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Hubert Herfurth: Zur WAK- und Peer-Ökonomie Diskussion

Ein paar Überlegungen zum Gesellschaftsverständnis der radikalen Linken am Beispiel neuester Äußerungen Uli Weiß (Quelle)

Rückblickend lässt sich ja sehen, dass die frühzeitliche Nichtexistenz der Wertformen in den menschlichen Ur-Gemeinschaften gebunden war an sehr, sehr enge Lebensverhältnisse (der Begriff Kommunismus macht hier wenn überhaupt nur ebenso eng gefasst einen Sinn). Die Erweiterung dieser Lebensverhältnisse machte das Aufkommen der Wertformen notwendig, weil die vorhandene Gesellschaftlichkeit dieser voneinander getrennten aber sich einander ’nähernden‘ Gemeinschaften diese Trennung in Gänze nicht überwinden konnte. Inzwischen leben wir einige tausend Jahre später nun in Zeiten, in denen die historische Be­grenztheit dieser Formen praktisch erfahrbar wird und daher zumindest das Nachden­ken über die Möglichkeiten zur Aufhebung einen Sinn macht, insbesondere wenn der Fundus des hinter uns liegenden realen Ge­schichtsprozesses in dieses Nach­denken einfließt. Damit sollte uns heute freilich aber vor allem klar sein, dass das übereilte Herbei­sehnen und Herbeireden der Aufhebung der Wertformen die dazuge­hörigen Verän­derungen im Ver­halten der Menschen, in ihrem Verhältnis zueinander nicht automa­tisch mit bedin­gen. Diese For­men sind ja nicht an sich überflüssig und sie stellen auch keinen Sün­denfall in der menschlichen Entwicklung dar. Die Veränderung der Verhältnisse braucht offenbar einfach mehr Zeit als erhofft oder ge­dacht. Auch Marx interpretierte in diesem Zusammen­hang die Zeichen seiner Zeit zumindest teil­weise geschichtsperpektivisch so falsch wie die russi­schen Okto­berrevolutionäre spä­ter praktisch – aber auch daraus lässt sich nur lernen oder das totale Scheitern wird andauern. So traurig das für un­sere individuellen Lebensspannen sein mag, weil sich ganz praktisch zeigt, dass dieser Aufhebungs-Traum im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Zeit­spannen erstmal eben immer noch nur ein Traum bleiben wird (ich bin Jahrgang 56). Was aber zu­gleich überhaupt nicht ausschließt, das sich dies zukünftig ändert. Doch die genauere Einschät­zung dieser Problematik, die Klärung der Bedin­gungen also, die für diese Veränderung aller Wahr­scheinlichkeit nach notwendig sind, gelingt nicht ohne ein Einlassen auf die konkreten Zusammen­hänge. Die Leichtfertigkeit mit der Uli hier zu Ur­teilen kommt, die seinen eigenen, inhaltlichen Ein­schätzungen an anderer Stelle diametral entgegen stehen (Stichwort Sassulitsch) bereitet mir regel­recht Schmerzen beim Lesen.

„Dass das Proletariat (und dessen Diktatur) der Schöpfer eines neuen Ganzen sein könn­te, das ist geschichtlich (und inzwischen auch logisch) widerlegt“ (aus Ulis WAK mail).

„Proletariat“ ist hier immer noch nur ein Mythos und nicht einfach die ‚ganze‘ Gesellschaft (die es allerdings im Singular noch gar nicht gibt) der lohnabhängigen „ArbeiterInnen“, die sich ihres objek­tiven Zusammenhangs und der daran hängenden Möglichkeiten in der kapitalistischen Warenpro­duktion aber natürlich auch erstmal subjektiv bewusst werden müssen. Wobei ich hier unter „bewusst werden“ vor allem einen praktischen Prozess verstehe, in dem aus dem Neben-, Durch- und Gegeneinander von ge­sellschaftlichen und (!) ungesellschaftlichen Ambitionen der gesellschaftlichen Akteure sich erst die wirklich gesellschaftlichen Zusammenhänge als die stärkeren durch setzen (müssen). Allerdings, ohne die berühmte, im Augenblick wie nie wirkende „Notwendigkeit“ (z. B. ökonomische [Jahrhundert]-Kri­se und drohende Klimakatastrophe) ist dies für mich so wenig vorstellbar wie ohne die (selbst)kritische Betrachtung und Aufarbeitung der bisherigen (Bewegungs)geschichte.

Ulis angeblicher Beweis be­steht ja praktisch nur darin, dass eine bestimmte Vorstellung (!) vom Ergebnis des Geschichtspro­zesses bisher in der Tat nicht eingetreten ist. Abgerundet wird diese „Einsicht“ mit dem inzwischen schon klassischen Lamento, das Proletariat ringe

„gemäß seiner Interessenlage um den Erhalt der Ausbeutungsverhältnisse“ (ebenda),

anstatt seiner eigentlichen Mission entsprechend, dem Kapital eben diese Ausbeutungsverhältnisse um die Ohren zu schlagen. Uli diskutiert hier so abstrakt wie ungenau. Schon sein Versuch in „Kein Weg aus dem Kapitalismus!“ Christi­an Siefkes‘ Peer-Ökonomie Konzept von meiner Kritik „Gesellschaftlichkeitsdefizite der Peer-Ökonomie“ freizustellen, basiert auf dem grundsätzli­chen Fehlverständnis der Gesellschaftlichkeitsproblematik, die letztlich durch keinen Modellvorbe­halt außer Kraft gesetzt werden kann. Im Gegenteil, das Modell muss zeigen, dass es diese Anforde­rungen in der Lage ist abzudecken oder die Grenzen müssen abgesteckt werden, bis wohin das Mo­dell aussagekräftig sein kann oder soll. Was Christian auch bei gutwilligster Interpretation aller­dings genau nicht macht, denn so hat er nach meiner Beobachtung (Treffen in Hattingen, Diskussion im Blog und Vortrag in Berlin) die Möglichkeit, je nach Publikum, zwischen Modellüberlegungen und der Definition von Produk­tionsweisen mit Realitäts-Charakter ziemlich beliebig hin und her zu springen. Methodisch ist das m. E. ein eher katastropha­ler Ansatz. Er zeigt aber, auf welch einem wissenschaftlichen Niveau sich viele linke Auseinan­dersetzungen bewegen. Uli wehrt die Kritik hier nicht ab, weil sie inhaltlich nicht passt, sondern weil sie ihm selbst nicht passt. Stattdessen formuliert er dann eine Kritik die auf einem Zirkel­schluss basiert, weil er die Freiheit vom Zwang zur Arbeit im Ziel („Kommunismus“) zur absoluten Voraussetzung schon für den Weg zum Ziel selbst macht.

„Die PRODUKTIONSTÄTIGKEIT, für die Christian ausdrücklich einen ÄUSSEREN ANTRIEB für notwendig hält, ist die UNGELIEBTE ARBEIT. Es ist eine Arbeit, die als OPFER angesehen wird. Man verrichtet sie nicht als Bedürfnis um ihrer selbst und um des konkreten Produktes Willen. Man leistet sie, um sich Ansprüche auf solche Güter zu erwerben, die von anderen Menschen hergestellt werden“ in „Kein Weg aus dem Kapitalismus!“

Wenn er eine solche Voraussetzung wirklich ernst meinte, müssten die Veränderungsbestrebungen eigentlich als sinnlose eingestellt werden, denn wenn überhaupt, käme der Kapitalismus dann automatisch irgendwann dorthin oder nie. Er ist hier noch idealistischer als Christian, weil sein Ausgangspunkt noch weniger der Realität verhaftet ist.

Aber darüber hinaus verfehlt er selbst in diesem Ziel den eigentlichen Charakter dieser Arbeit – gesellschaftliche Arbeit zu sein – sehr weit­gehend, womit sich dann auch deutlich zeigt, dass es meine Gesellschaftlichkeitsvorstellungen selbst sind, die er für falsch hält bzw. halten muss.

Er schließt hier an Christians selbstbezüglichen Anfang an und lässt die gesellschaftlichen Bestimmungen, wie die dazugehörigen inhaltlichen Implikationen unbeachtet außen vor. Nega­tiv erwähnt er die Zwangsarbeit und positiv geht es um die schöpferische Selbstbetäti­gung (der Ar­beitenden), als Selbstzweck dieser Arbeit. Doch das dies nur funktioniert im Verhältnis – und dieses Verhältnis einer der Springpunkte ist, um den sich die Problematik hier dreht – zum Empfän­ger der erarbeiteten Dinge und Leistungen entfällt. Aber: Arbeit ist erst gesellschaftliche Arbeit, wenn sie nützli­che Arbeit für Andere ist. Sie dient deren Bedürfnisbefriedigung und damit deren Selbstentfaltung. Das eigene Selbst kann sich nur entfalten, entwickeln in der Anerkennung, Bejahung und Unterstützung aller anderen und ihrer Selbstentfaltung. Schon in der gerade wiedergegebenen Textstelle tauchten 2 Bedingungen auf, an denen Uli „kommunistische Arbeit“ zu erkennen glaubt:

Man muss sie verrichten um ihrer selbst willen und um des Produkts willen.

Die Empfänger dieser Arbeiten, die Anderen, die Gesellschaft tauchen hier als direkter Grund jedoch überhaupt nicht auf. Die kommunistische Gesellschaftlichkeit erweist sich damit auch bei ihm als eine einzige Fehlstelle, weil er sie mit ihrer Spezifik nicht an einer Stelle berührt, benennt oder gar problematisiert.

Uli sieht in der Lohnarbeit nur den Zwang, nicht auch das Positive der Warenproduktion, das durch deren Aufhebung zu bewahren und auf eine höhere Stufe zu heben wäre. In der Gesellschaft der voneinander unabhängigen Privateigentümer wird die zugrunde lie­gend­e gesellschaftliche Abhängigkeit voneinander als Verhängnis erlebt und genau so spiegelt sich dies auch noch in den Veränderungsbestrebungen:

Denn im Prinzip wird die Gesellschaft bei Uli wie bei Christian ebenfalls gebildet von einander unabhängigen Individuen, die jeweils nur ihrer Selbst­entfaltung verpflichtet sind

und irgendwie gemeinsam und natürlich kooperativ ihre jeweiligen Be­dürfnisse befriedigen (als wenn in der kapitalistischen Produktion irgendetwas ohne Kooperation zustande käme). Das diese Gesellschaft zusammen haltende Band ist dem Handeln der Menschen damit schon vorausgesetzt und somit diesem Handeln völlig äußerlich – so lange das Eigeninteresse der Dreh- und An­gelpunkt bleibt und eine andere überprüfbare Definition ausbleibt.

Sein zunächst verständliches Bestreben, jeden Zwang auszuschließen, übersieht allerdings, das auch dieser Zwang kein der Gesellschaft äußerer ist. Er entspringt aus diesen gesellschaftlichen Verhältnissen. Aufzuheben ist er nur, wenn die Menschen in geänderten Verhältnissen zueinander ihrer Gesellschaftlichkeit einen anderen Ausdruck geben, so dass der äußere Zwang seine Notwendigkeit verliert, eben weil er nicht mehr gebraucht wird, wenn die Menschen sich zueinander anders verhalten.

Die Probleme welche das Proletariat hat, wenn es sich als EIN SUBJEKT, mit EINEM gemeinsamen Interesse kon­stituieren muss auf der Basis ei­ner größeren, immerhin mehrere Milliarden Individuen fassende An­sammlung unterschiedlicher Menschen, aus unterschiedlichen sozialen Lagen, aus unterschiedlichen Betrieben, aus unterschiedlichen Pro­duktions- und Arbeitssphä­ren, aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Sprachen sieht Uli nicht, noch interessiert er sich dafür. ER setzt dieses SUBJEKT und die dazugehörigen INTERESSEN einfach BEGRIFFLICH ein, und wenn diese BEGRIFFE nicht so funktionieren, wie ER es braucht, KONSTRUIERT er sich neue – als wenn die begrifflichen Fest­legungen automatisch identisch mit dem realen Geschichtsprozess sein könnten oder gar identisch sein müssten. Christian Siefkes etwa beschreibt den so realen wie gegenwärtigen Ausgangspunkt der Warenproduktion – Produktion für andere zu sein – völlig richtig und glaubt dann doch, mit seiner begrifflichen Abkehr von dieser Realität und dem Wechsel zu einem überschau­bareren, faktisch jedoch genauso idealistischen ‚Subjektes‘ (WIR) eines ebenso idealistischen Gemeinschaftsinteres­ses wäre seine neue Produktionsweise schon begrün­det oder eine neue Produktionsweise so begründbar (siehe meine Kritik an Robert Kurz die übrigens nicht ! wg Kurz in die Kritik am Christian aufgenommen wurde), obwohl die Peer-Produk­tion nach seiner eigenen Argumentation ge­nau dies weitgehend schuldig bleibt, Produktion für andere zu sein. Denn genau da kommt sie nach Christians eigener Einschätzung an die durch die Warenproduktion angestoßene Bedürfnisbefriedi­gung nicht ran (er outet die bekannten OS Vor­zeigebeispiele firefox und thunder­bird als durch den Markt angestoßene, außergewöhnlich nutzer­freundliche Programme), eben weil sonst der Selbstbe­zug dominiert und daher – als dessen Kehr­seite – für eine Veränderung über den Kapitalismus hinaus der absolut notwendige Gesellschafts­bezug eigentlich fehlt. Diese Ungesellschaftlichkeit der Peer-Produktion bestätigt Christian sogar in einer Anwort an mich, denn auch für ihn

„(vertreten) die heutigen Peer-Produzent/innen und ihre Theoretiker, () eher ungesellschaftliche Vorstellungen“ (Diskussion im Keimform-Blog)

und doch versteht er überhaupt nicht, dass genau daraus sein Erklärungsdefizit resultiert, weil seine Prophezeiung so vollkommen in der Luft hängt und eben kein realer, praktischer Ausgangspunkt sondern reines Wunschdenken ist.

