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Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie und die Linke heute

So lautet der Titel einer Broschüre in der Reihe »Pankower Vorträge«, die von der »Hellen Panke« herausgegeben wird. In dem 83-seitigen Heft werden Beiträge eines Workshops von 2008 zusammen gefasst. Leider stehen die Texte nicht online zur Verfügung, alles durch Copyright verriegelt. Das Heft kostet 3 Euro, aber wer kommt da schon ran.

Um das Fazit vorzugreifen: Wer den Heft-Titel ernst nimmt und erhellende neue Einsichten erwartet, wird weitgehend enttäuscht. Manche Überschriften der Beiträge klingen durchaus interessant, aber sie halten dann meist nicht, was sie andeuten. Ich gehe die Artikel mal im Schnelllauf durch. Danach bespreche ich einen Artikel von Michael Brie ausführlicher.

Frieder Otto Wolf: Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie sowie Epistemologie und Praxeologie seiner Theorie. Der philosophische unter den Beiträgen. Ein Plädoyer ausgehend vom »marxschen Durchbruch« im Bereich der Ökonomie zu einer »wirklichen Wissenschaft auf den Feldern von Geschichte und Gesellschaft« zu gelangen. Nur nicht so wie früher im kanonischen ML, sondern durch »konkrete Forschungen«. Gleichzeitig Warnung davor, ein philosophisches System bauen zu wollen wie Hegel es tat.

Sabine Nuss / Anne Steckner: Zur aktuellen Renaissance der Kapital-Lektüre. Plädoyer für »verschiedene Lesarten« bei der Kapital-Rezeption.

Rolf Hecker: Einige Bemerkungen zu Marx‘ Analyse der Produktivkräfte. Plädoyer, den Begriff des »Gesamtarbeiters« an die Stelle von »Arbeiterklasse« zu setzen, aber sonst alles beim Alten zu lassen.

Rudolf Mondelaers / Wolfgang Hahn: Formelle und reelle Subsumtion – ein vernachlässigter Ansatz für moderne Kapitalismusanalyse. Zitat: »Jede Produktionsweise bedarf eines Disziplinarregimes, welches die Produzenten veranlasst, sich so zu verhalten, dass dadurch die gesellschaftliche Reproduktion garantiert wird«. Das ist es wieder, das »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«. Sonst im Artikel der Versuch, den Begriff der »Subsumtion« auf verschiedene Verhältnisse anzuwenden: Kredit, Lohn, Kapital, Konsumtion. Unterordnung unter die abstrakte Logik des Kapitalismus — die Idee ist nicht schlecht. Am Ende kommt aber nur raus: Grundeinkommen für Alle — plus Stiefeltritt vom Anfang des Artikels.

Jürgen Leibiger: Stabilisierungspolitik mit Marx? Marx »für die Entwicklung alternativer Wirtschaftsstrategien heranziehen«. Die Kritik der politischen Ökonomie als affirmative Politische Ökonomie umgedeutet.

Michael Brie: Bildungselemente einer neuen Gesellschaft in Marx‘ Kapital. Blendungseffekte im Verhältnis von Kapitalismusanalyse und kommunistischer Prognose. Der interessanteste Artikel im Heft, deswegen unten ausführlicher behandelt.

Judith Dellheim: Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie als Bedingung für linke Wirtschaftspolitik heute. Der explizite Versuch, »Wirtschaftspolitik auf der Basis marxscher politischer Ökonomie« zu entwickeln, die am Ende zur »’Kunst‘ sozialistischer Wirtschaftspolitikerinnen und Wirtschaftspolitiker« erklärt wird. Siehe Leibiger oben.

Izumi Omura: Die Bedeutung der MEGA-Edition des Zweiten Bandes des Kapital. Engels‘ Redaktion und Druckfassung (Bände II/12, 13). Bericht über den Stand der MEGA-Edition.

