Artikel drucken

Michael Heinrichs »Lösung« des Problems der Geldware

Von patrick ÄT bb-goettingen.de

Michael Heinrich argumentiert in der »Wissenschaft vom Wert« (S. 233-239 – in der 4. Auflage), Marx hätte die Geldware im ersten Band falsch bestimmt, weil bei ihm Geldware und Geld als allgemeines Äquivalent zusammenfallen, was nicht notwendig wäre und von ihm auch nicht begründet worden sei. Stattdessen sei das auf der Geldware gründende Geld nur eine bestimmte Form von Geldsystem, die es zu Marx Zeiten eben gegeben hat, was aber zwar möglich, aber im Allgemeinen für die Warenproduktion nicht notwendig sei. Stattdessen braucht es nur ein »Zeichen«, das allgemeines Äquivalent sein kann, in dem sich also der Wert einer Ware darstellen kann, was nicht notwendig voraussetze, dass dieses Zeichen selbst Wert sei. Die Aufhebung der Goldbindung ist demnach lediglich eine historisch entwickeltere Form von Geldsystem, das reflektiert, dass Geldware eben für eine funktionierende Warenproduktion unnötig ist.

Thesen dagegen

Ich würde annehmen, da steckt etwas wahres drin, ist aber grundsätzlich erstmal falsch. Meine eher noch nicht ganz ausgearbeiteten Thesen dazu wären folgende:

Heinrich versucht erst gar nicht zu erklären, warum das Geldsystem historisch bestimmte Formen annimmt. Eine genauere historische Einbettung macht vor dem Hintergrund seiner Theorie vom Kapitalismus als letztlich statisches »System« auch gar keinen Sinn. Implizit scheint seine These dazu bestenfalls zu sein, dass sich das Geldsystem von der Geldware eben erst langsam emanzipieren musste, um in Reinform, also Geld als bloßes Zeichen, existieren zu können.

Dass das Geldsystem seit Wegfall der Goldbindung so etwas wie eine Geldware nicht hat, scheint erstmal zu stimmen. (Es gibt glaube ich Versuche, im Kontext der Weltordnungskriege z.B. das Öl als neue Geldware zu bestimmen, da es z.T. als Weltgeld fungiert bzw. den US-Dollar stützt, das halte ich aber eher für nicht so überzeugend, darin eine allgemeine Geldware zu sehen). Dieses historische »Geldsystem« kann aber nur erklärt werden, wenn die Warenproduktion in ihrer historischen Dynamik untersucht wird — wenn man die Nicht-Haltbarkeit der Geldware als Krisensymptom begreift — was natürlich für Heinrich nicht denkbar ist, da es ihm nach nur zyklische Krisen gibt. (Die Annahme einer anderen Geldware scheint mir eher das Komplement zu Heinrichs Krisenleugnung zu sein: Wenn der Kapitalismus doch eine Geldware braucht, dann muss sie eben noch irgendwie da sein).

Der Wegfall der Geldware wäre demnach eher ein Symptom der »Entsubstanzialisierung des Geldes«, das mit dem Schrumpfen der Wertmasse einhergeht. Genau in dem historischen Moment, wo das Kreditsystem zum Zweck des Krisenaufschubs zu seinem Höhenflug ansetzt, also ungedecktes fiktives Kapital als Reaktion auf die Krise der Wert-Verwertung beginnt zur Trägerin einer simulierten Verwertungsbewegung zu werden, die keine unmittelbare Entsprechung mehr zur Realakkumulation haben muss/kann, wird auch offensichtlich, dass sich die fiktiven Geldwerte nicht mehr in einer Geldware darstellen können.

Das von der Goldbindung entkoppelte Geld wäre so gesehen eher eine Voraussetzung für fiktive Wertschöpfung in der ‚finanzkapitalistischen Krisenverwaltung‘, denn als das Geld von ‚funktionierender‘ Wert-Verwertung. Heinrich stellt demnach den Zusammenhang auf den Kopf: Er erklärt die Phänomene der Krise zum »eigentlichen Kern« des prosperieren kapitalistischen Normalbetriebs. Noch dazu projiziert er, was auf dem jetzigen historischen Entwicklungsstand zu sehen ist, in die kapitalistische Vergangenheit: eigentlich habe es eine Geldware noch nie gebraucht, wie er jetzt sehen zu können behauptet, es war mehr nur so etwas wie ein noch nicht zu sich gekommenes Geld, dass da zirkuliert wurde.