Das Proletariat ist so für Uli nicht mehr als das Objekt seiner politischen Begierde (ob anhimmelnd oder niedermachend ist dabei aus meiner Sicht ziemlich gleichgültig). Die Diskrepanz zwischen Ulis In­teressenlage auf das Objekt Proletariat und der Interessenlage der Menschen die dieses Proletariat bilden (denen er sich im übrigen offenbar auch nicht zugehörig fühlt) ist so eklatant wie interessant. Da Uli jede Mühe dabei vermissen lässt, die Interessenlage der Menschen die das Proletariat bilden nachzuvollziehen und die Schwierigkeiten offen zu legen, die der Subjektwerdung hier zum ‚Prole­tariat für sich‘ im Wege stehen, offenbart sein Eigeninteresse so eine völlige Gleichgültigkeit gegen­über den Menschen die das Proletariat bilden und damit faktisch zur gesamten Gesellschaft – so lan­ge diese nicht so funktioniert wie er meint, dass sie funktionieren müsste. Die Objektsetzung ist hier nicht weniger total als bei den Charaktermasken ‚der anderen Seite‘, die das ganze Ungemach wel­ches diese Verhältnisse einem Großteil der Menschen antun, als in deren eigener Verantwortung be­gründet ansehen. Das Subjekt Uli mutiert hier zum Puppenspieler und wenn das Spiel mit der Pup­pe ‚Proletariat‘ keinen Spaß mehr macht, wird sie ausrangiert. Das ergänzt sich übrigens sehr gut mit der hier bei Uli anschließenden, jedoch genau so oberflächlichen ‚Klassenanalyse‘

„Die Geschichte hat allerdings neue soziale Phänomene hervorgebracht, Menschen (aus ganz verschiedenen Klassen und Schichten) mit Interessen und Fähigkeiten, mit konkre­ten Praxisformen, die – anderes als bei Proletariat – inkompatibel zur kapitalistischen Produktionsweise sind (wenngleich sie bisher deren Funktion noch voraussetzen)“ (WAK email).

Wenn heute die Marxsche – ich sage ausdrücklich nicht marxistische – Proletariatsbestimmung auf die „übergroße Mehrzahl“ (Marxscher Ausdruck aus dem K-Manifest mit dem er vor ca. 160 Jahren den Geschichtsprozess erstaunlich richtig antizipierte, wohingegen der elitäre Minderheitenbezug der heutigen ‚revolutionären‘ Linken das ganze Gesellschaftlichkeitsdesaster hier offen vor fast aller Augen treten lässt) der Gesellschaft zutrifft, dann müssen Ulis „neue soziale Phänomene“ auch hier einzu­ordnen sein. Damit ist allerdings der von ihm aufgemachte Gegensatz zwischen Proletariat und Menschen – der ja nichts ist als der Widerspruch zwischen einem Teil (oder verschiedenen Teilen) und dem Ganzen – von vornherein hinfällig und dient allein der Aufrechterhaltung seines Puppen­spiel­erstatus: das ausrangierte Spielzeug muss schließlich ersetzt werden – seine „Menschen“ sind nur der so abstrakte wie leere Ersatz für sein ganz und gar nicht stimmiges Bild von der Realität. Dieses will und muss er nun anpassen, aber er benutzt dafür die gleichen Werkzeuge wie zuvor: leere Abstraktionen. Womit zugleich deutlich wird, das das Interesse an realen gesell­schaftlichen Veränderungen und Veränderungsmöglichkeiten ersetzt wird von periodisch zu erneu­ernden, irrealen Träumereien, denn auf den Nachweis, dass die von ihm erwähnte Inkompati­bilität über die subjektiven Befindlichkeiten der Träger dieser Praxisformen und damit über deren Selbst­einschätzung hinausreicht, wird man lange warten dürfen. Schon sein eigener Klammer­zusatz schränkt die behauptete Inkompatibilität weit mehr ein, als seine vollmundige Aussage ver­trägt. Die Peer-Produktion (OS etc.) mag in einem gewissen Spannungsverhältnis zur kapitalistischen Produkt­ionsweise stehen, doch diese ist durchaus kompatibel mit anderen, auch gegensätzlichen Pro­duktionsweisen wie etwa der Haus-und Familienarbeit, weil (oder so weit) sie von der kapitalistischen Pro­duktion abhängig blei­ben und diese ergänzen. Doch so lange Uli sich im Schein seines Überlegen­heitsge­fühls sonnt, wird er einen Teufel tun und nicht mit Hilfe auch sich selbst gegenüber schonungsloser Analyseverfah­ren den Vereinfachungen seiner eigenen, absolut abstrakten Sichtweise zu Laibe rücken, nur um dann am Ende zu sehen, dass seine Überlegenheit nicht mehr war als eine so ju­gendlich wie spießi­g eitle Wunschvorstellung von den tollen Revolutionären als den gesellschaftli­chen Erneuerern und Er­rettern.

Aus meiner Sicht spiegelt gerade diese weitgehende Gleichgültig­keit sol­cherart ‚revolutio­närer Führungskräfte‘ gegen die reale Anmaßung der Fakten nur das immer noch vorhandene, ob­jektive Unvermögen der Gesellschaft selbst (freilich zynisch gewendet), in der feh­lenden Rücksicht auf die Bedürfnisse der jeweils Anderen die Ursache für die nichtvorhandene Be­rücksichtigung der jeweils eigenen Bedürfnisse zu sehen. Zugleich zeigt sich in diesem intel­lektuel­len Besser-Wisser-Dünkel der noch nicht überwundene Verlust der Sonderstellung, der Frust dar­über, dass die angestrebte und erträumte Führungsrolle in einer historischen ‚Niederlage‘ ko­lossalen Ausmaßes geendet ist, in dem dann auch noch die unbewusste Abwehr vor der nivellie­renden Wir­kung der Lohnarbeit aufscheinen mag.

Allerdings müsste schon der Blick auf die Gesamtszenerie bewusst revolutionärer Bestrebungen deutlich machen, das hier etwas nicht stimmt, denn das von Uli so genannte Unvermögen des Prole­tariats steht dort neben der heillosen Zerstrittenheit und dem nicht vorhandenen Zugang auf die Gesellschaft als konkretes Ganzes. Die jeweiligen, sich einander feindselig oder gleichgültig gegen­überstehenden Auffassungen von (aber immer) abstrakter Gesellschaft (Proletariat etc.) werden hier wie von Privatei­gentümern gehändelt, unter denen allein die Konkurrenz ums beste Geschäft alles beherrscht. Die scheinbar klare Differenz zwischen scheinbar versagendem Proletariat einerseits und scheinbar durchblickenden, revolu­tionären Intellektuellen andererseits funktioniert ja nur so lange, wie die jeweiligen Intellektuellen es für sich schaffen, diesen Streit (und alle damit verbunde­nen Probleme) auszuklammern und ihren jeweils eigenen Weg für den einzig maßgebli­chen zu hal­ten, weil nur in dieser Perspektive das Versagen des Proletariats das scheinbare Zentrum ist, an dem die Revolution stockt. Die bereits erwähnte Gleichgültigkeit der Gesell­schaft gegenüber findet auch in diesem Verhalten ihren Widerhall. Ulis angeblicher Beweis ist damit in der Tat der allerdings vollständig überflüssige, nur eine Selbstverständlichkeit beschreibende Hinweis, das eine völlig selbstbezügliche Ausrichtung der Gesellschaft kei­nen Umschlagpunkt zu einer höheren Gesell­schaftlichkeit in sich finden kann.

Konkret kann das gemeinsame Interesse des Proletariats in der ‚Klasse für sich‘ aber m. E. spezifisch gar nicht an­ders dargestellt werden als durch einen Ausdruck, in dem die Beziehungen und Verhältnisse der Individuen zueinander explizit erfasst sind– nämlich in dem Interesse an den In­teressen und Bedürfnissen der Anderen. Ein Zustand der sich ja bereits in der realen, alltäglichen, praktischen Tätigkeit (Produktion von Pro­dukten und Dienstleistungen) für die Be­dürfnisbefriedigung der Anderen recht unspektakulär äu­ßern MUSS, dort aber (noch und solange) als Zwangsverhältnis wirkt, wie die Gegenseitigkeit und reale Abhängigkeit voneinander über das Eigeninteresse vermittelt ist– schließlich ist dies ja nichts weniger als eine ganz zentrale Säule der (kapitalistischen) Warenproduktion. Daher ist genau DAS die Klammer die die Gegenwart mit der Zukunft verknüpft, DAS ist der Keim des neuen im alten und nicht die fehlenden Preisschilder auf irgendwelchen Produkten. Die WERTVERHÄLTNISSE und damit die WERTFORMEN sind doch nichts als der objektivierte, gegenständliche Ausdruck des notwendigen Zusammenhangs der voneinander unabhängigen Privatproduzenten. Ein Zustand den Marx im absurden Ausdruck ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit kennzeichnet, um die hier liegende Entwicklungsmöglich- und Notwendigkeit heraus zu arbeiten. Die ganze notwendige, kom­munistische Gesellschaft­lichkeit ist in diesem Aus­druck auf ihren einfachsten und zugleich inhalt­lich auch ausreichend konkreten Punkt ge­bracht, denn der spezifische, inhaltliche Unterschied zu aller Gesellschaft(lichkeit) vor ihr ist darin so eingefangen wie die materialistische Angebundenheit an den real bestehenden Zustand.

Die bloße Verfolgung der jeweils eigenen Interessen ist doch geschichtlich nichts Neues und konstitu­iert auch für sich keine Ge­sellschaft, sondern höchstens eine Gemeinschaft (der aber andere Gemeinschaften zur Seite stehen, mit denen die Auseinandersetzungen um die Gesellschaft wieder neu beginnen). Nochmal zur Erinne­rung der selbstbezügliche Kurzschluss von Robert Kurz der den Fortschritt über den Kapitaltismus hinaus, ausgerechnet darin er­kennen will

„dass Leute sich zusammenschließen, um für sich selbst, für den eigenen Bedarf“

zu pro­duzieren (krisis 19). Sieht man von der scheinbaren Negation in Richtung Kapitalverhältnis ab, ent­hält der Ausdruck nicht nur kein Gramm Fortschritt, sondern in der Definition der Gesellschaftlichkeit fällt er mit dem Selbstbezug sogar hinter das zurück, was er zu kritisieren vorgibt.

Überhaupt ‚entsteht‘ erst mit diesem spezifischen Blick auf das Proletariat ein Proletariat, in dem die einzelnen Individuen als selbstbewusst füreinander täti­ge Individuen noch er­kennbar sind und nicht im abstrakten Meta-Subjekt namenlos verschwinden, um den mehr oder we­niger bürokratischen Vor­gaben ‚ihrer Organisationen‘ faktisch willenlos zu folgen, dafür aber im Einklang mit dem hehren, allgemeinen Ge­samtinteresse stehen (der ganze bisherige Realsozialismus von der frühen KPD bis zur stalinistischen KPdSU ist hiermit glasklar beschrieben). Die kommunistische Ge­sellschaftlichkeit fällt doch nicht vom Himmel, in ihr kann ja nur das bewusst umgesetzt werden, wofür die Vorläuferge­sellschaft den äußeren Zwang der (Wert)verhältnisse brauchte. Die leere Ab­straktheit in der tradi­tionellen Sicht auf die In­teressen des Meta-Subjektes „Proletariat“ spricht da eine ganz klare Spra­che. Führer und Führung, Partei und Staat und nicht zu vergessen, der Plan, sind auch von dieser Seite aus historisch nicht mehr als die untauglichen Ersatzmittelchen und da­mit DER Zeiger auf eine noch nicht vorhandene (kommunistische) Gesellschaftlichkeit. Alle bishe­rigen Veränderungs­bestrebungen basieren auf ab­strakten Kapitalismus-Negationen und Gesellschaftlichkeits-Vereinfa­chungen (da passt Ulis „Beweis“ so gut rein wie die Peer-Ökonomie Diskussion). Die Gesellschaft verfügt somit noch über keinerlei praktikable, positive Aufhebungslösung. Diese einfache Tatsache spiegelt sich im massenhaften Desinteresse an den vorhandenen Scheinlösungen. Und es wirft ein bezeichnendes Licht auf die selbsternannten Führungskräfte, dass sie die hier zum Ausdruck kommende praktische Kritik nicht verstehen. In völliger Verkennung der Tatsachen glauben sie gar gute Gründe dafür zu haben, die Kritik hier in Richtung der großen Mehrzahl der Menschen umzudrehen weil diese ihnen nicht folgt.

Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel für die zugrunde liegende Hilflosigkeit dieser Ansätze offenbart z. B. die Diskussion zwischen Karl Reitter und Michael Heinrich in den „grundrissen“ 11 von 2004. Reitter beginnt die­se mit dem Versuch einer „Bereicher­ung“ der Heinrichschen Kapi­tal Einführung über den Begriff des Klassen­kampfs, welchen Heinrich aus meiner Sicht allerdings erfolgreich abwehrt, nur das auch diese Position letztlich völlig unbefriedigend bleibt.