Christopf Lieber: Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie – (noch) Schlüssel für die Ideologie- und Bewusstseinstheorie der Linken heute? Versuch von der gesellschaftlichen Analyseebene etwas über die »Grundstrukturen des ‚ökonomischen Werkelalltags‘ der Individuen« zu sagen. Fetischismus bei Marx wird als Bewusstseinsanalyse missverstanden. Marx habe mit dem Fetischismus »den Brückenschlag von Alltagsreligion und Handlungsmotivation ökonomiekritisch eingeholt«. Die Krise der neoliberalen Ideologie sei die Chance, dass die »gesellschaftlichen Träger der lebendigen Arbeit die verselbständigten Verhältnisse und die Resultate des Produktionsprozesses als ihre ‚eigenen‘ Produkte ‚erkennen’«.

Günter Krause: Marx‘ Konzept der Vulgärökonomie – verwendbar für die Linke heute? Eine rhetorische Frage zur Rechtfertigung vulgärökonomisch basierter sozialistischer Wirtschaftspolitik — natürlich das alles ganz »kritisch« und so.

Michael R. Krätke: Kritische Ökonomie und Kritik der politischen Ökonomie heute. Kritik der politischen Ökonomie hier als Wissenschaftstheorie verstanden. Die »Neue Marx-Lektüre« wird gebasht, sie leiste »weniger als nichts«, alles olle Kamellen, so der Autor. Was bleibt ist der Aufruf, den Autor bei der Kritik anderer bürgerlicher Ansätze »politischer Ökonomie« zu unterstützen, die heute die einzig (wissenschafts-)relevanten seien.

Nun noch mal zurück zu Michael Brie. Er setzt sich drei Ziele, erstens die Veraussetzungen »kapitalismusüberwindender Politik« abzuleiten, zweitens auf Marx‘ »drei aufeinander bezogene Vorstellungen von Sozialismus/Kommunismus« hinzuweisen, drittens die »Elemente einer pluralen nachkapitalistischen Entwicklungsweise moderner Gesellschaften« zu skizzieren. In unserem Diskussionszusammenhang ist der zweite Punkt interessant, mit dem wir uns auch kürzlich in einer Veranstaltung beschäftigten.

Brie bringt — das ist selten anzutreffen — die »Herstellung des Gemeineigentums an den Produktionsmittel und die Umwälzung der technologischen Produktionsweise und Subjektivität bis hin zum Primat freier kultureller Entwicklung« (44) miteinander in Verbindung. Brie »erscheint die Selbstverwaltung der Produzenten als notwendige Voraussetzung dieser neuen Kulturgesellschaft, die zugleich den Zyklus der Entwicklung von der naturwüchsig bornierten gemeinschaftlichen Produktion über die Produktion des abstrakten Reichtums in der kapitalistischen Warenproduktion hin zu einer freien Gesellschaftlichkeit abschließt« (46) — und formuliert dann drei »offene Fragen«.

Erste Frage ist die nach der Rolle »institutioneller Vermittlung«. Brie behauptet:

Sein [Marx‘] Anspruch, die kapitalistischen Formen der Vermittlung gesellschaftlicher Widersprüche revolutionär zu beseitigen, gerät zur Forderung, jede Vermittlung gesellschaftlicher Widersprüche überhaupt überflüssig zu machen. Dies ist aber nur möglich, wenn Individuelles und Gesellschaftliches unmittelbar in eins fallen. Seine Utopie kommunistischer Unmittelbarkeit verwandelt sich aber zu Ende gedacht in die Illusion eines Zustandes der Widerspruchsfreiheit und Vermittlungslosigkeit. Aus der radikalen Kritik der Gesellschaft wird die radikale Negation des Denkens von Gesellschaft. (47)

Ist das pure Denunziation der Marxschen Gedanken? Nein, leider ist es so, dass die kurzschlüssigen Sprünge, die Brie hier vorführt, nur zu oft tatsächlich genau so (falsch) gedacht werden. In Spiegelstrichen:

