g. Sinne Peter folgend) bereits als Kommunismus zu verstehen sind. Haben wir es heute nur (was es selbstverständlich auch ist) nur mit einer neuen Stufe der Vergesellschaftung über die Wertform (bei H.-G. die Geldform) zu tun, oder bereits mit der Herausbildung der Voraussetzungen für deren Aufhebung und praktischen Bewegungen eben dessen.
    Wenn unter Kommunisten Leute verstanden werden, die etwa über die Eroberung der Staatsmacht Kommunismus einführen wollen oder/und die solche Wege aus dem Kapitalismus antizipieren, die sie als Avantgarde den Leuten erklären müssten bzw. sie praktisch entsprechend zu organisieren (bitte: Wer von uns tut das?), dann hat Hans-Gert mit seiner These 0 völlig recht: „Kommunismus ist nur ohne Kommunisten möglich.“
    Leute aber, die erkennen, dass es reale Emanzipationsbewegungen gibt, die solche sozialen Formen und Produkte entwickeln, deren Verallgemeinerung die praktische Aufhebung der wertförmigen Vergesellschaftung bedeuten, die mögen sich bezeichnen wie sie wollen. Man kann sie – durch aus in marxscher Denkweise – weniger in marxistischer Tradition – auch Kommunisten nennen.

  • Danke, Uli für Deine umfangrewichen Anmerkungen. Auf einige Deiner Fragen komme ich noch zurück. Hier nur so viel zur Frage des Buches „Der Erkenntnis-Widerspruch“. Es könnte dann hilfreich sein, wenn die Ableitungen daraus, was gegenwärtig „Politik“ verändern muss und auch verändern kann, damit die selbstzerstörerische Entwicklung der Menschheit hin zu ihrer Erhaltung verändert und geändert wird (s. Erkenntnis-Kritik in http://www.erkenntniswiderspruch.de), geprüft werden sollen.

  • Zunächst, lieber Uli Weiß, zu Ihrer Anmerkung: „ . . . weil es tatsächlich schwierig ist, über qualitativ verschiedene soziale Formen von Vergesellschaftung zu reden, wenn der damit nicht viel anfangen kann.“
    Diese Schwierigkeit wird aber nicht nur durch einen solchen Diskussionspartner verursacht. Auch gleichgesinnten können in die Schwierigkeit geraten, wenn sie nur glauben, davon ausgehen zu können, die in der Diskussion verwendeten Bezeichnungen von Dingen und Sachverhalten sind auch von dem anderen mit dem gleichen Verständnis besetzt. Das ist aber vor allem dann nicht gegeben, wenn Erscheinungen („Bilder“) bezeichnet werden oder das Verständnis von Bezeichnungen „Bilder“ sind. Als kleines Beispiel für einen Teil dieser Schwierigkeit mag das oben verwendete Wort „verschieden“ dienen. In der angelsächsischen Sprachkultur wird mit ihm ein Verständnis weder von gleich noch von ungleich ausgedrückt. Aber eben nur in dieser. Weil alles Bewusstgewordene Erscheinung ist, sich als Erscheinung ausdrückt, geht es nicht darum, ob „Bilder“ verwendet werden („dürfen“) oder nicht, sondern dass bei ihrer Verwendung zu beachten ist, welche Abstraktionen des Seins mit ihnen zum Ausdruck kommen (verstanden werden). ´
    Ein weiterer Teil der genannten Schwierigkeit resultiert deshalb auch daraus, dass mit Worten, welche ungleiche Abstraktionen und -stufen bezeichnen, zu Zusammenhängen etwas ausgesagt wird. Als kleines Beispiel dafür mit der Gegenüberstellung der Frage von Hans-Gert: „Wärst du enttäuscht, wenn sich die anscheinend “wirklichen Bewegungen des Aufhebens kapitalistischer Zustände” ein weiteres Mal als Transformation innerhalb dieser “Gesellschaftsformation” (du scheinst mit dem Begriff noch sehr viel anfangen zu können) erweisen?“ mit der Aussage von M/E: „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“.
    Wichtig für diese „wirkliche Bewegung“ ist, dass öffentlich über eine Alternative zur jetzigen Entwicklung der Menschheit diskutiert wird, dass damit dem herrschenden Verständnis von ihrer angeblichen Alternativlosigkeit widersprochen wird (so auch R.B.). Wirkung dafür kann diese Diskussion also nur dann erreichen, wenn zu dieser Diskussion auch die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis gehört, das das Verstehen der in der Diskussion verwendeten Worte (Bezeichnungen) beherrscht (manipuliert), als „frei“ oder, wenn es dessen Erkenntniswiderspruch aufdeckt, als „nicht legitim“, dieses herrschende Verständnis als „alternativlos“ erklärt. Von dieser Beherrschung gilt es, sich zu befreien. Dazu gehört nur etwas Mut – zum Weiterdenken, zum Andersdenken. Das Lesen meiner Denkschrift „Der Erkenntnis-Widerspruch“ kann diesen Mut befördern, ist aber keine Vorausset-zung dafür, ihn zu haben.
    Nun noch etwas zur Verwendung des Wortes „Kommunismus“. Freilich könnten die Aussagesätze „(Der) Kommunismus ist . . . die wirkliche Bewegung . . .“ und „Die wirkliche Bewegung . . . ist (der) Kommunismus.“ in ihrer Gegenüberstellung als Tautologie bezeichnet werden. Obwohl beide Sätze möglich wären, wenn kein Bezug zu M/E, ist das jeweils mit ihnen Ausgesagte trotzdem nicht gleich. Der Gegenstand, über den ausgesagt wird, ist jeweils ein anderer. Im Satz „(Der) Kommunismus ist . . .“, ist „Kommunismus“ Satzgegenstand, zu dem zum Beispiel ausgesagt wird, dass er die wirkliche Bewegung . . . sei. „Kommunismus“ und „wirkliche Bewegung“ werden so hier gleichgesetzt. Durch M/E aber nicht gleichgesetzt, sondern, dass sie (M/E) eine bestimmte Bewegung als Kommunismus bezeichnen, diese Bewegung Kommunismus „nennen“. Diese bestimmte Bewegung kann also von anderen auch anders genannt werden. Mit Bezug auf M/E muss also – um die oben genannten Schwierigkeiten zu vermeiden – in jeder Aussage, in jeder Diskussion, in der das Wort „Kommunismus“ deren Gegenstand ist, zu dem ausgesagt wird, gleichermaßen verstanden werden, dass M/E mit diesem Wort eine bestimmte Bewegung bezeichnet haben. Dann geht es nicht darum, mit welchen „Bildern“ (die Bezeichnung) Kommunismus zu verstehen ist, sondern wie diese Bewegung, die von M/E als Kommunismus genannt wurde, zu verstehen ist. Weil aber das herrschende Verständnis bestimmt, mit welchen „Bildern“ (welchem BILD) Kommunismus zu verstehen sei, und das sind viele, wird damit das Verstehen von „Kommunismus“ auf diese „Bilder“, über die trefflich gestritten werden kann und gestritten werden darf, gelenkt und damit abgelenkt von dem Verstehen (-wollen) der wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt (aufheben kann).