Reitters Klassenkampfansprü­che sind so ab­strakt wie sein Subjekt-Bezug zum Prole­tariat und das dazugehörige proletarische Klassenin­teresse. Michael Heinrich antwortet mit einer Aufzählung von mehr oder weniger offenen Fragestellungen (Gemeinsamkeiten der heterogen zusammengesetzten Klassengemengelagen, Klassenzugehörigkeiten etc.) und zeigt so die Problematik eines meist floskelhaften bzw. abstrakten Umgangs ganz gut auf. Ein Inhalt, über die Verteidigung des Werts der Ware Arbeitskraft hinaus (der auf dieser Ebene die einzige und dazu eben zugleich sehr widersprüchliche Gemeinsamkeit ist, den die Klasse hat), ist hier außer in inhaltsleeren Parolen m. E. nicht zu entdecken. Aber so richtig Heinrichs Zurückwei­sung auch ist, als Antwort offenbart sie doch zugleich die ganze Leere der Marxistischen Vor­stellungen, da für ihn kein Inhalt, kein Grund in den Verhältnissen existiert, durch welchen eine andere Ent­wicklung an­getrieben wird oder angetrieben werden kann – die kapita­listische Gesellschaft ist auch bei ihm im engen Sinn des Wortes kein wirklicher Forschungs­ge­gen­stand. Letztlich ist daher alles Zufall. Sein berechtigtes Misstrauen ge­genüber den objektiv vorher bestimmten Geschichtsverläufen steht neben einem weitgehend verlorenen, analyti­schen Blick auf die sich entwickelnde Realität. Mit ihren Widersprü­chen und den darauf fußenden Möglichkei­ten und Zwängen kann Michael Heinrich nicht viel anfangen, eine Entwicklungslogik (die zu berücksichtigen wäre) ist für ihn nicht zu erkennen.

Es muss also nicht verwundern, wenn der abstrakte Antikapita­lismus sich prinzipiell in 2 Beschwörungsformeln erschöpft. Die fehlenden Inhalte werden durch die moralische und meist martialische Überbetonung der Formen kompensiert. Dies ist zum 1. der Kampf selbst und zum 2. die Solidarität. Altvater etwa hat letztere als „soli­darische Ökonomie“ im Buch „das Endes des Kapitalismus wie wir ihn kennen“ sogar in den Rang einer Produktionsweise erhoben, vom Anspruch her also durchaus vergleichbar mit Christians Produktionsweise Behauptungen bei der Peerökonomie. Doch kann sie allenfalls als Zufallslösung herhalten, weil hier kein materialistischer Gesellschaftszusam­menhang konstituiert wird, sie also nur moralisch wirkt in Abhängigkeit von vielerlei, auch völlig ge­gensätzlichen Nebenumstän­den. Altvater – der die schwa­che Wirkung der Solidarität für das 20. Jahrhundert sehr wohl sieht – weiß sich keinen anderen Rat als genau darauf zu setzen, wobei die eigentliche Begründung in der Negierung der Bedürfnisse der Menschen durch die liberalen Globalisierungsbestrebungen liegt. Dabei muss er sogar davon ausgehen, eine „solidarische Ökonomie“ sei sogar auf Basis der Wertformen möglich, also auf der Basis einer unbewussten Gesellschaftlichkeit die sich bekanntlich dadurch auszeichnet, dass sie nur hinter dem Rücken der Akteure funktioniert. Michael Heinrichs sehr vor­sichtigen, von der hier angesprochenen Schwäche dominierten Versuch, die kapitalistische Warenproduktion selbst zu problematisieren („Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung.“ S. 216 ff), führt er sogar ein Stück weit ad absurdum, weil er keine innere Verbindung zwischen dieser Warenproduktion und ihrer möglichen Aufhebung sieht. Das eigentliche Problem löst er so natürlich nicht und dokumentiert da­mit zugleich, dass bisher marxistisch noch nicht mal eine Lösung angedacht werden konnte bei der nicht im Mittelpunkt irgendwelche abstrakten Annahmen standen:

„Die Frage stellt sich aber, ob und inwiefern die ökonomische und politische Praxis über kapitalistische Formen hinausweist. Was ist das transzendierende Potential von so­lidarischer Ökonomie und nachhaltiger Gesellschaft?“ (Altvater, S. 203).

Da er darauf keine Antwort hat, wird der Rückgriff auf die traditionellen Vorstellungen wieder in den Mittelpunkt gerückt und etwa Holloways Machtkritik (als Kritik am Desaster des Realsozialismus) auf das schärfste kritisiert, obwohl er die Schwierigkeiten der Machtausübung – angesichts eines nicht greif­baren, also abstrakten Subjektes, welches diese Macht ausüben könnte bzw. müsste – nicht aushebeln kann. So lange die notwendige Gesellschaftlichkeit nicht da existiert, wo sie hingehört, also bei der ungeheuren Mehrzahl der geselllschaftlichen Individuen, können die Lösungen nur sehr zweifelhafte sein, weil sie Ersatzsubjekte brauchen, um die fehlende Gesellschaftlichkeit der Individuen zu ersetzen.

Die Gesellschaftlichkeit der heutigen Gesellschaften ist einerseits nun zwar weitgehend diesem be­schränkten historischen Stand entwachsen – was sich ja u. a. darin zeigt, dass die scheinradikalen Poli­tikformen etwa der KPD aus der Zwischenkriegszeit nicht wirklich wiederholbar sind – eben weil der Geschichtsverlauf praktisch klar gemacht hat, dass die den Anhängern versprochene ! Lösung aus der Beziehung zwischen Führung und Gefolgschaft gar keine war. Was zugleich den Irrtum der K-Gruppen-Bewegung im Gefolge der so genannten Studentenbe­wegung markiert, die ahistorisch glaubte, den roten Faden scheinbar unterbrochener, in Wirklichkeit aber bereits vollständig gescheiterter „kommunistischer“ Politik wieder aufgreifen zu können. Ulis „Beweis“ beweist daher vor allem, dass die Inhalte dieser vergangenen Arbeiterbewegungsverhältnisse intellektuell noch nicht wirklich überwunden sind, in denen die Masse der Arbeiterinnen nur die Aufgabe hatte, den Parolen ihrer Führer Folge zu leisten die das abstrakte Gesamtinteresse managten (zu den hier vorhandenen Widersprüchen; erfüllten, hintergangenen und oder zurückgewiesenen Ansprüchen: Klaus-Michael Mallmann, „Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung“). Dieser ‚Manager-Sozialismus‘ hat sich erledigt und auch das weinerlichste Selbstmitleid der verhinderten Manager kann die „Schreie“ (Holloway) der „übergroßen Mehrzahl“ nicht übertönen – einer Mehrzahl die natürlich mit diesen Verhältnissen keinen wirklichen Frieden machen kann.

Andererseits ist freilich ebenso offensichtlich der notwendige, neue Gesellschaftlichkeitsgrad für den nächsten qualitativen Sprung der „übergroßen Mehrzahl“ nach vorn noch nicht erreicht, dazu müssen deren „Schreie“ sich in ein bewusstes Handeln verwandeln, mit dem sie sich ihre Gesell­schaftlichkeit aneignen können. Stefan Breuers Behauptung jedoch, die Revolution sei

„nicht länger aus der immanenten Dialektik des Kapitals zu begründen“, weil „die Arbeiterbewegung in ihrem blinden Wechsel von reformistischer Inte­gration und verzweifeltem Voluntarismus demonstrierte, dass es durchaus keinen not­wendigen Zusammenhang zwischen Kritik der politischen Ökonomie und Revolutions­theorie in dem von Marx unterstellten Sinne gab, dass >in dem positiven Verständnis des Bestehenden< >zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs< (MEW 23, S. 28) eingeschlossen sei, gab sie die höhnische Antwort des Kapitals auf die Hoffnung des revolutionären Sozialismus, dass die bürgerliche Gesell­schaft im Proletariat als einer gleichsam exterritorialen Instanz ihre absolute Grenze ge­funden habe“ (Die Krise der Revolutionstheorie, S. 63, Frankfurt a. M. 1977)

ist allerdings zu revidieren. Denn „das Verständnis des Bestehenden“ hat das Bestehende in der Zeit nach Marx bisher genau nur völlig unzureichend erfasst, so dass die Veränderungsansätze gar nicht da angesetzt haben, wo sie aber hätten ansetzen müssen, um überhaupt erfolgreich sein zu können (Gesellschaftlichkeitsentwicklung statt Machtübernahme, da Machtübernahme eine entsprechende Gesellschaftlichkeitsentwicklung voraussetzt).

Die absolut mögliche, praktische Erkenntnis, dass das in der gegenseitigen Abhängigkeit aufscheinende Verhängnis ein solches nicht sein muss, da die Pro­duktion für die Bedürfnisse der Anderen ihres Zwangscharakters beraubt wird, wenn sie erst zum Gegenstand der persönlichen Sorge und der persönlichen Verantwortung „der übergroßen Mehr­zahl“ gemacht werden kann und damit dann stattdessen auf Basis einer bewussten Handlung der Individuen stattfindet. Dieses bisherige ‚Versagen‘ lässt sich der „übergroßen Mehrzahl“ daher überhaupt nicht ankrei­den, der Versuch allein zeigt schon, wie klein das Verständnis dieser Zusammenhänge bisher ist. Das bisherige Festsitzen in einer Sackgasse betrifft alle. Nur die selbst ernannten Durchblicker schwelgen in Selbstmitleid, hantieren lieber mit Schuldzuweisungen und fühlen sich den „Normalos“ ja sooo überlegen, anstatt sich an vernünftigen Erklärungsversuchen abzuarbeiten. Ein realistischeres und damit notwendigerweise kritischeres Selbstbewußtsein sieht anders aus.

Bochum im Juni 2009

20 Comments

  • StefanMz sagt:

    @Hubert: Manchmal ist weniger mehr. Ich habe jedenfalls große Schwierigkeiten, den Punkt deiner Kritik zu fassen. Für mich liest sich das wie ein Rettungsversuch des Traditionsmarxismus, nur irgendwie besser, nicht so wie der Osten. Uli kritisiert dessen Fundamente und du argumentierst mit diesen. Deswegen redet ihr aneinander vorbei.

    Uli sagt, das Proletariat hat aufgrund seiner Interessenlage keine transformatorische Potenz. Du kritisierst das, aber ohne Gegenargument, sondern unterstellst Uli Idealismus. Und kommst dann zu deinem Gesellschaftsding, was Uli auch verfehle. Aber wieso? Ich vermisse die Begründung.

    Du sprichst vom Positiven der Warenproduktion, das zu bewahren wäre. Worin besteht das?

    Du wirfst Uli vor, die Gesellschaft werde »gebildet von einander unabhängigen Individuen, die jeweils nur ihrer Selbst­entfaltung verpflichtet sind«. Das stimmt — so wie ich Uli verstehe — in mehrfacher Hinsicht nicht. Erstens und banalstens ist niemand seiner Selbstentfaltung »verpflichtet« — wie sollte so eine »Pflicht« aussehen? Zweitens setzt du ein »nur« davor — wozu sind sie denn deiner Meinung nach sonst (noch) »verpflichtet«? Drittens gibt es keine voneinander unabhängigen (ich lese: vereinzelten, isolierten, monadischen) Individuen, sondern unabhängig sind sie nur, sofern sie gesellschaftlich sind. Die Existenz der Menschen ist gesamtgesellschaftlich vermittelt. Vereinzeln oder isolieren können sich Menschen nur _in_ der Gesellschaft. Das sieht 100pro Uli auch so (ha, reimt sich!).

    Das Proletariat retten, indem du einfach alle Menschen dazu erklärst? Das haben schon andere versucht und sind gescheitert. Die Kategorie Proletariat hat eine spezifische Bedeutung, und mit ihr war eine bestimmte Geschichtsphilosophie und damit Hoffnung verknüpft. Beide sind nun den Bach runter, und zwar aus guten Gründen. Die benennt Uli. Er kritisiert damit sich selbst und andere mit, die das nämlich mal vertreten haben: Man hätte es auch früher wissen können. War aber nicht so. Jetzt aber muss den alten Kram endlich wegpacken, weil erwiesener Maßen (und logisch nachvollziehbar) gescheitert.

    Nun zu deinem Gesellschaftsding. Echt mal: Was ist dein Punkt? Obwohl von Gesellschaftlichkeit schreibst, scheinst du selbst von einem ungesellschaftlichen Menschen auszugehen, dem die Gesellschaftlichkeit erst beigebogen werden muss. Und wer nicht benennen könne, wie dies im Kommunismus zu geschehen habe, der solle nicht davon reden dürfen. Die Proleten=Menschen müssen ein »Interesse an den In­teressen und Bedürfnissen der Anderen« haben, forderst du.

    Genau das leiste der Kapitalismus, nur eben in sachlicher Form, in »ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit«. Dann weiter mit Bezug darauf: »Die ganze notwendige, kom­munistische Gesellschaft­lichkeit ist in diesem Aus­druck auf ihren einfachsten und zugleich inhalt­lich auch ausreichend konkreten Punkt ge­bracht«. Häh? Kommunismus als »ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit«? Nein, das kannst du nicht meinen.

    Nun deine Begründung: »denn der spezifische, inhaltliche Unterschied zu aller Gesellschaft(lichkeit) vor ihr ist darin … eingefangen«. Was soll denn »alle Gesellschaftlichkeit« sein? Es gibt nur die Gesellschaftlichkeit, aber nicht mehrere davon (und auch keine extra »kommunistische«). Vielleicht meinst du die historisch unterschiedlichen Formen? Aber dann wird es wieder sehr einfach: Ja, Kommunismus ist eine andere gesellschaftliche Form. Aber der gesellschaftliche Mensch ist immer noch der gleiche.

    Und weiter: »Die bloße Verfolgung der jeweils eigenen Interessen ist doch geschichtlich nichts Neues und konstitu­iert auch für sich keine Ge­sellschaft, sondern höchstens eine Gemeinschaft«. Gesellschaft muss nicht konstituiert werden, sie immer immer schon da. Wieder, mutmaße ich, meinst du die historisch spezifische Form, die sich jeweils in unterschiedlicher Weise konstituiert. Aber nicht die Gesellschaftlichkeit als solche! Der Mensch ist qua biologischer Grundlage gesellschaftlich und kann nicht anders als sich vermittels der Gesellschaft (und zwar der gesamten) zu reproduzieren. Genauso ist Gesellschaft nur ein anderer Ausdruck für die Arten und Weisen der menschlichen Vermittlung bei der Produktion seiner Lebensbedingungen und die historisch-besonderen Infrastrukturen, die er dabei schafft. Gesellschaftlicher Mensch und menschliche Gesellschaft bezeichnen den gleichen Zusammenhang, nur einmal wird die Seite des Individums und einmal die Seite der selbstreproduktiven Infrastruktur gesehen.