  • Es geht (Marx) nicht darum, gesellschaftliche Widersprüche zu beseitigen, schon gar nicht alle und auch nicht per Revolution. Sondern es geht darum, sie aufzuheben in der dreifachen Bedeutung von abschaffen, bewahren und erheben. Aufheben bedeutet aber notwendig, andere Formen der Vermittlung zu konstituieren und nicht keine.
  • Individuelles und Gesellschaftliches fallen immer in eins und tun es gleichzeitig nicht. Es handelt sich also nicht um den (Pol-Potianischen) Sonderfall, sondern es ist immer so, dass der gesellschaftliche Mensch in der menschlichen Gesellschaft lebt. Das ist die Seite der Identität. Die Seite der Nicht-Identität ist die schlichte Tatsache, dass der individuelle Mensch nicht in der Gesellschaft aufgeht, sondern ihr immer auch unabhängig gegenüber steht. Wäre das nicht so, wären Gesellschaft und Individuum nicht relativ unabhängig voneinander, dann wäre eine Gesellschaft mit mehr Individuen auch »mehr Gesellschaft« und umgekehrt.
  • Werden die beiden Seiten — Identität und Nicht-Identität — gleichzeitig gedacht, dann gewinnt die wesentliche Frage an Bedeutung, wie die Bewegungsformen dieser Momente beschaffen sind. Darauf richtete sich Marx‘ Interesse, zunächst analytisch auf den Kapitalismus, dann — allerdings kaum ausführt — prospektiv auf den Kommunismus.
  • Die Rede von der kommunistischen Unmittelbarkeit ist mithin Quatsch, genau wie die vom Zustand der Widerspruchsfreiheit und Vermittlungslosigkeit. Das will Brie auch sagen, nur aus anderen Gründen. Das wird später klar.
  • Der Schlusssatz ist völlig richtig, und Brie führt hier anschaulich vor, warum es für das Denken Emanzipation so entscheidend ist, den gesellschaftlichen Menschen und die menschliche Gesellschaft in den Begriff zu bekommen: Es ist ein Begriff mit Individuum und Gesellschaft als den beiden Momenten.

Für Brie ist Kommunismus ein Widerspruch in sich und also nicht machbar:

Der reife Kommunismus wäre ein gesellschaftsloser Zustand. Er kann nicht gedacht, geschweige denn realisiert werden. (48)

Stattdessen solle an »moderner Gesellschaft« geschraubt werden, denn mehr ist nicht drin:

Das von Marx als nicht radikal verworfene und in seinen Augen bloße illusorische Projekt einer nicht-kapitalistischen Ausrichtung der Vergesellschaftungsformen und Institutionen moderner Gesellschaft muss neu aufgenommen werden. (48)

Es ist lustig, dass hier das (Marxsche) Ziel, »nicht-kapitalistische … Vergesellschaftungsformen« zu schaffen (denn nichts anderes bedeutet Aufhebung), hier für sein Gegenteil in Anspruch genommen wird.

Zweite Frage ist die nach der Entwicklungsdynamik jeder (also auch kommunistischer) Gesellschaft. Brie:

Jede … feste Bindung von Produzenten an stoffliche konkrete Produktionsmittel … würde nur zu einer … stagnativen Produktionsweise führen. Die unmittelbare Einheit von Produzent und Eigentümer ist auch in seiner gesellschaftlichen Form zwangsläufig in Stillstand gemündet. (48)

Damit ist der Realsozialismus gemeint. Weiter apodiktisch:

In kapitalistischer Form wurde ein Innovationsmotor geschaffen, den keine gegenwärtige oder zukünftige Gesellschaft bei Strafe ihrer Rückentwicklung und ihres Untergangs wieder aufgeben kann: Es sind Unternehmen, die auf Basis von Krediten Ressourcen neu kombinieren und unter den Vorgaben von Effizienz und Innovativität im Wettbewerb zueinander stehen. (48)

Weiter:

Marxens Antikapitalismus ist sozialwissenschaftlich blind für die institutionellen Grundlagen der Dialektik von Produktivität und Ausbeutung kapitalistischer Gesellschaftten. Er weigert sich, die Möglichkeit einer zumindest analytischen Unterscheidung der Institutionen, soweit sie Produktivität und Innovation ermöglichen und soweit sie Ausbeutung, Unterdrückung und Verelendung hervorbringen, auch nur zu denken. (vgl. dazu seine Kritik an Proudon in Marx 1974a [„Das Elend der Philosophie“], 131ff.). Die Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung wurde unbewusst als ersatzlose Beseitigung der Institutionen innovativer Entwicklung konzipiert, weil … Institutionen für ihn der Ausdruck von Entfremdung und Herrschaft sind. (49)