  • Hans-Gert Gräbe sagt:

    Lieber Uli,

    ich bin – ich nehme an wie du – seit 1990 unterwegs, um für mich besser zu verstehen, was falsch gelaufen ist. Unsere Wege der Suche kreuzten sich 1993, denke ich, das erste Mal. Mit der Identifizierung des Korngrößendilemmas hat sich mein Blick auf den Gesamtprozess und die Heraushebung des Kommunismus als selbstständige Formation geändert. Dies ist spätestens in den „Chemnitzer Thesen“ aus dem Jahr 2005 klar nachzulesen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass der Prozess, der vor über 300 Jahren mit der Aufklärung in Westeuropa seinen Anfang nahm, ein einheitlicher intensiver Transformationsprozess ist hin zu einer komplex strukturierten Welt, in der die Menschen auf der Erde eine ganz andere Rolle spielen werden als noch vorher. Dies schon allein mit Blick auf deren schiere Anzahl. Ich spreche aber lieber von Inflation statt Explosion, in Anlehnung an ähnliche Prozesse in der Geschichte des Universums, etwa im Standardmodell kurz nach dem „Big Bang“. Jeder solche Inflationsprozess war von einer ungeheuren Zunahme von Vielfalt begleitet. Und in diese Vielfalt muss die Menschheit hineinwachsen. Andere nennen das Noosphäre.

    Kommunistische Theorien haben diese Vielfalt nie abbilden können. Marx schaut auf die utopischen Sozialisten ob ihrer Einfalt herab (ich verkürze grob), vielleicht ist es Zeit, aus heutiger Perspektive auch auf Marx ob seiner Einfalt in dieser Frage herabzuschauen. Vielleicht ist Kommunismus ja auch „nur“ das je utopische Moment eines „Noch-Nicht“ der aktuellen Zeit gewesen. Diesen Gedanken kann ich gern weiter explizieren, denn solche Transformationen sind Teil der technologie-induzierten Umbrüche dieser Gesellschaft. Commonismus als neuzeitlicher Kommunismus sozusagen. Die utopische Qualität ist jedenfalls für mich deutlich erkennbar, meine offenen und seit Jahren unberührten Fragen legen Zeugnis davon ab.