Sein Geldbegriff entspricht auch seiner quasi-Gleichsetzung von Wert- und Tauschwert und dem darauf beruhenden verkürzten Wertbegriff. Wenn Wert letztlich nur im Tausch existiert, wenn Wertsubstanz eine reine Illusion ist (der auch Marx aufgesessen sei), dann kann die Funktion von Geld auch nicht mehr sein, als eben den Wert einer Ware im Tausch darzustellen. Da Wert für ihn daher letztlich nicht mehr das gemeinsame Dritte ist, dass sich im Tauschwert (Verhältnis der Waren zueinander) ausdrückt, sondern eben nur als dieses Tausch-Verhältnis (=Tauschwert) existiert, ist es auch eher eine Konvention, braucht nicht selbst Wert zu sein, keine »Wertsubstanz« zu haben, sondern braucht eben nur Symbol zu sein, das dieses reine Verhältnis repräsentiert. (Er rückt damit auch wieder in die Nähe der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft, wo Geld eben lediglich Vermittlung des Tausches ist. Also eigentlich das Gegenteil einer »monetären Werttheorie«).

Was er in dem Kontext auch nicht thematisiert, ist die Rolle des Kreditgeldes. Er verhandelt es letztlich auf der gleichen Ebene (der Wertformanalyse) wie das Geld in seiner allgemeinen Bestimmung im Geld-Ware-Verhältnis. Dieses Geld, das seinen Grund in dem Auseinanderfallen von Kauf und Zahlung hat, also sozusagen aus dem Nichts geschöpft wird, als Zahlungsversprechen in der Zukunft, entspricht eher dem, wie Heinrich sich Geld als solches vorstellt. Es ist eben ein Anspruch, ein »Zeichen«, das selbst sich nicht auf eine Wertsubstanz (einer Geldware) bezieht. Diese Form des Geldes ist aber eher eine (logisch) entwickeltere Form des Geldes, das nicht auf der Ebene der Wertformanalyse angesiedelt werden kann, sondern darauf beruht — und die Form, auf dem das Geldsystem ohne Geldware letztlich basiert. Er wirft damit also die Bestimmungen aus dem ersten und dritten Band durcheinander und erklärt die entwickeltere Form zum Geld als solchem, um seine These stützen zu können. Auch hier schlägt die fehlende Krisentheorie durch: Wenn die entwickeltere Form logisch auf der abstrakteren/einfacheren aufbaut, diese einfachere aber nicht mehr gegeben scheint, dann muss die entwickeltere die einfachere eben ersetzt haben und dieser gar nicht bedürfen. Es darf aber nicht sein, dass dessen Unvereinbarkeit mit dem historischen Geldsystem eben ein Krisensymptom ist, das auf alles andere als funktionierende Kapitalverwertung hindeutet, sondern eben darauf, dass dieses Geld sozusagen »ungedecktes fiktives Geld« ist und eben weil zum Zwecke des Krisenaufschubs fiktive Werte darstellen muss, sich nicht einfach an eine Geldware binden kann.

One Comment

  • Benni sagt:

    Wie so oft: Beide Seiten haben Recht.

    Die Art des Geldes ist keine rein ökonomische Frage sondern eng verknüpft mit der Frage der Hegemonie. Wer das Geld kontrolliert, ist (die einzige) Weltmacht. Die Goldbindung der Währung ist eine Erfindung der Briten und hat ihnen die Hegemonie gebracht. Vorher gab es Silberstandard. Die Loslösung vom Goldstandard kam mit der Krise der britischen Hegemonie und hat sich seitdem immer weiterentwickelt. Die Veränderungen des Goldstandards waren seit Bretton Woods immer verbunden mit der amerikanischen Hegemonie. Die Zukunft ist offen. Es ist zB. durchaus denkbar dass sich ein Keynsianisches Welt-ausgleichs-Geld durchsetzt. Dann wäre das Geld durch die Außenhandelsbilanzen gedeckt. Dann wäre aber die amerikanische Hegemonie passe und auch jede andere nationalstaatlich organisierte Hegemonie.

    Also: Du hast recht, wenn Du die Veränderungen des Geldes als Krisensymptom verstehst. Heinrich hat recht, wenn er die Frage als für den Kapitalismus als solchen grundsätzlich nicht relevant ansieht. Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs besteht darin, dass das Geld Symptom einer hegemonialen Krise ist, aber keiner Systemkrise.

Schreibe einen Kommentar