Wieder spiegelstrichartig dazu:

  • Für Brie ist »die ständige erneute Trennung des konkreten Verhältnisses von Produzent und Produktionsmitteln« (48) die Voraussetzung von Innovation. Die ausführliche Begründung kenne ich nicht, spontan erscheint mir die Voraussetzung als abstrakte Forderung absurd. Sie ist Ausdruck der Entfremdungslogik, in der es sich bitte keiner gemütlich machen solle, sondern permament unter dem Zwang steht, nicht nur zu arbeiten (zum Arbeitsterror siehe Rudolf Mondelaers / Wolfgang Hahn oben), sondern auch permanent »innovativ« zu sein nach dem Motto: »Wer nicht innovativ ist, soll auch nicht essen«.
  • Dass diese Form der entfremdeten »Innovativität« dem Realsozialismus weitgehend fremd war, und dass er deswegen im Konkurrenzkampf der Subsysteme unterlag, ist — obgleich keine grundsätzliche Alternative darstellend — auch im Nachhinein zu würdigen. Brie benennt dabei »Effizienz und Innovativität« explizit als »Vorgaben«, ist sich also klar darüber, dass dieser abstrakte Effizienzmechanismus inhaltsleer ist und ggf. auch »effizient« über Leichen geht.
  • Das plötzlich auftauchende Wort der »Institutionen« verschleiert den wirklichen Zusammenhang, um den es hier geht und der die abstrakte »Effizienz und Innovativität« hervorbringt: Die Selbstverwertung des Werts. Die Institutionen sind bekannt: Es sind die durchaus unterschiedlichen »Unternehmensformen« vom Konzern bis zur Ich-AG. Brie zielt jedoch auf etwas anders: Er will hier die Rolle der Politik einschleusen, die — so hofft er — »Dialektik von Produktivität und Ausbeutung« auf schmalem Grad tanzend bewältigt.
  • Marx hingegen wollte sich auf so etwas nicht einlassen — das stimmt — und schließt daraus, Marx habe die Aufhebung (sic!) »unbewusst als ersatzlose Beseitigung der Institutionen innovativer Entwicklung konzipiert«. Das ist Quark, siehe oben. Ebenso die Unterstellung, »Institutionen [seien] für ihn der Ausdruck von Entfremdung und Herrschaft« — tatsächlich waren es die Ware und ihre abgeleiteten Formen (Geld, Kapital), siehe die Fetischabschnitte.

Dritte Frage ist die nach der »Pluralität einer neuen Gesellschaftsordnung«. Zunächst beschreibt Brie die »Vision« von Marx sehr klar, wonach

…die freie Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums …zum Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums werden [müsse] (50)

und verweist auf die »Grundrisse«, dessen Vorausahnungen er im Internet bestätigt sieht:

Die Despotie der Fabrik wird immer stärker durch den Zwang zur freien Zusammenarbeit überlagert. Selbstbestimmte Nutzung und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Kooperationsformen einerseits und allgemeine Zugänglichkeit dieses gesellschaftlichen Potenzials als globaler virtueller Intellekt in Web 1.0 und 2.0 werden zu technologischen Imperativen weiteren Fortschritts. (50)

Mal abgesehen von der Fortschrittsgläubigkeit, die nicht wirklich zu den tatsächlichen ökologischen und sozialen Verheerungen des Kapitalismus passt, ist das eine realistische Einschätzung. Was folgt für Brie daraus?

Die Antwort darauf ist aber nicht der Übergang zu einer einzigen Produktionsform und zu einem einzigen dominierenden Eigentumstyp, sondern der Kampf zwischen den Versuchen, auch diese neuen Möglichkeiten privatkapitalistischer Aneignung und Profitmaximierung zu unterwerfen, und den ungeheuer vielfältigen Bestrebungen, die den neuen Möglichkeiten freier Selbstentwicklung und solidarischer Kooperation entsprechend zu gestalten. Diese zielen auf eine solidarische Wirtschaft pluraler Produktions- und Eigentumsformen. (50)