    Den konsequentesten Ansatz in Richtung Vielfalt finde ich in der frühen Marx-Zeit bei Stirner (1846), später bei Bakunin (siehe Hanloser im ND vom 12.5., S. 17 unten) und im 20. Jahrhundert bei den Anarchisten. Heute wahrscheinlich im Ansatz des „Wissenskommunismus“. Mehr dazu in meinem Text „Wie geht Fortschritt?“

    Leider seht ihr das anders – mit aller Konsequenz und Diskursmacht, die ich in Hütten 2006 zu spüren bekam. Und so ist es bis heute („Wer aber in dieser Sicht befangen bleibt …“), ein Zugang zu meinen Überlegungen ist schlicht nicht gewollt und es werden allerlei innere Barrikaden gegen meine „Häresie“ aufgebaut. Psychoanalytisch gut verstanden. Die religiöse Qualität derartiger Muster liegt (für mich) inzwischen auf der Hand, insbesondere wenn man die Lebenserinnerungen anderer „Häretiker“ wie Zwerenz oder Hoevels liest. Siehe auch Michael Wendl wie zitert.

    Zur „These 0“: Du solltest diese These also nicht missverstehen. Wenn Kommunismus für mich etwas Utopisches oder auch Transzendentes ist, dann ist sie keine Aussage über Kommunisten im Heute. Im Gegenteil. Sie sagt nur, dass auf dem Weg zum Kommunismus auch die Kommunisten ihr Kommunistendasein überwinden müssen. Das ist aber nichts anderes als eine Konsequenz der Blochschen Variante der 11. Feuerbachthese „…es kömmt darauf an, SICH zu verändern.“

    Zum „Pfaffen“: Ich habe deinem Plädoyer vom Bilderverbot bis zum Kommunismus ein Bild entgegengesetzt – das der Pfaffen vor Galileis Fernrohr, der da sagte „schaut doch einfach mal durch“ und die Antwort lautete „Nein“. In dem Bild eines äußerst privaten Diskurses sind die Pfaffen primär auf ihr Menschsein zurückgeworfen und nicht in ihrer ideologisch-gesellschaftlichen Rolle tätig (das sind sie später, wenn sie Galilei zu verbrennen drohen). Aber halte ich euch nicht auch seit Jahren ein solches Fernrohr hin, durch das ihr euch weigert zu schauen? Über die weiteren Analogien werde ich mich hier nicht ausbreiten, denn sie betreffen dich, lieber Uli, bestimmt nicht. Nach einer „Marxistischen Studienwoche“ und diversen anderen Korrespondenzen der letzten Zeit verstehe ich aber besser, wie das Leben eines Häretikers funktioniert. Nun, zum Glück bin ich „nebenbei“ noch Informatiker und Hochschullehrer, muss mir das alles also nicht wirklich zu Herzen nehmen.

  • An Marx anknüpfend sollte unterschieden werden zwischen 1.) Kommunismus als sich INNERHALB kapitalistischer Verhältnisse abspielende Prozesse, die mehr oder weniger von den Antrieben, Hemmnissen und Gegensätzen bestimmt sind, wie sie kapitalistischen Formen der Vergesellschaftung von Arbeit eigen sind und diese NOTGEDRUNGEN auch stets aufs neue reproduzieren helfen) und 2.) der Fiktion einer weltgemeinschaftlichen Formation menschlicher Existenzsicherung und Bereicherung, wie sie allerdings erst am Ende einer geschichtlichen („sozialistischen“) Übergangsperiode stehen könnte in der DIE ENTWICKLUNG (und Verallgemeinerung) kommunistischer Vergesellschaftungsweisen der gesellschaftlich vorherrschende Prozess ist.

    Naturgemäß verlangt diese Sicht nach einer verallgemeinerbaren Bestimmung dessen, was Kommunismus sein soll, ob nun als sozialer Prozess, als Richtung oder als Gesellschaftsformation. Der Natur der Sache gemäß wäre diese Bestimmung anzweifelbar, immer wieder zu korrigieren und neusten Erkenntnissen anzupassen. Aber wenn eine rationale, d.h. zielführende Klärung ermöglicht werden soll, was eine kommunistische Aufhebung bestehender Zustände sein soll müssen minimale Vorstellungen von dem auf den Tisch liegen, was darunter verstanden werden soll und was mit Sicherheit nicht. Die müssen so allgemein und so konkret sein, dass sie allgemein nachvollziehbare und hinreichend verlässliche Indikatoren des Vorhandenseins, Mangels oder Fehlens von „Kommunismus“ liefern. (Was wann auch immer deren Gründe sein möge).