    Und nun noch zum Begriff der Interessen und der Bedürfnisse. Du schmeisst beides in einen Topf. Interessen repräsentieren die objektivierten Formen der Bedürfnisbekundung und -umsetzung in Gesellschaften, wo strukturell die Bedürfnisbefriedigung der einen nur auf Kosten von anderen geschehen können. Die bürgerliche Gesellschaft kennt nur Partialinteressen und braucht genau deswegen einen ideellen Gesamtinteresseninhaber, den Staat. Als Kommunismus kann hingegen nur eine solche Gesellschaft benannt werden, in der die Befriedigung der unterschiedlichen Bedürfnisse nicht die Form des (Partial-)»Interesses« annehmen muss.

    Beim letzten Absatz hingegen könnten wir uns annähern. Was dich vielleicht irritiert, ist die Tatsache, dass meinetwegen auch ich nicht von der »übergroßen Mehrzahl« wie seiner Zeit noch Marx rede. Warum nicht? Wenn ich einen Begriff vom gesellschaftlichen Menschen habe, rede ich über »je mich«, also über das allgemeine »ich«. Das allgemeine »ich« ist nicht das »wir« der »übergroßen Mehrzahl« für die man dann nämlich (vom Außenstandpunkt) zu sprechen meint und sie damit vereinheitlicht, sondern es ist das jeweils andere »ich«, das in seiner Andersheit mit den je unterschiedlichen Bedürfnissen zur Geltung kommt. Mit dem »je ich« rede ich sowohl über »mich« wie auch alle anderen gleich »mir« — gesellschaftliche Individuen. Kommunismus ist eine »je-ich«-Gesellschaft: Jeder einzelne Mensch kommt zur Geltung, weil alle zur Geltung kommen. Und da Kommunismus »die wirkliche Bewegung« ist, findet das auch heute schon statt, keimförmig. Genau genommen hat es das immer schon gegeben, aber es hat noch nie die Art und Weise der gesellschaftlichen Vermittlung bestimmt.

  • Hubert Herfurth sagt:

    Hallo Stefan,

    Du hattest mir auf eurer (alten) WAK-Mailingliste eine Frage gestellt, die ich m. E. so ernst genommen habe wie sie es verdiente. Sie lautete:

    Was meinst du mit »Gesellschaftlichkeitsproblem«? Ich habe es nicht verstanden. Mir ist das auch schon bei deiner Peer-Ökonomie-Kritik unklar geblieben?
    Meine Antwort lautete folgendermaßen:

    „Die real vorhandene und auch die bisher angedachte übliche kommunistische Gesell­schaftlichkeit geht vom Selbstbezug aus. Alles wird nur aus Gründen des eigenen (sei­nem, ihrem, unserem) Interesse gemacht. Die Warenproduktion bricht dies ein Stück weit auf, weil die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse an die Befriedigung der Bedürf­nisse der anderen gekoppelt wird. Allerdings hinter dem Rücken der Akteure als Zwangs­verhältnis. Aus meiner Sicht kann der bewusste Kommunismus nichts anderes machen als diese Zwangsverknüpfung aufzuheben, indem er diese Gegenseitigkeit als freiwillige in die Individuen internalisiert. Der übliche Kommunismus umgeht das hier liegende Problem völlig (er tut so, als gäbe es dieses Problem gar nicht). Dazu muss er dann aber immer künstliche Subjekte schaffen (kleine oder größere Wir’s, mit gemein­samen Interessen/ Partei/Staat), weil der Selbstbezug keine Gesellschaft beinhaltet.“

    Dieser Antwort ist aufgrund deines obigen Fragen- und Antwortsalates nichts mehr hinzuzufügen.
    Die geneigten LeserInnen möchte ich allerdings darauf aufmerksam machen, dass „der Kommunismus“ natürlich kein handelndes Subjekt ist. Meine Ausdrucksweise ist hier im Eifer des Gefechts leider etwas in idealistisches Fahrwasser abgerutscht. Wenn die Menschen als einzig handelnde Subjekte da hineingedacht werden können und der Kommunismus dann als das Ergebnis dieses möglichen Handelns verstanden werden kann, sollte es aber gut sein.

    Deinen da oben hingestellten Fragen- und Antwortsalat kann ich nun nicht mehr richtig ernst nehmen, Stefan. Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernehmen sollte, dir den ganzen Unsinn zu verdeutlichen, den Du da mit stolz geschwellter Brust kund tust. Gut daran ist allerdings, dass Du die wichtigsten Differenzen glasklar benennst. Meine oben geäußerten Vermutungen sind völlig richtig. Ein richtiges Handlungsproblem tritt für eine solcherart Politikausrichtung erst auf, wenn die Menschen anders reagieren als sie aus dieser Sicht sollen oder müssten. Ich darf da ein Bonmont aus eurer internen Diskussion einfügen

    „Christian Siefkes (14.05.2009, 09:57 Uhr)
    @benni:
    PÖ ist nicht real lebbar zur Zeit.
    Indeed, was aber IMHO vor allem daran liegt, dass “wir” zu wenige sind. Insofern ist’s natürlich richtig, dass wir schon weiter wären, wenn mehr Leute an unserem Strang ziehen würden.“

    Ich füge hinzu: und an den vielen anderen Strängen die von diversen Politprojekten angeboten werden. Wenn Du oder ihr der Meinung seid,

    „Es gibt nur die Gesellschaftlichkeit, aber nicht mehrere davon (und auch keine extra »kommunistische«). Vielleicht meinst du die historisch unterschiedlichen Formen? Aber dann wird es wieder sehr einfach: Ja, Kommunismus ist eine andere gesellschaftliche Form. Aber der gesellschaftliche Mensch ist immer noch der gleiche.“

    dann werde ich euch nicht aus dieser Sackgasse heraus helfen können (was selbstverständlich meine Sicht der Dinge ist). Das Du/ihr überhaupt auf solcherart Theorien kommt, zeigt das ganze praktische Desaster des Marxismus. Da helfen auch keine Lesehinweise in Richtung Marx, denn das sind – wie der klassische Marxismus selbst – ganz eigene Theorien. Ich mache mir allerdings keine Sorgen, das die Realität es nicht schafft, den handelnden Subjekten, ihren Kindern oder Kindeskindern einen ehrlicheren Blick auf ihre Verhältnisse irgendwann „beizubiegen“. Sie ist noch unerbittlicher als der politische Dogmatismus.

    ziemlich müde und völlig lustlos
    Hubert

  • StefanMz sagt:

    Ich geb‘ auf.

  • Hubert Herfurth sagt:

    Lieber Stefan,

    dein Selbstmitleid und dein Aufwand, mich verstehen zu wollen, stehen in keinem guten Verhältnis. Ich will dir das an einem Beispiel aus deiner Art der Entgegnung zeigen:

    „Du wirfst Uli vor, die Gesellschaft werde »gebildet von einander unabhängigen Individuen, die jeweils nur ihrer Selbst­entfaltung verpflichtet sind«. Das stimmt — so wie ich Uli verstehe — in mehrfacher Hinsicht nicht. Erstens und banalstens ist niemand seiner Selbstentfaltung »verpflichtet« — wie sollte so eine »Pflicht« aussehen? Zweitens setzt du ein »nur« davor — wozu sind sie denn deiner Meinung nach sonst (noch) »verpflichtet«?“

    Der eigentliche Ausgangspunkt meiner Kritiken in Richtung Christian wie Uli ist die Selbstbezüglichkeit, also das Beharren auf dem eigenen Interesse, in der sich die aktuelle Gesellschaft und die Ansprüche der linksradikalen Veränderer weitgehend gleichen. Das sozusagen ironisch als Pflicht zu bezeichnen, sollte eigentlich nicht schwer nachzuvollziehen sein. Das Du mich dann aber auch noch fragst, in welche Richtung mein „nur“ dabei deutet, obwohl sich um die Beantwortung dieser Frage mein ganzer Text dreht, empfinde ich ehrlich gesagt schon als asozial. Du entziehst so einer vernünftigen Auseinandersetzung jede Basis, wenn Du die andere Seite so krass nicht verstehen willst. Denn konträr zur „Verpflichtung auf Selbstentfaltung“ steht bei mir so offensichtlich wie zentral die ‚Verpflichtung‘, sich um die Interessen und Bedürfnisse der Anderen zu kümmern. Das kann mann falsch oder was auch immer finden, aber so zu tun, als würde ich hier eine Argumentation aufbauen, die nicht mal nachvollziehbar ist, schlägt dem Fass den Boden aus. Offensichtlich willst Du diesen Punkt nicht diskutieren, wozu Du jedes Recht hast. Aber warum muss ich dafür den Idioten abgeben, der dir mit seiner kruden Argumentation scheinbar jedes Verstehen Wollen unmöglich macht?

    Die ‚wichtigste‘ Bewegungskraft dieser Welt ist die Wechselwirkung, eure Scheinbeweise beleuchten sozusagen ein Wirkungspaar und leiten davon Aussagen für alle anderen möglichen Wirkungspaare ab. Ich halte das für ziemlich borniert und dogmatisch, tut mir leid. Aber WENN IHR einen solch ABSOLUTEN Beweis führt, muss nicht ICH den Nachweis erbringen, dass eure Argumentation in Gänze falsch ist. Ein tragfähiges Argument reicht schon aus, diesen Absoluteitsanspruch ad absurdum zu führen. M. E. ist der Wechsel von der Selbst- zur Fremdbezüglichkeit so ein Argument, zumindest eröffnet es ein völlig neues Feld von Wechselwirkungen. Mit der Verweigerung – denn darauf läuft dein Verhalten ja raus, Stefan – dieses Argument einer Prüfung zu unterziehen, untergräbst Du deinen eigenen Anspruch.

    herzliche Grüße
    Hubert

  • Werner Imhof sagt:

    Hallo Uli,

    da Du Hubert kürzlich auf „Diskussionen“ über einen 10 Jahre alten Artikel („Weiß, U., Marx und der mögliche Sozialismus“) verwiesen hast, möchte ich zunächst mal den Hinweis auf eine gut acht Jahre alte Kritik dieses Artikels (und einiger weiterer Texte) hinzufügen – „Imhof, W., Uli und der unmögliche Sozialismus“ -, die zu diskutieren Du damals konsequent vermieden hast. Es liegt mir aber heute ebenso fern wie damals, Deiner „negativen Prophetie“ eine positive entgegenzusetzen. Für mich ist die Zukunft offen und die progressive Aufhebung von Lohnarbeit und Kapital nur eine Option der Geschichte, allerdings keine beliebige oder unbestimmte, sondern eine vom Kapitalismus selbst vorgegebene und eindeutig bestimmbare; und ebenso eindeutig bestimmbar ist denn auch das einzig mögliche Subjekt dieser Aufhebung. Geschichtlich widerlegt und (hoffentlich) endgültig diskreditiert ist nur die Zukunftstauglichkeit der regressiven, etatistischen oder „realsozialistischen“ Negation des Privateigentums, für die die Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch…“ nur politischen Inhalt hatte, nicht aber auch gesellschaftliches Programm war – … zu gemeinsamer Produktion mit gemeinsamen Produktionsmitteln nämlich.

    Für einen gewissen Geschichtspessimismus habe ich deshalb Verständnis, nicht jedoch für einen negativ gewendeten Geschichtsdeterminismus, der auch noch vorgibt, „politökonomisch“ begründet zu sein:

    Marx beschreibt in den >Grundrissen< , dass solche Verhältnisse eintreten werden, da über den Reichtum der Gesellschaft nicht mehr die Masse der verausgabten Arbeitskraft entscheiden, sondern die wissenschaftliche, künstlerische, auch spielerischen Fähigkeiten der in der Produktion tätigen Menschen. Der Zwang zum relativen Mehrwert, zur Senkung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit mittels neuer Technik, Anwendung der Wissenschaft, neuer Organisation ..., treibe zu einer solchen Produktivität und der damit verbundenen Tatsache, dass die unmittelbaren Produzenten immer weniger die Lücken in der Maschinerie ausfüllen, sondern zu Dirigenten, Kontrolleuren der Produktion würden. Sie treten aus dem unmittelbaren Fertigungsprozess heraus. Das ist auf dem Niveau fortgeschrittener Automatisierung mit einer solchen Reduzierung von Arbeitszeit verbunden, die heute nicht mehr wie bis in den Fordismus hinein duch solche gegenläufige Tendenzen aufgefangen werden können, die dem immer schon vorahndenen tendentiellen Fall der Profitrate entgegenwirkten. Von diesem Punkt an - so der Marx der >Grundrisse< - wird die auf Wert gegründete Produktionsweise zur miserablen Grundlage der Gesellschaft, also aufhebbar. Dieses geschichtliche Niveau gab es 1917/1945 noch nicht. (...) Was ich meine ist, dass auf der erreichten Stufe der kapitalistischen Produktionsweise (die genannten Gründe bitte zur Kenntnis nehmen) die Reduzierung von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit eine solche (nicht rücknehmbare) Dynamik gewonnen hat, dass alle volkswirtschaftlichen Entwicklungen, die der Reduzierung des Gesamtbedarfs an Arbeitszeit entgegenwirkten und die es weiterhin gibt (territoriale und produktmäßige Ausdehneung von Produktion, Inwertsetzung immer größerer Bereiche der menschlichen Reproduktion), diese nicht mehr kompensieren können.

    Nein Uli, das ist keine politökonomische Begründung für die (frei nach Meretz) „transformatorische Impotenz“ der gesellschaftlichen Individuen, die man früher unter die heute verpönte, aber meist immer noch falsch verstandene Kategorie des „Proletariats“ subsumierte, das ist politökonomischer Wirrwarr, der mit einigen unverdauten Theoriebrocken Durchblick simuliert und sich mit der Berufung auf die anscheinend nicht hinterfragbare Autorität Marx jede nähere Beweisführung meint sparen zu können, während er tatsächlich die Realität ebenso auf den Kopf stellt wie die Logik und den wehrlosen Marx obendrein.