Nach einer zutreffenden Beschreibung ist der Sprung in einen pluralen Kapitalismus (da dieser genuin »plural« ist, ist die adjektive Ergänzung nur Wortgeklingel) enttäuschend. Er stellt die »Vision« der »Grundrisse« geradezu auf den Kopf. Gleichwohl werden die »neuen Möglichkeiten freier Selbstentwicklung« beachtet. Doch anstatt diese in ihrer aufhebenden Potenz weiter zu denken, werden sie nur wieder in das alte Verwertungsschema »plural« eingebettet. Ein Denk-Hinderungsgrund ist dabei sicher die alte Art und Weise die »Eigentumsfrage« zu dichotomisieren: privat vs. staatlich. Dass sich etwa die commonsbasierte Peer-Produktion wie etwa die Freie Software diesen Schemata entzieht, liegt außerhalb des Bekannten und Denkbaren.

Pathetisch wirbt Brie für seinen pluralen Kapitalismus und nimmt dafür auch die Zapatistas in Beschlag:

Anstelle des kommunistischen Hochmuts eines neuen Turms zu Babel sollte das Bemühen treten, die Erde in einen Garten zu verwandeln, der Platz bietet für die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens. An die Stelle der Suche nach einer Eigentumsform, einer Produktionsweise, einer Lebensweise und einer Gestalt von Demokratie muss das Streben für eine neue Vielfalt treten, denn  ansonsten „wird uns die neue Welt quadratisch geraten und sich nicht drehen und bewegen“ (EZLN 1994) (50)

Brie versteht es, eine sympathisch-moderne Sprache zu sprechen — leider doch nur für die alten Inhalte. Aber die Ironie der Geschichte könnte darin bestehen, dass ein »in Politik umgesetzter Brie« den neuen Formen der »commonsbasierten Produktion« tatsächlich mehr Raum verschafft als dies bisher möglich ist. Wenn schon Politik, dann ist das das Sinnvolle, was die LINKE leisten kann.

Fazit

Mit der gesellschaftlichen Vermittlung, der Entwicklungsdynamik und neuer Produktionsformen stellt Brie die richtigen Fragen, Fragen zu denen andere LINKE (ich meine die Partei und ihr Umfeld) sonst in der Regel nicht vorstoßen. Die Antworten sind gleichwohl wieder völlig parteikompatibel. Um dies zu erreichen, behandelt er Marx nicht als Säulenheiligen (auch das ist erfrischend), sondern widerspricht ihm explizit — leider nur in einer Kapitalismus affirmativen Richtung.

Er unterstellt Marx sich zu weigern das Problem gesellschaftlicher Vermittlung zu denken, um dann zu erklären, man könne sie nur wie in einer »modernen Gesellschaft« (aka: Kapitalismus) denken. Er fordert eine abstrakte Effizienz- und Innovationslogik ein und stellt fest, dass es sie nur im Kapitalismus gibt. Dass genau diese Logik »die Erde und den Arbeiter« (K. Marx, Das Kapital, S. 530) untergräbt, ist wohl Schicksal, oder eben durch »Politik« zu korrigieren.

10 Comments

  • […] immer wieder neugierig und lese Broschüren über den Stand der Erkenntnisse wie diese: »Marx’ Kritik der politischen Ökonomie und die Linke heute«. Und siehe da: In homöopatischen Dosen werden neue Entwicklungen wahrgenommen. Dass sie doch […]

  • Benni sagt:

    Ich denke auch, dass es eine „abstrakte Innovationslogik“ braucht. Die Welt verändert sich und darauf muss man bei Strafe des Untergangs reagieren. Das ist _immer_ so und somit „abstrakt“ gegeben auch erstmal unabhängig von konkreten Bedingungen. Was nicht stimmt, dass es diesen abstrakten Mechanismus nur im Kapitalismus gäbe. Jede Gesellschaft hat den unterschiedlich implementiert. Bei CBPP wäre es die Möglichkeit zum Fork, oder das Recht eine Kooperation zu verlassen, die diese Innovation garantiert. Siehe die aktuellen Bestrebungen zur Multipedia zB.

    Das problematische am kapitalistischen Innovationsmodell ist ja, dass es zu Innovation nötigt, auch wenn es gerade eigentlich gar keinen Anlass dazu gibt. Oder meintest Du das mit „abstrakt“?