    Ich schlage folgende Bestimmung vor:

    Als ein historischer Prozess ist Kommunismus Entwicklung und Verallgemeinerung der Möglichkeit, das menschliche (und vom Menschen beeinflussbare) Produktivvermögen in öffentlichen Abstimmungsprozessen entwickeln und anwenden zu können.

    Kommunismus zielt auf ein gemeinschaftliches (am Ende weltgemeinschaftliches) Nachhaltigkeitsmanagement mit dem die Globalisierten dieser Erde ihre unterchiedlichen Bedürfnisse der Existenssicherung und Bereicherung (sowie deren Weiterentwicklung) mit den sozialen bzw. ökologischen Kosten ihrer Erfüllung ins Benehmen bringen – können. Die Realität solchartiger Prozesse misst sich an erkennbaren Fortschritten der Entwicklung und Verallgemeinerung des individuellen Vermögens, die Produktionszwecke und -methoden und dabei einzugehenden bzw. nicht in Kauf zu nehmenden Risiken oder Schäden mit bestimmen zu können.

    Reale Existenz (öko-)sozialistischer Gesellschaftsformationen / Behauptungsordnungen des Übergangs zur weltkommunistischen Verantwortung der Produktionszwecke, -voraussetzungen und -wirkungen zeigt sich im Nachweis (!), dass diese Verallgemeinerung der Mitbestimmungskompetenz bzw. Mitverantwortung tatsächlich – und zwar unabhängig von der dafür benutzten Begrifflichkeit – der weltweit vorherrschende gesellschaftliche Prozess ist. Ohne freien Diskurs, d.h. ohne Möglichkeit zur unabhängigen Untersuchung und Meinungsbildung kann weder ein solcher Nachweis geführt noch dieser Prozess überhaupt zum gesellschaftlich vorherrschenden werden.

  • Ergänzung: Ein so an Marx anknüpfendes Verständnis von Kommunismus, widerspricht zwar dem gefährlichen Unsinn einer „Diktatur des Proletariats“, nicht aber dem Gedanken der Arbeiteremanzipation. Und es ist natürlich KEIN (ahistorischer) Anti-Kapitalismus, den ich im Übrigen für eine der Grundtorheiten derer sehe, die sich „Kommunisten“ nennen.

  • Leute aber, die erkennen, dass es reale Emanzipationsbewegungen gibt, die solche sozialen Formen und Produkte entwickeln, deren Verallgemeinerung die praktische Aufhebung der wertförmigen Vergesellschaftung bedeuten, die mögen sich bezeichnen wie sie wollen. Man kann sie – durch aus in marxscher Denkweise – weniger in marxistischer Tradition – auch Kommunisten nennen.

    Dass Kommunismus nur ohne Kommunisten ginge, ist zumindest eine interessante These, die antizipiert, dass eine „im Schoß der alten Gesellschaft“ geschehene (voran zu treibende) ENTWICKLUNG und Verallgemeinerung der Fähigkeit, den Widerspruch zwischen der erreichten Gesellschaftlichkeit der Arbeit (nebst Voraussetzungen und Folgen) und deren privateigentümlichen Nutzung (und damit sozialen Unbeherrschbarkeit) AUFZUHEBEN, nicht entlang eines vom Bestehenden (und überhaupt von falschen Vorstellungen) unbefleckten Ideals vonstatten gehen, d.h. auch nicht von „kommunistischen“ Parteien bewältigt werden kann. Sondern NOTWENDIGERWEISE ein sehr widersprüchlicher, vom Ideal aus betrachtet notwendig „unsauberer“, sich ungleichzeitiger verbreitender Prozess ist, der zunehmend einer der ganzen Gesellschaft wird, die ganz und gar nicht ideal ist. Wobei stets herauszufinden ist, wie das eine (zum Beispiel Ökosteuern oder Green Economy) ins andere (große Transformation zum Miteinander auf Basis eines weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagement) übergehen kann. Der Anspruch, als „Kommunist“ anerkannt zu sein, trägt da in der Tat den Keim der Anmaßung in sich, schon einmal eine für die Zukunft erwartete (utopistisch vorgestellte) Heiligkeit (Reinheit) zu verkörpern. Allerdings setzt dies die Heiligenschein-Bestimmung von K. auch voraus.

    Das ist m.E. auch schon angelegt, wenn man Entwicklung UND Verallgemeinerung des Vermögens zur (welt-)gemeinschaftlichen (Mit-) Bestimmung der Produktionszwecke, -mühen, -methoden, Umwelteinflüsse usw. auseinander reist und da meint, erst könne entwickelt und dann das von einer Avantgarde fertig Entwickelte verallgemeinert werden.

    Gruß hhh

Schreibe einen Kommentar