    Was dieser in den „Grundrissen“ an der Stelle, auf die Du Dich beziehst (S. 592 ff.), beschreibt, sind nicht Verhältnisse, die erst noch eintreten würden, sondern Verhältnisse die bereits zu seiner Zeit einzutreten begonnen hatten. Es ist der „Widerspruch zwischen der Grundlage der bürgerlichen Produktion (W e r t m a ß) und ihrer Entwicklung selbst“, das Mißverhältnis zwischen dem „jetzigen“, bürgerlichen Reichtum und dem „wirklichen Reichtum“, der sich unter seiner Herrschaft und Hülle entwickelt. Dieser Widerspruch ist der Kern der Marxschen Diagnose, und den unterschlägst Du wohlweislich (anders kann ich es nicht nennen), weil Du anscheinend weder vom bürgerlichen Reichtum und seinen Produzenten einen richtigen Begriff hast noch Dir einen Reim auf den „wirklichen Reichtum“ machen kannst. Diesen ersetzt Du dafür durch den Hinweis auf eine Entwicklung, die die Herrschaft der Produzenten über ihre Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen voraussetzt, statt sie, wie Du meinst, zu erübrigen.

    Aber zuerst zum „jetzigen“ Reichtum. Über ihn entscheidet nicht „die Masse an verausgabter Arbeitskraft“ überhaupt, sondern allein die „Arbeit in unmittelbarer Form“. Alleinige Quelle und einziges Maß des bürgerlichen Reichtums ist die im „unmittelbaren Produktionsprozeß“ verausgabte Arbeitskraft, die verbrauchte, verronnene „unmittelbare Arbeitszeit“. Nur sie kann im Preis der Produkte als neuer Wert inclusive Mehrwert dargestellt werden, als neues Quantum scheinbar geronnener, „auf eine reine Abstraktion reduzierter Arbeit“. Du hast bei Marx gelesen, daß „die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein“, aber da Du bürgerlichen und wirklichen Reichtum nicht auseinanderhältst und den Begriff der „unmittelbaren Arbeit“ gleich zweifach verfehlst, schließt Du, die Arbeit überhaupt höre auf, große Quelle des gesellschaftlichen Reichtums zu sein, auch des wirklichen.

    Doch erstens sind unmittelbarer Produktionsprozeß, unmittelbare Produzenten und unmittelbare Arbeit(szeit) gesellschaftliche und keine technischen Kategorien. Für Dich ist der „unmittelbare Produktionsprozeß“ immer noch (wie schon vor zehn Jahren) der Bereich der „direkten Fertigung“, in dem der „unmittelbare Produzent“ dadurch „unmittelbare Arbeit“ leistet, daß er selbst Hand an den Arbeitsgegenstand legt, und aus dem die Produzenten „herausfallen“, sobald sie zu „Dirigenten und Kontrolleuren der Produktion“ werden. Nichts falscher als das, und auf dieser Grundlage können auch der Wertbegriff und der des Proletariats nur in Konfusion münden. Der unmittelbare Produktionsprozeß ist nichts anderes als der private, gesellschaftlich noch unvermittelte, von Zirkulation und Konsumtion getrennte Produktionsprozeß. Und unmittelbare Produzenten sind die Lohnabhängigen, die in diesem Prozeß eine technisch notwendige und damit auch wertmäßig produktive Rolle spielen, seien sie etwa körperlich arbeitende Schweißer oder Knöpfchen drückende Maschinenarbeiter, seien sie Facharbeiter und Ingenieure in Instandhaltung, Qualitätskontrolle und Arbeitsvorbereitung oder auch Akademiker in der F&E-Abteilung. Wie immer sich ihre Arbeit qualitativ unterscheiden mag, sie bleibt Teil des privaten Produktionsprozesses, nur quantitativ zählende (allerdings verschieden gewichtete) unmittelbare Arbeit als „Maß und Quelle“ des bürgerlichen Reichtums, Kapital verwertende Lohnarbeit.

    Zweitens entgeht Dir, daß in der bürgerlichen Gesellschaft Arbeit „in unmittelbarer Form“ zugleich ihr Gegenteil impliziert: Arbeit „in mittelbarer Form“. Mittelbare Arbeit ist sämtliche „fremde“ Privatarbeit. Die gesamte lebendige Arbeit der kapitalistischen Welt besteht aus Millionen unmittelbarer Arbeiten, die sich durch den Austausch ihrer Produkte gegen Geld alle nur als mittelbare Arbeiten oder lästige Kosten gegenübertreten. Soweit ihre Produkte im unmittelbaren Produktionsprozeß als Produktionsmittel benötigt werden, figurieren sie im Verwertungsprozeß bekanntlich als Kapital, dessen Wertverzehr (in Form von Abschreibungen und als Kauf sogenannter Vorleistungen) im Preis der Produkte nur ersetzt, aber nicht als neuer Wert dargestellt werden kann. Das kennzeichnet ja gerade die „miserable Grundlage“ der kapitalistischen Produktion, daß die „mittelbare“ Arbeit, also gesellschaftliche Arbeit anderer Privatproduzenten, als Ballast des eigenen privaten Erfolgs erscheint und wirkt, weil sich der realisierte Wertausdruck der „unmittelbaren“ Arbeit an ihr bzw. den Kosten ihrer Produkte messen muß, in der Profitrate nämlich. Denn wenn auch die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des wirklichen Reichtums zu sein, so bleibt sie doch einzige Quelle des bürgerlichen Reichtums. Warum aber hat sie aufgehört, die große Quelle des wirklichen Reichtums zu sein? Weil dieser längst auf der gesellschaftlichen Kombination der Arbeiten beruht und jede unmittelbare Arbeit für sich genommen nur ergänzungsbedürftiger oder, wie Marx es ausdrückte, „notdürftiger“ Teil der produktiven Gesamtarbeit ist. Anders gesagt: weil der wirkliche Reichtum abhängt von den Potenzen des kombinierten Gesamtarbeiters.

    Der kommt Dir natürlich gar nicht erst in den Blick, weil Du fixiert bist auf den zum „direkten Fertigungsprozeß“ verengten unmittelbaren Produktionsprozeß und den Nachweis, daß die darin Beschäftigten unmöglich noch eine „transformatorische Potenz“ entwickeln können. Nur ist das keine großartige Erkenntnis, sondern eine Banalität, über die zu streiten vollkommen überflüssig wäre. Getrennt von allen anderen Teilfunktionen der produktiven Gesamtarbeit, wären die in der „direkten Fertigung“ Tätigen selbstverständlich zu ewiger Ohnmacht und Perspektivlosigkeit verdammt. Doch diese Trennung, die in der Realität mehr und mehr durchbrochen wird, vollziehst Du, um – und das ist der schlechte Witz bei der Geschichte – mit den „unmittelbaren Produzenten“ zugleich auch das vermeintlich nicht dazugehörige sonstige Produktionspersonal („Dirigenten, Kontrolleure“ etc.etc.) in der theoretischen Versenkung verschwinden zu lassen. Und als Vehikel dafür dient Dir die These von der nicht mehr kompensierbaren „Reduzierung des Gesamtbedarfs an Arbeitszeit“. Dein Pech nur, daß sie erstens vor der Wirklichkeit keinen Bestand hat und zweitens auch dann gegen Dich spräche, wenn sie zutreffen würde.

    Ad 1 einige Hinweise. Der Wertausdruck der globalen warenproduzierenden Gesamtarbeit zeigt seit langem eine anhaltende Expansion. Die aktuellen, regional recht unterschiedlichen Einbrüche sind der Krise zuzuschreiben, aber nicht Ausdruck eines historischen Trends. Als Trend erkennbar und theoretisch leicht einsehbar ist bisher nur, daß sich die Wachstumsraten mit der Entwicklungshöhe des Kapitalismus abschwächen. Aber selbst in einem Land mit teils stagnierendem, teils schrumpfenden Arbeitsvolumen wie Deutschland hat das Nettoinlandsprodukt Jahr für Jahr leicht zugelegt, was auf die Intensivierung der Arbeit und die relative Zunahme (hoch)qualifizierter Arbeit zurückzuführen und ihrer starken Position auf dem Weltmarkt zu verdanken ist. Das Kapital ist eben kein bloß nationales, sondern ein transnationales, letztlich universelles Produktionsverhältnis. Zum globalen Wachstum in den zurückliegenden Jahren haben auch keineswegs nur die chinesischen Arbeiter beigetragen, sondern fast alle Regionen der Erde, selbst Teile des oft schon abgeschriebenen „schwarzen Kontinents“. Wenn Du meinst, daß der angeblich schrumpfende „Gesamtbedarf an Arbeitszeit“ durch keinerlei „volkswirtschaftliche Entwicklungen“ mehr zu kompensieren sei, dann zeigt das nur, daß Deine Kenntnis der „Volkswirtschaft“, also des heutigen Kapitalismus, ebenso oberflächlich sein muß wie Dein Verständnis der Marxschen Kritik der klassischen Volkswirtschaftslehre, der sog. politischen Ökonomie. Doch selbst ohne Analyse volkswirtschaftlicher „Aggregatgrößen“ kann man sich ein annäherndes Bild von der Entwicklung des heutigen Kapitalismus machen, indem man ersatzweise etwa die Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) durchforstet. Und was die „fortgeschrittene Automatisierung“ angeht, so muß sich ihr Tempo verlangsamen, je weiter sie fortgeschritten ist, weil der Ersatz der verbliebenen lebendigen Arbeit durch Maschinen technisch und finanziell immer aufwendiger wird. Im Bereich der materiellen Dienstleistungen, wie z.B. dem Gesundheitswesen, sind dem Ersatz lebendiger Arbeit durch Maschinen sowieso sehr viel engere Grenzen gesetzt.

    Völlig verfehlt ist Deine Annahme, daß die „Reduzierung von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit“ auch eine „Reduzierung des Gesamtbedarfs an Arbeitszeit“ nach sich ziehe oder gar mit ihr zusammenfalle. Entweder unterstellst Du eine quantitativ und qualitativ unveränderliche Nachfrage, so daß mit fallendem Wert jeder einzelnen Ware zugleich die Wertsumme der ganzen Warenwelt, also die zu ihrer Herstellung nötige Gesamtarbeit schrumpfen müßte. Oder Du mißverstehst den Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, der sich auf die Wertgröße einzelner Waren als ihrem gesellschaftlich notwendigen Anteil an der Gesamtarbeit bezieht, als Ausdruck für diese Gesamtarbeit selbst. Das würde allerdings Kapitale voraussetzen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Denn bisher reduziert das Kapital die zur Herstellung der Waren nötige Arbeitszeit nicht, um die Tages-, Wochen- oder Jahresarbeit der Beschäftigten zu verkürzen und gesellschaftliche Arbeitszeit einzusparen, sondern um sich einen größeren Teil davon als Profit einzuverleiben und die Produktion möglichst noch auszudehnen. Und bisher hat die fortschreitende Ersetzung lebendiger Arbeit durch „tote“ auch nicht verhindert, daß dennoch der Gesamtbedarf an lebendiger Arbeit, wie gesagt, weltweit weiterhin zunimmt, auch wenn ein Teil des Wachstums der letzten Jahre auf faulen Krediten oder imaginärer Arbeit basierte und sich wieder in Luft aufgelöst hat.. Der Grund für die anhaltende Expansion der kapitalistischen Produktionsweise liegt in „volkswirtschaftlichen Entwicklungen“, von denen die wichtigste Dir offenbar fremd ist: daß nämlich das Kapital mit der Verallgemeinerung der Warenproduktion und der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung selbst für die Ausdehnung der inneren und äußeren Märkte sorgt. Was weiter den „Zwang zum relativen Mehrwert“ betrifft (Du meinst wohl den Zwang zu seiner Steigerung, denn ein gewisser Mehrwert ist in der Regel immer schon gegeben), so hat der mit der Reduzierung gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit ursächlich nichts zu tun. Die Steigerung des relativen Mehrwerts ist umgekehrt eine ihrer Folgen, wenn die Nominallöhne langsamer steigen als allgemeine Produktivität und Teuerung zusammen (wozu die Zentralbanken mit ihrer inflationssichernden Geldmengenpolitik beitragen), und damit eine der Ursachen, die dem Fall der Profitrate entgegenwirken, statt ihn zu beschleunigen, wie Du zu meinen scheinst. Auch wenn das Kapital die zur Reproduktion der Arbeitskraft (und ihres „unproduktiven“ Anhangs) notwendige Arbeit reduziert, auf direktem Wege durch Lohnsenkung oder mit Regierungshilfe durch Senkung der sog. Lohnnebenkosten, dann reduziert sich dadurch nicht auch noch die zur Herstellung aller anderen Waren nötige Arbeitszeit, sondern nur der bezahlte Teil davon. Du scheinst tatsächlich zu übersehen, daß das Kapital die notwendige Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft wie die zur Produktion aller anderen Waren nur verringert, um die in dieser Gesellschaft ebenfalls notwendige „überflüssige“ Arbeit zu vermehren bzw. seinen Anteil daran zu vergrößern.

    Ad 2. Theoretisch und auf lange Sicht könnte das Kapital aber tatsächlich auf ein Stadium zusteuern, in dem die fortlaufende Einsparung an lebendiger Arbeit nicht mehr durch zusätzliche Nachfrage nach ihr kompensiert und überkompensiert wird. Dieses Stadium würde allerdings eine durchkapitalisierte Welt, technischen Stillstand, gesättigte Märkte und einen globalen Ausgleich der Durchschnittsprofitraten auf niedrigen Niveau voraussetzen. Ob oder gar wann diese Voraussetzungen tatsächlich eintreten werden, läßt sich seriös nicht vorhersagen. Erinnern wir uns, daß die „Ära des sterbenden Kapitalismus“ schon vor 100 Jahren einmal angebrochen sein sollte. Aber angenommen, Du hättest Recht, und die „Schrumpfung der Wertsubstanz“ (Kurz) hätte bereits begonnen oder stünde doch kurz bevor. Welche Konsequenzen hätte das für die mögliche Aufhebung des Kapitalismus, für ihr Subjekt und ihre gesellschaftliche Form?