  • StefanMz sagt:

    Ich meinte mit »abstrakt« eigentlich eher eine inhaltlich entbundene Innovationslogik: Hauptsache Innovation, egal was. Demgegenüber hätte und bräuchte eine CBPP eine konkrete Innovationslogik, die sich an den Bedürfnissen der beteiligten Menschen orientiert.

  • Benni sagt:

    @stefan: ja, dagegen mein Einwand, dass es eben genau eine solche „inhaltlich entbundene“ Innovationslogik braucht. Jede menschliche Gesellschaft braucht Innovationsfähigkeit zum überleben, unabhängig vom Inhalt. Der Kapitalismus hat ja dagegen gerade eine inhaltlich bestimmte innovationslogik, nämlich Innovation zum Erfolg in der Konkurrenz am Markt. Und genau das ist ja unser Problem, dass der Kapitalismus nur _bestimmte_ Innovationen zulässt und andere unterdrückt.

  • StefanMz sagt:

    @benni: Sehe ich genau andersrum, ist aber vielleicht eine Formulierungsfrage: Der Kapitalismus kennt keine inhaltlich bestimmte Innovationslogik, weil einziges, von allem anderen Kriterien absehendes (abstrahierendes) Kriterium die Verwertung ist (was Erfolg am Markt voraussetzt). Die Innovationen im Kapitalismus sind gerade inhaltlich unbestimmt (weil das Geld als Abstraktum inhaltlich unbestimmt ist: G-W-G‘). Dass er — umgangssprachlich — nur »bestimmte« Innovationen zulässt, ist also gerade Ausdruck der inhaltlichen Unbestimmtheit.

    Klar kann man allgemein sagen: Jede menschliche Gesellschaft braucht Innovationsfähigkeit zum überleben. Das ist aber zu unspezifisch, zu allgemein. Würde man es dabei belassen, käme das raus, was Brie sagt: Hauptsache Innovation. Ich würde deswegen formulieren: Jede menschliche Gesellschaft braucht Innovationsfähigkeit zum überleben, aber so sie eine die vollen menschlichen Potenzen entfaltende Gesellschaft ist, abhängig vom Inhalt, d.h. abhängig von den Bedürfnissen. Ich finde, dass man das genau bei den Commons sehen kann: There is no commons without commoning, die Commons hängen von ihrer Bindung an die jeweilige Community (und bedeutet von ihren Bedürfnissen) ab.

  • Benni sagt:

    Ok, ich denke wir müssen hier drei Ebenen von „unbestimmtheit“ oder „allgemeinheit“ auseinanderhalten: 1. Jede menschliche Gesellschaft braucht irgendeine Form von Innovationsfähigkeit. Das ist die allgemeinste ebene. 2. in kapitailstischen gesellschaften braucht es eine form von innovation, die durch nichts bestimmt ist ausser durch den erfolg in der konkurrenz 3. in Wirklichkeit brauchen wir aber eine an den Bedürfnissen orientierte Innovationslogik. Konkrete Ebene.

    werden wir uns so einig?

  • HGG sagt:

    „Wie geht Fortschritt?“ – Einige Überlegungen dazu von mir siehe http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/rk-09.pdf

    Ich gehe dabei von den hochgradig fraktal strukturierten reproduktiven Aufgaben in der Gesellschaft aus, deren Dynamik die Verfügungs- (und damit unter kapitalistischen Verhältnissen die Eigentums-)formen bestimmen bzw. in einem Wecheslverhältnis zu letzteren stehen.

    „Es geht (Marx) nicht darum, gesellschaftliche Widersprüche zu beseitigen, schon gar nicht alle und auch nicht per Revolution. Sondern es geht darum, sie aufzuheben in der dreifachen Bedeutung von abschaffen, bewahren und erheben.“

    Es geht vor allem darum, diese Widersprüche gesellschaftlich zu prozessieren. Dies geschieht in dieser Gesellschaft vor allem über das Kategorienpaar Verfügungsgewalt/Verantworlichkeit und ökonomische Mechanismen. das in ein ganzes ausgefeiltes Rechtssystem eingebettet ist, um sich nicht dauernd (es geschieht oft genug) die Schädel einzuschlagen. Eine Theorie von Kommunismus müsste – nach meinem Verständnis – dieses kulturelle Potenzial positiv aufheben. Wie jenseits von privatem Eigentum die Verfügung über einen Teil der eigenen Reproduktionsbedingungen aussehen kann, das macht die Freie Software usw. derzeit praktisch vor.

    „Jede … feste Bindung von Produzenten an stoffliche konkrete Produktionsmittel … würde nur zu einer … stagnativen Produktionsweise führen.“

    Der Kapitalismus als erste Gesellschaftsordnung, die ihre Produktionsgrundlagen dauernd umwälzt. Das Hereinnehmen prozessualer Aspekte in das praktische ökonomische Denken müsste sich dann auch mal in der Theorie darüber wiederfinden. Da gebe ich Brie recht – auch in seinem Ansatz, zu sagen, schauen wir uns doch mal an, wie das in dieser Gesellschaft funktioniert. Dass Dynamik per se – schon auf Grund sich dauernd ändernder Rahmenbedingungen – „die ständige erneute Trennung des konkreten Verhältnisses von Produzent und Produktionsmitteln“ erfordert (warum auch immer Brie hier die ökonomischer Akteure auf „Produzenten“ reduziert, das sei mal ausgeklammert), dass ökonomische Akteure dynamisch ihre Mittel wechseln (ihre Ziele und Vorgehensweisen sicher auch), ist dann eigentlich eine Binsenweisheit. Wie sich hieraus bereits unkonditioniert ein „Ausdruck der Entfremdungslogik“ herauslesen lässt, bleibt das Geheimnis von SMz.

    „… und allgemeine Zugänglichkeit dieses gesellschaftlichen Potenzials als globaler virtueller Intellekt in Web 1.0 und 2.0 werden zu technologischen Imperativen weiteren Fortschritts.“

    Das ist nun wieder die klassische Lesart von Klein und Brie, die nicht aus der Güterperspektive (selbst in der Form „öffentlicher Güter“) rauskommen, obwohl diese Gesellschaft praktisch und im Begriff der „Dienstleistung“ auch theoretisch längst weiter ist – es geht auch in dieser Gesellschaft dabei schon um das komplexere „Gestalten von Lebensbedingungen“, von dem das Produzieren von Gütern nur ein Teilaspekt ist. Ich gehe allerdings mit Brie mit, dass diese zunächst innerkapitalistischen Entwicklungen Keime sind, um „…die freie (im Sinne des Freiheitsbegriffs aus meinen Chemnitzer Thesen – hgg) Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums …zum Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums werden“ zu lassen. Eine sinnvolle Einbettung „commonsbasierter Produktion“, in der endlich auch mal meine Fragen zum Verhältnis von Verfügungsgewalt und Verantworlichkeit daselbst beantwortet werden (die commonsbasierte Praxis kommt da nicht herum, siehe etwa den Debian Social Contract oder auch die GPL), wäre Teil dieses Prozesses. Für SMz sind das „leider doch nur die alten Inhalte“. „Aber die Ironie der Geschichte könnte darin bestehen“, dass sich die neuen Formen der »commonsbasierten Produktion« selbst mehr Raum verschaffen, ohne auf theoretische Spitzfindigkeiten Rücksicht zu nehmen.

    Und wenn „Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“ ist, dann sind wir schon 300 Jahre auf dem Weg, ohne es bisher gemerkt zu haben.

  • […] Weitere Hinweise gibts auch bei “Wege aus dem Kapitalismus”. […]

  • Jona Kestler sagt:

    Hallo,
    Ihr schreibt, dass Krätke die neue Marxlektüre basht. Der Krätke wird m.E. sehr gut von Ingo Elbe im Marx-Engels-Jahrbuch kritisiert, online: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Die-Beharrlichkeit-des-Engelsismus.html
    Bashing der neuen Marxlektüre betreibt auf unterirdischstem Niveau auch Werner Seppmann in der jungen welt vom 21.9.10. Eine Kritik daran unter
    http://davidoseunomia.wordpress.com/
    Gruß, Jona

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