    Unterstellt also, daß die Kapitalakkumulation keine zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskraft mehr auslösen würde, sondern die produktive Beschäftigung nur noch schrumpfen ließe, und die damit einhergehende Schrumpfung der Mehrwertmasse auch nicht mehr durch eine schnellere Steigerung der Mehrwertrate ausgeglichen werden könnte. Dann schrumpfte auch die Profitmasse des produktiven oder industriellen Kapitals, und die Akkumulation müßte über kurz oder lang zum Erliegen kommen. Denn Kapital akkumuliert bei fallender Profitrate nur, wenn sie immerhin noch eine wachsende Profitmasse abwirft. Vielleicht würden einzelne Kapitale noch eine Zeitlang weiter in die Rationalisierung der Produktion investieren, um sich einen größeren Anteil an der schrumpfenden Profitmasse zu sichern, doch das könnte den Niedergang der Akkumulation und mit ihr der Gesamtproduktion nur beschleunigen. Die Produktion von Produktionsmitteln zur Modernisierung und Erweiterung der stofflichen Elemente des fixen Kapitals würde als erstes einbrechen, gefolgt von der Produktion der dazu nötigen Vorprodukte, und mit der weiter schrumpfenden Beschäftigung würde die Krise auch die Produktion von Konsumtionsmitteln erfassen. Eine Depression von ungekannten Ausmaßen und mit ungewissem Ausgang wäre die Folge. Das Kapital selbst würde also der angeblich „nicht rücknehmbaren Dynamik“ der Einsparung lebendiger Arbeit ein Ende setzen. Aber nicht, weil der Gesellschaft schon die ganze Arbeit ausgangen wäre, sondern weil dem Kapital die für seine Verwertung notwendige Mehrarbeit ausgegangen wäre. Die Gesellschaft dagegen bekäme drastisch zu spüren, wie notwendig die lebendige Arbeit immer noch ist, die zum einen ungetan bliebe, nur weil sich der Zuwachs des bürgerlichen Reichtums allein an ihr mißt, und die zum andern nur denen zugute käme, die noch in ausreichender Menge über seine Geldform verfügen.

    Aber welche Handlungsoptionen hätten die Menschen? Vielleicht würden manche sich des Propheten erinnern, der verkündet, daß der Kapitalismus endlich aufhebbar sei. Er kann zwar nicht angeben, wie das anzustellen wäre, ist sich aber sicher, daß es auf keinen Fall das Werk derer sein könnte, die bisher den Kapitalismus tagtäglich reproduziert haben. Einige Menschen könnten ihn beim Wort nehmen und sich im Hochgefühl ihrer endlich erlangten Freiheit zusammentun zum Versuch, eine eigene Gesellschaft zu begründen, keimförmige Praxen neuer Gesellschaftlichkeit zu erproben, mit ihren bescheidenen individuellen Mitteln die Arbeit als Selbstgenuß zu zelebrieren sowie ihre wissenschaftlichen, künstlerischen und spielerischen Fähigkeiten zu entfalten. Andere könnten versuchen, ihr Auskommen in individueller Subsistenzproduktion zu finden, auf einem privaten Stückchen Erde, das man notfalls auch verpachten kann, wie einst von Annette Schlemm und Stefan Meretz als gesellschaftliches (!) Ideal entworfen. Wieder andere könnten dem Vorbild der P2P-Produktion nacheifern und sich nach Lust und Bedarf zu Selbstversorgungsprojekten mit softwarebasierter Aufwands- und Güterversteigerung zusammenschließen, fest entschlossen, alles was sie brauchen selber zu machen. Und sicher könnte es noch eine ganze Reihe weiterer Projekte, Experimente und Visionen geben, mit denen Menschen glauben, der allgemeinen Misere entkommen zu können. Sicher wäre aber auch, daß sie selbst alle zusammen eines nicht könnten: die Kapitalherrschaft über die vorhandenen, großenteils brachliegenden sachlichen und personellen Faktoren der materiellen Reichtumsproduktion aufheben. Die meisten Menschen mit einigem Realitätssinn würden sie deshalb als das beurteilen, was sie sind: als unbeholfene, z.T. durchaus sympathische, aber kurzsichtige Ausbruchsversuche aus den herrschenden gesellschaftlichen Zwängen, die man sich leisten und mit Hoffnung füllen konnte in Zeiten, in denen man gleichzeitig von diesen Zwängen profitierte, weil eine florierende Kapitalverwertung den Zugang zu den nötigen Produktions- und Lebensmitteln sicherte und notfalls einen staatlich abgezweigten Teil des bürgerlichen Reichtums bereitstellte, die aber in Zeiten schwerster Krise, weitgehend abgeschnitten von der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion, absolut untauglich sind, die gesellschaftliche Not zu wenden und selbst nur in der kläglichen Reproduktion vorindustrieller Verhältnisse enden können.

    Die meisten Menschen wären sich sicher darin einig, daß die verheerenden Zwänge selbst überwunden werden müßten, die die Krise verursacht haben. Die Frage wäre nur, wie? Wahrscheinlich würden viele, und nicht nur die Linken, nach dem Staat rufen, der die Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion an sich reißen müsse, um sie wieder in Gang zu setzen. Doch auch der Staat bliebe gefesselt an den Wert als Maß des bürgerlichen Reichtums, weil er keine andere ökonomische Basis hat als die erfolgreiche Kapitalverwertung. Ihm bliebe daher möglicherweise nur die Wahl, entweder ein Zwangsregime zur administrativen Verteilung der Arbeit wie der Produkte zu errichten oder den verzweifelten Versuch zu unternehmen, mit einer gewaltsamen Entwertung aller sachlichen Produktionsbedingungen (verbunden mit einer geringeren Entwertung der Geldvermögen und -einkommen) die allgemeine Profitrate auf ein Niveau anzuheben, das die Nachfrage nach lebendiger Arbeit wieder anstachelt, ein Versuch, der bei der gegebenen technischen Zusammensetzung der Produktionsfaktoren nur eine vorübergehende Erholung auslösen könnte.

    Vielleicht besännen sich einige Menschen, die den politischen Aberglauben an die Allmacht des Staates hinter sich gelassen haben, aber auch auf den wirklichen, nicht-abstrakten Reichtum der Gesellschaft, der sich – wie ein anderer Prophet schon vor anderthalb Jahrhunderten wußte – mit der „großen Industrie“ entwickelt hat und sich manifestiert in der „aufgehäuften“ vergangenen oder „mittelbaren Arbeit“, der „Macht der Agentien“, die von der lebendigen Arbeit in Bewegung gesetzt werden, in der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Naturkräfte, in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung oder „Kombination der Arbeit“ und im gesellschaftlichen Verkehr. Es ist, wie jener Prophet namens Marx zusammenfaßte, „in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint“.

    Wahrscheinlich würden diese Menschen sich wundern zu erfahren, daß Marx schon im damaligen, also erst noch entstehenden Proletariat – und auf niemanden sonst bezog er sich – die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums verkörpert sah. Aber er hatte ja auch nur einen gerade erst begonnenen objektiven Prozeß beschrieben, der keineswegs unmittelbar zusammenfällt mit der Entwicklung eines entsprechenden Bewußtseins, einer bewußt gesellschaftlichen Individualität. Die „Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums“ – erschienen den Lohnarbeitern denn auch zunächst nur als äußere Bedingungen ihrer Arbeit, zumal deren Beherrschung früher die Domäne einer vermeintlich über dem Proletariat stehenden Angestelltenschicht war. Dem Kapital erschienen (und erscheinen) sie andererseits nur als „Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren“. Objektiv aber entwickeln sich mit ihnen tatsächlich „die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen“.

    Allerdings scheint Marx die Entwicklungsprobleme der dazu auch noch nötigen „geistigen“ oder subjektiven Bedingungen ebenso unterschätzt zu haben wie die Elastizität und Überlebenskraft der kapitalistischen Produktionsweise. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls Sätze wie diese: „Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört [auf] und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. (…) Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen…“

    Nun hat dieser Zusammenbruch bisher auf sich warten lassen, obwohl sich der diagnostizierte Widerspruch seither für alle Welt sichtbar gewaltig vertieft hat. Und auch mit dem in unserem Szenario unterstellten Zusammenbruch der Kapitalakkumulation wäre noch nicht ihre „miserable Grundlage“ selbst beseitigt und die gesellschaftliche Produktion auf eine neue Grundlage gestellt. Da der Widerspruch zwischen dem wirklichen, aber brachliegenden Reichtum und seiner monetären Hülle noch viel deutlicher zu Tage treten müßte, als er es heute schon tut, wäre es immerhin möglich, daß eine wachsende Zahl von Menschen mit dem Verständnis des wirklichen Reichtums auch ein Verständnis dafür entwickelte, wie er von seiner bornierten Hülle, der „Diktatur des Tauschwerts“ (Kurz), zu befreien wäre. Nicht durch despotischen Zwang natürlich, sondern allein durch die freie Vereinigung der gesellschaftlichen Individuen, die den wirklichen Reichtum verkörpern, weil sie die modernen Produktivkräfte der Arbeit entwickelt und produziert haben und beherrschen und weil ihre gesellschaftlichen Beziehungen das planvolle Zusammenwirken aller Teilarbeiten „ohne Dazwischenkunft des vielberühmten Werts“ (Engels) ermöglichen. Nur sie könnten, auf der Basis ihrer gemeinsamen Aneignung der sachlichen Produktionsbedingungen, den deformierten Inhalt der kapitalistischen Produktion, beliebigen Gebrauchswert für beliebige fremde Bedürfnisse zu schaffen, von seiner trennenden bürgerlichen Form, dem Austauschzwang, befreien und die Produktion für den Austausch ersetzen durch unmittelbar nützliche Arbeit für andere, füreinander. Und erst dann, auf dieser neuen Grundlage könnte auch „die freie Entwicklung der Individualitäten“ Wirklichkeit werden, „nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum“, das „dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle frei gewordne Zeit und geschaffnen Mittel“ erlaubt.

    Nur setzt dieser einzig mögliche Weg der Emanzipation eine Entwicklung voraus, in der die gesellschaftlichen Individuen sich ihrer gemeinsamen Verantwortung und Potenzen bewußt würden, und eine solche Entwicklung wäre weniger abhängig von theoretischer Einsicht als vielmehr von der Erfahrung der Menschen im praktischen Verhältnis zueinander, nicht zuletzt von der Erfahrung ihrer erkennbaren und das heißt auch: ihrer organisierten Verantwortung für den gesellschaftlichen Nutzen (oder auch Schaden) der jeweils eigenen Arbeit. Ob eine solche Entwicklung Wirklichkeit wird und gar zur Sprengung der „bornierten Grundlage“ heutiger Produktion führt, wage ich nicht zu prophezeien, obwohl zaghafte Ansätze dazu durchaus zu beobachten sind. Die Freie-Software-Bewegung ist dafür ebenso ein Beispiel wie ein neuartiger Typus von Gewerkschaften, in denen Lohnabhängige sich als gesellschaftliche Produzenten organisieren, wie auch eine Vielzahl unentgeltlich arbeitender gemeinnütziger Initiativen. Ich denke aber, daß die „historische Mission“ des Kapitalismus, seine eigene Aufhebung auch praktisch möglich zu machen, noch einige Zeit und einige Katastrophen in Anspruch nehmen wird. Und auch ein globaler Zusammenbruch der Kapitalakkumulation, wie er Deiner politökonomischen Phantasie zufolge demnächst eintreten sollte, würde die Schöpfer des wirklichen Reichtums, das „moderne Proletariat“, noch weitgehend unvorbereitet treffen.

    Ausgemacht ist für mich aber, daß auf anderem Wege als dem skizzierten die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise nicht zu haben sein wird und nichts abgeschmackter ist als die Vorstellung, die Aufhebung oder auch „Verdrängung“ des Kapitalismus könne das Werk voluntaristischer Projekteschmiede und Gesellschaftsbastler abseits des wirklichen Reichtums sein, nur ausgerechnet derer nicht, die allein das Zeug dazu entwickeln können.

    Gruß Werner

  • Annette sagt:

    Werner: „Alleinige Quelle und einziges Maß des bürgerlichen Reichtums ist die im „unmittelbaren Produktionsprozeß“ verausgabte Arbeitskraft, die verbrauchte, verronnene „unmittelbare Arbeitszeit“.“

    Warum wohl hat Marx ganz ausdrücklich betont: „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeit.“ (MEW 19: 15)

    Ich denke nicht, dass man dem entkommen kann, in dem man sagt, dass dies nur für den „wirklichen“ Reichtum gilt und nicht für den „bürgerlichen“.

    Das spielt zwar für die Argumentation von Werner keine wesentliche Rolle, aber es ist schon typisch, dass auch wir die natürlichen Grundlagen gedanklich so schnell abspalten.

    Mir fällt grad ein, diese Frage könnte doch wesentlich werden. Ich lese auch gerade die Texte, die Andreas Exner in seinem neuen „Streifzüge“-Beitrag (http://www.streifzuege.org/2009/krise-der-produktivitaet-grenzen-des-wachstums#more-3865) nennt, wo er am Ende darauf verweist, dass mit einem Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien aufgrund der geringeren Energiedichte der letzteren sogar auch wieder die die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit sinken wird. Da müssen wir dran bleiben und das genauer untersuchen.

    Ahoi Annette

  • Annette sagt:

    Werner: „Andere könnten versuchen, ihr Auskommen in individueller Subsistenzproduktion zu finden, auf einem privaten Stückchen Erde, das man notfalls auch verpachten kann, wie einst von Annette Schlemm und Stefan Meretz als gesellschaftliches (!) Ideal entworfen.“

    Hä??? War ich da dabei? Ich weiß nix davon…

    Ahoi Annette

  • StefanMz sagt:

    Hä??? War ich da dabei? Ich weiß nix davon…

    Annette, geht mir auch so.

  • Werner Imhof sagt:

    Erinnerungslücken? Dann bitteschön: Die „Fähigkeit und Möglichkeit zur individuellen Subsistenz“ erfordert eine „Absicherung über materielle Werte, vor allem einen Anteil am Bodenbesitz, möglicherweise auch an anderen Kapitalwerten“ (sic), die man „in einen gemeinschaftlichen Zusammenhang einbringen, an andere verpachten oder auch selbst nutzen“ kann, „einschließlich der Entscheidung, sich der Gesellschaft völlig zu entziehen“. Quelle: Gruppe Gegenbilder: Freie Menschen in freien Vereinbarungen. Gegenbilder zur Expo 2000, S. 96. Autoren: Annette Schlemm, Stefan Meretz, Stefan Merten.

  • Werner Imhof sagt:

    Annette: Warum wohl hat Marx ganz ausdrücklich betont: “Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeit.” (MEW 19: 15)
    Ich denke nicht, dass man dem entkommen kann, in dem man sagt, dass dies nur für den “wirklichen” Reichtum gilt und nicht für den “bürgerlichen”.

    Doch, selbstverständlich. Der bürgerliche Reichtum reduziert die Gebrauchswerte auf ihren Tauschwert, und in dem ist nicht ein Atom Naturstoff enthalten. Worin bitte wird denn die jährliche „Wirtschaftsleistung“ ausgedrückt oder das Sachvermögen? Was entnimmst Du einer Bilanz oder einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung? Und warum überhaupt stellt Marx der bornierten Grundlage des bürgerlichen Reichtums, dem Wertmaß, die Entwicklung des wirklichen Reichtums gegenüber?

  • StefanMz sagt:

    @Werner, zum Zitat aus dem Gegenbilder-Buch: Zunächst mal gehört Stefan Merten nicht zu der Autor_innengruppe, dafür aber Jörg Bergstedt. Nun zu deinem Zitat:

    Andere könnten versuchen, ihr Auskommen in individueller Subsistenzproduktion zu finden, auf einem privaten Stückchen Erde, das man notfalls auch verpachten kann, wie einst von Annette Schlemm und Stefan Meretz als gesellschaftliches (!) Ideal entworfen.

    In Wirklichkeit lautet der Absatz im Gegenbilder-Buch:

    Die Absicherung von Menschen kann vor Auflösung zentraler ökonomischer und staatlicher Strukturen über verschiedene Wege führen. Gefordert wird bereits die finanzielle Absicherung über eine Grundversorgung, d.h. ein staatlich gesichertes Gehalt. Dieses darf nicht an Bedingungen geknüpft sein, weil es sonst in gleicher Weise wie ein Arbeitsplatz zu konformen Verhaltensweisen führt, also nicht absichert, sondern kanalisiert. Sinnvoller, vor allem in Hinblick auf eine Weiterentwicklung in Richtung einer herrschaftsfreien Gesellschaft, wäre die Absicherung über materielle Werte, vor allem einen Anteil am Bodenbesitz, möglicherweise auch an anderen Kapitalwerten. Diese müssen unverkäuflich sind, damit nicht über Zwang, ökonomischen Druck u.ä. diese Sicherungen wieder entfallen bzw. bei wenigen zusammengeführt werden. Bei einer Absicherung über einen Anteil am Boden können die Menschen selbst entscheiden, ob sie diesen selbst bewirtschaften, anderweitig nutzen, aber verpachten (auf welcher Tauschbasis auch immer) oder mit anderen gemeinsam nutzen.

    Es geht also — wie klar zu erkennen ist — nicht um ein »gesellschaftliches Ideal«, sondern um einen Alternativvorschlag zum damals noch in den Anfängen steckenden Vorschlags eines bedingungslosen Grundeinkommens. Beides — Grundeinkommen und Anteil am Produktivvermögen — sind innerkapitalistische Reformansätze. Beide sehe ich kritisch. Lässt man sich aber auf die Debatte um ein Für und Wider eines Grundeinkommens ein, bewegt man sich also noch vollständig in der Geldlogik, halte ich den zweiten Vorschlag auf der gleichen Ebene für diskutierenswert. Gerade das Kriterium der Unverkäuflichkeit ist mit der Verwertungslogik nicht vereinbar — weswegen sich wohl der eher vereinbare Vorschlag eines Grundeinkommens in der Bewegung durchgesetzt hat.

  • Werner Imhof sagt:

    @ Stefan: Du hast insofern Recht, als ich Jörg Bergstedt mit Stefan Merten verwechselt habe und eine der zitierten Passagen („Absicherung über materielle Werte, vor allem einen Anteil am Bodenbesitz, möglicherweise auch anderen Kapitalwerten“) aus dem Zusammenhang gerissen ist, den Du nun wiedergegeben hast. Das entkräftet aber nicht im geringsten meine Behauptung, Ihr hättet die „individuelle Subsistenz“ als „gesellschaftliches Ideal“ propagiert. Ich zitiere mal etwas vollständiger: „In einer herrschaftsfreien Gesellschaft bildet der Boden die Basis der Freiheit und Absicherung. Alle Menschen müssen ab ihrer Geburt über eine solche materielle Absicherung verfügen und selbst entscheiden, ob sie ihre Basis in einen gemeinschaftlichen Zusammenhang einbringen, an andere verpachten oder selbst nutzen einschließlich der Entscheidung, sich der Gesellschaft völlig zu entziehen.“ (S. 96) Und: „Die individuelle Subsistenz bedeutet, daß jeder Mensch auch auf sich gestellt die Möglichkeit hat, ein gutes Leben zu führen.“ (S. 154) Hier handelt es sich nicht mehr um einen „innerkapitalistischen Reformansatz“, um einen „Alternativvorschlag“ zur BGE-Forderung, sondern – „wie klar zu erkennen ist“ – um einen Gesellschaftsentwurf, bei dem die „Fähigkeit und Möglichkeit zur individuellen Subsistenz“ (S. 96) eindeutig die Basisgarantie der „Herrschaftsfreiheit“ sein soll. Nun ist es schon ein krauser Einfall, die Option absoluter Vereinzelung und Ungeselligkeit zur Grundlage menschlichen Zusammenlebens zu erklären und ernsthaft davon auszugehen, daß Menschen unabhängig von jeder gesellschaftlichen Arbeit ihr Leben in „individueller Subsistenz“ fristen könnten. Der Gimmick dabei ist aber, daß die vermeintliche Basis der Freiheit, der individuelle Grundbesitz, zugleich als Herrschaftsinstrument über die Arbeit anderer und damit als Quelle arbeitslosen Einkommens (in welcher Form auch immer) nutzbar sein soll. Denn die Verpachtung von Grundbesitz ist kein Tausch, wie Ihr zuvor unterstellt hattet, sondern die Abpressung eines Tributs von seiten des Pächters, die sich auf weiter nichts gründet als das persönliche Monopol des Verpächters an einem Stück Erde…

  • StefanMz sagt:

    @Werner: Ich habe das seiner Zeit anders gelesen (der Teil ist nicht von mir) und sehe darin nicht die »absolute Vereinzelung«, sondern einfach nur die Aussage, dass jeder einzelne Mensch gut leben können soll und dafür unter kapitalistischen Bedingungen gesicherte Voraussetzungen braucht. Dass die Lebensbedingungen gesellschaftlich produziert werden (wenn auch nicht bloß durch »Arbeit«), ist für mich evident. Ich verstehe die Attacken gerade an dieser Stelle nicht.

  • Werner Imhof sagt:

    @Stefan: Was Du als Attacke bezeichnest, ist nur meine allergische Reaktion auf den Versuch, sich mit faulen Ausreden vor der Verantwortung für die eigenen Geistesprodukte zu drücken. In meiner Kritik an Uli war die „individuelle Subsistenz“ nicht mehr als eine Art Fußnote in einem Zusammenhang, in dem es um verschiedene Handlungsoptionen geht. Ich hatte überhaupt nicht vor, meine alte (und zumindest Dir bekannte) Kritik daran nochmals aufzuwärmen – wenn Ihr nicht so unsouverän und unglaubwürdig reagiert hättet. Erst das ahnungslos tuende „Hä?“ von Annette und Dir. Dann Dein Versuch, Spuren zu verwischen und das ganze Konzept als „innerkapitalistischen Reformansatz“ zu banalisieren. Und auch jetzt geht das noch so weiter: Der fragliche Teil des Buches sei nicht von Dir – kann ja sein, aber Ihr habt die Teile damals nicht namentlich gezeichnet, sondern alle drei gemeinsam das ganze Buch verantwortet. Was also soll das, jetzt mit dem Finger auf die beiden anderen zu zeigen? Außerdem tust Du immer noch so, als sei die „individuelle Subsistenz“ nur ein pragmatisches Konzept für das Leben „unter kapitalistischen Bedingungen“ gewesen. Meinst Du, da sei es realistischer als in einer „herrschaftsfreien Gesellschaft“, und wenn Du nur lange genug eine Lesehemmung vorspielst, müßte ich irgendwann auch eine kriegen? Und welche kranke Steigerung soll man sich eigentlich noch vorstellen, wenn Du die „Entscheidung, sich der Gesellschaft völlig zu entziehen“, /nicht/ als Option absoluter Vereinzelung verstehen magst? Nein, Schönfärberei ist für mich keine Diskussionsbasis. Ich werde Eure Kreise deshalb nicht länger stören. Nur Ulis Antwort – angeblich kann er meinen Text auf dieser Seite nicht finden… – möchte ich noch abwarten, dann klinke ich mich wieder aus.

  • StefanMz sagt:

    @Werner: Für deine Allergie habe ich keine Verantwortung. Was du als faule Ausreden denunzierst, ist nur der Versuch, Verdrehungen und dreiste Unterstellungen richtig zu stellen. Entweder du hast eine inhaltliche Kritik an welcher Position auch immer, dann schreib sie auf, das geht doch in sachlicher Weise ohne Zitate aus dem Zusammenhang zu reissen. Was soll diese Zitatenhuberei, die ein feststehendes Ergebnis nur ausschmücken soll? Entweder hast du ein Erkenntnisinteresse, das sich z.B. auch in einer Kritik ausdrücken kann, oder du willst nur jemanden vorführen. Von dir erfahre ich nur letzteres. Ich kann dein Erkenntnisinteresse nicht erkennen. Das erinnert mich immer wieder fatal an einen alten denunziatorischen, besserwisserischen, hermetischen ML-Stil. Nach den Erfahrungen mit dir in der KW48 dachte ich, das sei endlich mal vorbei. Glaubst du, ich habe Lust, darauf überhaupt einzugehen? Mehr Worte als unbedingt nötig zu verlieren, um die blöde und denunzierende Anmache richtig zu stellen? Nein, Denunziation ist für mich keine Diskussionsbasis.

    Machen wir es am Beispiel, etwa der Frage der »Entziehung der Gesellschaft«. Du nutzt das Zitat, um u.a. mich als jemand vorzuführen, der der »absoluten Vereinzelung« huldigt und ein entsprechend »krankes« Gesellschaftskonzept verfolgt. Interessiert dich aber etwas daran? Was ist deine Kritik daran? Dass Entziehung grundsätzlich nicht geht? Dass sich gesellschaftliche Menschen nicht vereinzeln können? Was ist absolute, was relative Vereinzelung? Was hat das mit dem Kapitalismus zu tun, was mit einer freien Gesellschaft? Gibt es in einer freien Gesellschaft keine Vereinzelung?

    Ich empfinde deine Attacken nur als Ablenkung von deiner Auseinandersetzung mit der Kritik (u.a. von Uli) am Klassenkampfismus, am Festhalten an der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt. Stattdessen attackierst du Uli als voluntaristischen Gesellschaftsbastler (oder Unterstützer derselben, egal), dabei ist heute nichts voluntaristischer und »abgeschmackter« als ausgerechnet und immer noch auf jene zu setzen, die angeblich »das Zeug dazu entwickeln können«, gleichzeitig aber durch ihr unmittelbares Interesse an die Aufrechterhaltung der Logik gebunden sind, die sie produzieren und unter der sie leiden.

  • Werner Imhof sagt:

    „Klassenkampfismus“? Du hast nichts, rein gar nichts verstanden. Aber das verhindert ja wohl auch Dein Erkenntnisdesinteresse.

  • Hubert sagt:

    Hallo Stefan,
    die folgenden Sätze sind die überarbeitete Fassung meines Kommentars vom 16.7. (den ich leider auch mit meinem acount nicht weiter bearbeiten oder löschen kann). Ich möchte dich hiermit bitten, nur die aktuelle Fassung freizuschalten.
    Gruß Hubert

    @Stefan: auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, aber Du machst es dir wirklich (zu) einfach. Die wilden Attacken gegen alles was nach Tradition riecht (oder riechen soll) können nicht darüber hinweg täuschen, dass Du es selbst bist der – insbesondere methodisch – eng traditionell verfährt:
    Wirkliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Warum auch? Ihr seid euch doch sicher mit dem Keimform- und Peerökonomie-Projekt den Stein der Weisen gefunden zu haben. Es müssen sich nur mehr Menschen auf den von euch bereits initiierten Weg machen (ich zitierte eure Ansprüche dazu aus eurer mehr internen Kommunikation, es wimmelt dort ja nur so von quasi ‚pubertären‘, revolutionaristischen Phantasien, die hinter denen von „Bennis‘ Eltern“ kaum nachstehen können – überhaupt ist dieser Revolutionarismus ja bis heute das größte traditionelle Übel und nichts wird so gepflegt!)
    Kein linkes und angeblich noch so revolutionäres Projekt seid der KPD sah da methodisch grundsätzlich anders aus. Etwas moderater im Tonfall und Umgang miteinander (jedenfalls die eher Älteren) aber ansonsten sind die Unterschiede eher marginal und nach außen verhaltet ihr euch wie die besten Privateigentümer aus alten ML-Zeiten. Widersprüche in die man sich verwickelt? Kein Problem. Einerseits zitiert man Marx mit dem Hinweis, dass Revolution erst realistisch möglich wird, wenn der Bestand an der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte scheitert – andererseits ist das Ausbleiben der Revolution aber genau das große Problem, obwohl der Bestand noch weit davon entfernt scheint, die Produktivkräfte nicht mehr entwickeln zu können. Überhaupt wäre es ja mal interessant zu erfahren, wie die Arbeiterklasse denn rückblickend Revolution hätte machen sollen? Hätte sie die vorhandenen, völlig falsch liegenden politischen Kräfte (etwa KPD und SPD sowie alles dazwischen) an die Wand spielen sollen, um ein ganz anderes Konzept durchzusetzen oder hätte sie sich auf eines der vorhandenen Konzepte stürzen sollen, um es zum Erfolg zu verhelfen? Die Kritik ist hier so unehrlich wie wohlfeil und deckt sich mit der kompletten marxistischen Tradition bis heute (als Beispiel dazu etwa die noch recht frische Dissertation Ingo Elbes ‚Marx im Westen‘).
    Grundsätzlich gilt daher bis heute und für euch: Eine Minderheit will die Mehrheit „modeln“, konkret gar die gesellschaftliche Produktion alternativ neu gestalten, den kapitalistischen Bestand dann mit dieser Alternative einholen und schließlich überholen. Grundsätzliche Bedenken dagegen werden ignoriert, die Fehler immer auf der anderen Seite verortet. Auseinandersetzung mit diesen grundsätzlichen Bedenkenträgern findet öffentlich nachvollziehbar nicht statt, dafür tut ihr laufend so als sei alles geklärt (mir sind diese Auseinandersetzungen jedenfalls trotz Nachfragen nicht bekannt gemacht worden, Antworten auf Heinrich, Nuss etc. gibt es also gar nicht). In meine Richtung etwa stellst Du Fragen (die dich kein bisschen Mühe kosteten) nur, um dich vor weiterer Beschäftigung zu schützen. Das drückt alles eine ‚gewisse‘ Gleichgültigkeit aus, ihr seid euch selbst genug und braucht eigentlich nur noch Anhänger. Wie das bekannte Sprichwort weiß, Reisende soll man nicht aufhalten. Solltet ihr euch eines Tage anders besinnen (müssen), wisst ihr ja, wo ich/wir zu finden sind. Bis dahin werde ich die Auseinandersetzung an anderen Stellen hoffentlich produktiver führen.
    macht’s gut, Hubert

  • Hans-Gert Gräbe sagt:

    Schade, dass die spannende Debatte zu Ende ist, ehe sie richtig begann. Ich habe einige mir wichtige Aspekte, die nicht den Weg von der Mailingliste in diesen Blog gefunden haben, unter http://hg-graebe.de/Texte/Kommentare/wak-09.txt zusammengestellt.

    Die Sache mit einem adäquaten Zugang zum Phänomen einer – wie auch immer zu fassenden – „Gesellschaftlichkeit“ bewegt übrigens auch Robert Kurz in seiner ND-Kolumne „ökonomische Froschperspektive“ vom 17.07. http://www.neues-deutschland.de/artikel/152377.oekonomische-froschperspektive.html?sstr=%D6konomische|Froschperspektive

    Allerdings verschließt Kurz vor dem Evidenten nicht die Augen – dass „Gesellschaftlichkeit“ bereits (und erstmals gegenüber vorherigen Formationen) die kapitalistische Produktionsweise prägt: „Kapitalismus ist das erste gesellschaftliche System der Geschichte. Noch nie war die Verkettung in der Reproduktion des Lebens so weit gefächert und gleichzeitig so dicht. Die Betriebswirtschaft hat sich großflächig zerlegt. Nicht einmal Schuhcreme kann mehr hergestellt werden ohne tief gestaffelte Funktionsteilungen …“ – auch wenn er zwei Zeilen weiter ins traditionsmarxistische Horn bläst „Aber diese mit einem modischen Ausdruck als allseitige Vernetzung bezeichnete Gesellschaftlichkeit befindet sich in der Form der Privatheit und Einzelheit von Unternehmen und Individuen.“

    Möglicherweise ist das ja nur die halbe Wahrheit und eine solche dezentrale, organismische Form dieser „Gesellschaftlichkeit“ trägt ganz andere Potenzen als eine gesamtstaatlich (oder -gesellschaftlich – hier gibt es bisher kein praktisch bewährtes Beispiel eines Unterschieds) gelenkte? Wenn ja, dann wäre zu fragen, was der „Kleber“ ist, was dieser mit dem Wertverhältnis zu tun hat und in welchem Verhältnis er zu den – unbestritten mehr als reichlich vorhandenen – krebsartigen Auswüchsen des Wertverhältnisses in der heutigen Zeit steht. Ob (1) dieses Wertverhältnis auf den Müllhaufen der Geschichte gehört oder (2) die Entgrenztheit und damit pandemische Wirkung eines (hyper)exponentiellen Wachstums durch entsprechende Dämpfungsglieder eingefangen werden kann. Alle Naturprozesse vergleichbarer Charakteristik führen zum Kollaps des Ökosystems oder folgen dem Pfad (2) – unter ständiger Zunahme der Komplexität. Wie gesagt – wer mal in Leipzig ist, der möge seine Schritte in die Regenwald-Ausstellung im Panometer lenken, um hautnah zu begreifen, was Pfad (2) bedeutet.

    Die Perspektive (2) – der Kapitalismus passt sich auch diesmal an – mag den wenigsten hier gefallen. Vielleicht allerdings ist die Denkvoraussetzung über den Zeithorizont einer Ablösung „vormoderner Verhältnisse“ falsch und der Kapitalismus selbst die Transformationsgesellschaft? Das würde erklären, warum diese Gesellschaftsformation von Katastrophe zu Katastrophe – oder von Umbruch zu Umbruch – schreitet, warum sie die Produktionsverhältnisse dauernd umbrechen muss. Dann wäre die konkrete Dimension der Keimformthese aber auch anders zu fassen – alle bisherigen Umwälzungen innerhalb des Kapitalismus wären als Entfaltungen von Keimformen hin zu „wachsender Gesellschaftlichkeit“ – was das auch immer ist – zu verstehen und das, was hier bisher als Keimformen gehandelt wurde, wäre nur eine sehr spezielle Art von Keimform in einem sehr speziellen Umbruch innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsformation.

    Die Prophezeiung aus dieser Perspektive mag auf den ersten Blick traurig stimmen – der Kapitalismus wird auch die Freie Software „assimilieren“, doch wären dann auch Differenzen innerhalb der Kapitalismen sichtbar, hin zu wachsender „Gesellschaftlichkeit“ – deren Charakter näher zu bestimmen wäre – unter einer noch immer privatkapitalistischen Hülle.

    Schade also, dass genau eine solche Diskussion an der Stelle zunächst abgwürgt ist. Für eine retrospektiv-historische Betrachtung der Kommunismen wie für den September geplant wäre es interessant zu untersuchen, ob und auf welche Weise diese Kommunismen die sich zur jeweiligen Zeit entfaltenden Keimformen von „mehr Gesellschaftlichkeit“ – die man allerdings erst einmal identifizieren müsste – befördert oder sich wenigstens zu ihnen ins Verhältnis gesetzt haben.

    Vielleicht stellt sich dann ja auch heraus, dass „wirklicher Reichtum“ und „bürgerlicher Reichtum“ gar keine so antagonistischen Gegensätze sind, sondern die Enden eines subtilen Wechselverhältnisses, in welchem „die in einer jahrtausendelangen Entwicklung auch psychologisch ganz anders konstituierten, obrigkeits- und kommandogewohnten Individuen auf den Weg der Selbstfindung gewzungen werden, der später – reflektiert – in die bewusste politische Gestaltung von Gesellschaft münden kann, in die ‚Produktion der Verkehrsformen selbst‘, die ‚alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer
    Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft‘ – mit einem Wort: zu Kommunismus im Verständnis des jungen Marx“. So schrieb ich noch vor drei Jahren. Aus der oben entwickelten Perspektive wäre zu fragen, ob dieser Prozess nicht bereits seit 300 Jahren im Gange ist.

  • Hubert Herfurth sagt:

    Ja, ich finde es auch schade, traurig und im besten Sinn des Wortes verrückt, das die Diskussion hier ! nicht fortgesetzt wird, Hans-Gert.

    Das heißt aber nicht, dass sie nicht fortgesetzt wird!!! Ganz allgemein zwingt die Realität dazu oder wird dazu zwingen, weil alle behaupteten „Lösungen“ sich als völlige Fehlinterpretation und damit als Scheinlösungen erweisen (werden). Aber wenn die „Theoretiker“ sprechen, haben die einfacheren Leute bekanntlich zu schweigen (siehe Christians PROKLA Beitrag). Es nützen ja i. A. die besten Beiträge nichts, wenn und solange hier mit direktem Einverständnis-Bezug auf Marx und stolz geschwellter Brust das glatte Gegenteil behauptet werden kann und von der Realität brauchen wir da gar nicht mehr reden. Für Marx ist es eindeutig: „Es ist nur ! das bestimmte !!! gesellschaftliche !!! Verhältnis !!! der Menschen selbst !!!, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnis von Dingen annimmt“ (K1, S. 86). Wenn das Verhältnis zwischen den Dingen aufgehoben werden soll, muss also das spezifische Verhältnis zwischen den Menschen ein anderes werden, das ist doch ein ziemlich einfacher Zusammenhang (auch wenn er sich nicht so einfach herstellen lässt)! Aber wie, da es ja nach und für Stefan Meretz nur eine Gesellschaftlichkeit geben soll? Aber noch mal Marx: „Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch ! gesellschaftlichen ! Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb des Austausches. Oder die Privatarbeiten bestätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. : Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind !!!!, d. h. nicht !!! als unmittelbar !!! gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst !!!, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ K1 S. 87). Für die heutigen Theoretiker stellt sich dies genau anders herum dar. Die Fetischverhältnisse verschleiern den Menschen ihre eigentlich vorhandenen gesellschaftlichen Beziehungen die hier (also nicht bei Marx) als durch das Kapital gestörte gesehen werden (die es real aber gar nicht gibt). Wie viele unterschiedliche Gesellschaftlichkeiten Marx in diesem Kapitel auch immer anführt, für Meretz (und Kollegen) gibt es eben nur eine: „Es gibt nur die Gesellschaftlichkeit, aber nicht mehrere davon (und auch keine extra »kommunistische«). Vielleicht meinst du die historisch unterschiedlichen Formen? Aber dann wird es wieder sehr einfach: Ja, Kommunismus ist eine andere gesellschaftliche Form. Aber der gesellschaftliche Mensch ist immer noch der gleiche.“ Als wenn die spezifischen Formen nicht Ausdruck spezifischer Verhältnisse wären…..

    Konkret bedarf es zur Diskussion entweder anderer Beiträge (die im Zusammenhang eine Diskussion darstellen, in dem die Argumente wirklich geprüft und besprochen werden) oder der Ort muss gewechselt werden. In diesem Sinn ist eigentlich auch keine Diskussion abgebrochen, sondern nur der Schlagabtausch eingesellt, weil ihm jeder Sinn abgeht. Die Diskussion setzt ja Interesse an der Position des anderen überhaupt erst mal voraus. Ich werde mir deine Sachen also anschauen, Hans-Gert und melde mich wieder – hier oder dort, auf jeden Fall bei dir. Die Einschätzung des Kapitalismus selbst als Übergang gefällt mir aber ziemlich gut!

    herzlichen Gruß
    Hubert

  • Hubert Herfurth sagt:

    Hallo Hans-Gert,

    noch mal kurz zu Kurz:
    Da hast Du ja einen wirklich interessanten, weil ver-rückten Beitrag ausgegraben. Das Auseinanderfallen von richtigen Feststellungen und voluntaristischen, ‚revolutionären‘ Ansprüchen wird immer extremer. Offensichtlich das Auskramen aus der Traditionskiste auch. Statt „verinnerlichter“ Gesellschaftlichkeit der Individuen lebt die „gesamt- [sprich welt-] gesellschaftliche Planung des Ressourcenflusses“ als Lösung wieder auf, wobei er nicht mal verstanden hat, das für eine – etwa in Privateigentümer geteilte Gesellschaft wie der realsozialistischen – die zentrale Planung sowieso ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die (hilflose) Bürokratie ist hier also nicht so sehr Ursache wie vielmehr nur der Zeiger auf diese Unmöglichkeit. Interessant ist hier vor allem, das die Kurzsche Lösung keine Anforderungen an die Individuen stellt (es sei denn die, dass sie sich seiner Sichtweise anschließen).
    Renate Hürtgen hat in der schon erwähnten PROKLA 155 („Sozialismus“) übrigens auf eine interessante Parallele aufmerksam gemacht: Neben der erwähnten gesellschaftlichen Spaltung scheint die fachliche Dequalifizierung der Führungskräfte in der DDR ein Faktor des Niedergangs gewesen zu sein, jedenfalls erhöhten sich die Probleme, als die aus dem alten Deutschland übernommenen Fach-Kräfte aus Altersgründen ihre Tätigkeit einstellten und durch im ‚Realsozialismus‘ selbst ausgebildete Kräfte ersetzt wurden. Das Scheitern dieses ‚Sozialismus‘ lässt sich also als ziemlich umfassendes Scheitern eines durch und durch voluntaristischen Ansatzes lesen……
    Aber das Kramen in der Traditionskiste ist leider keine Eigenschaft von Kurz allein. In der genannten PROKLA wird durch Alex Demirovic der Rätegedanke als Zukunftsmodell ’neu entdeckt’….. Es scheint schwer zu akzeptieren, dass die historische Entwicklung über bestimmte Sachen schon längs entschieden hat.
    Gruß Hubert

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