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Vom Ritual zur Revolte — Nachbereitung

Nachbereitung der Veranstaltung »Vom Ritual zur Revolte« vom 10. Januar 2007

Donnerstag, 15. Februar 2007, 18:00 Uhr, Helle Panke (Achtung: Verschiebung vom Mittwoch, 14. Februar 2007)

Uli Weiß: Notizen zur Veranstaltung vom 10. Januar 2007

Johannes: Wole Soyinkas drei Schaffensphasen.

  1. Modernistische (auf nachholende Entwicklung nach westeuropäischen Muster orientiert)
  2. Negritude (Mobilisierung der eigenen afrikanischen Traditionen/Möglichkeiten) 1. und 2.: S. argumentiert hier weniger ökonomisch als politisch. Dies immer angesichts der Notwendigkeiten, ungeheuer Interessenkonflikte auszugleichen.
  3. Phase, in der die (auch von S. nachgefragten, also vorläufigen) Gewissheiten von 1. und 2. abhanden gekommen sind. In dieser werden verstärkt Alternativen auf der mehr ästhetischen Ebene gesucht. Obwohl auf diesem Feld keine Zukunftsperspektiven sichtbar werden, engagiert sich S. zur Sicherung unmittelbarer Existenz politisch.

Ist die Diskussion dieser Entwicklung Soyinkas für unsere Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus relevant?

Was bedeutet stärker Orientierung auf Ästhetik bei S.?

Johannes:

  1. S. vertraut auf die Autonomie von Menschen. Er greift auf alte Rituale zurück (als Formen von Gesellschaftlichkeit).
  2. Diese Autonomie wie die Präsenz der Rituale(?) sind sowohl von der modernistischen Entwicklung als auch von der negrituden Politik (?) bedroht. Sie werden von Parteien, den entsprechenden politischen Strukturen sowie wirtschaftlichen Entwicklungen (Warenproduktion) unterhöhlt, jedoch nicht vollständig von diesen „aufgefressen“. Zu beachten ist, dass die teils unter- bzw. abgebrochene modernistische Entwicklung den Nigerianern nur höchst begrenzt den Zugang zu den zivilisatorischen Leistungen der westeuropäisch-bürgerlichen Epoche eröffnet.
  3. S. entwickelt keine Theorie der gesellschaftlichen Konstitution im westeuropäischen Sinne von Wissenschaft eine. Er beschwört vielmehr angesichts der mangelnden Möglichkeiten, im Sinne der Hoffnungen der ersten und zweite Phase auf menschliche Weise voranzuschreiten, sozusagen die weiterhin wirksamen Rituale als mögliche Grundlagen der Konstitution von Gemeinschaften bzw. Gesellschaft. Bezogen auf die sehr widersprüchliche chaotische Realität in Nigeria mobilisiert er entsprechende Symbole, Bilder, Geschichten.

Eine Zentralfigur ist Ogun. Es ist ein fragender Gott, einer der Suche nach Übergängen. Die gesuchte Entwicklung ist in der entsprechenden Mythologie das Wiederherstellen der Verbindung des Göttlichen (des Ganzen?) mit den Menschen. Das schließt bei Ogun den Durchgang durch das Chaos ein.

Uli:

Soyinkas Fortschreiten(?), sein „Rückzug“ von den größeren Gesellschaftsentwürfen (Phase 1 und 2) ins Ästhetische will ich begreifen. Die ästhetische ist eine bestimmte Aneignungsform von Welt. Die anderen: die praktische Aneignung (wirtschaftliche, politische), die theoretische Aneignung,

Was ist die Besonderheit des Ästhetischen? Es gibt die Möglichkeit, den Menschen in seiner Existenz im Bild, Ton, Bewegung … als ein den Sinnen unmittelbar zugängliches Ganzes zu erfassen? Soyinka wendet sich zugleich nicht vom praktischen (politischen) ab. Wie ist die Wechselwirkung zwischen dem Ästhetischen und Ökonomie, Politik, Theorie …? Bei Soyinka, bei anderen, bei uns?

Eine Analogie?: Hölderlin – Schiller

Nach Hölderlins Meinung wendet sich sein geistiger Vater Schiller von seinem frühen revolutionären Anspruch ab. Er ziehe sich sozusagen in den ästhetischen Bereich zurück. In Schillers Selbstverständnis: Das Bild einer anderen Welt an die Kerkerwand projizieren (nicht mehr den Kerker selbst angreifen). Hölderlin hält dagegen an seinem ursprünglichen Anspruch fest, findet aber in der Welt keine Resonanz (nicht in Deutschland, nicht in Frankreich, auf das er mit Hegel und Schelling besondere Hoffnungen gesetzt hatte). Um seinem menschlichen Streben überhaupt noch Ausdruck geben zu können, flüchtet er ins idealisierte klassische Griechenland sowie in eine unerfüllbare Liebe – und wird verrückt.

Heise (ein DDR-Kulturwissenschaftler) interpretierte das so: Schiller als Älterer war mit dem gleichen Problem wie Hölderlin konfrontiert. Er erfasste gleich diesem die Unerfüllbarkeit seiner Ideale innerhalb der damals überschaubaren Welt. Er ließ sich aber auf jene entstehende bürgerliche Gesellschaft ein, deren Widersprüchlichkeit er wohl kannte, deren Aufhebung ihm aber noch nicht denkbar war. Er suchte Wege, in ihr im Sinne seiner frühen Freiheitsideale zu wirken. Im Gegensatz zu Hölderlin ließ er sich auf diese historisch noch nicht überschreitbare Situation ein und versuchte entsprechend seinem Menschheitsideal eben über das ästhetische Bild zu wirken. In diesem Sinne – in der geschichtsmaterialistischen Sicht, nach der die materiellen und geistigen Bedingungen für das spätere „Reich der Freiheit“ erst in der bürgerlich-kapitalistischen Formation entstehen können – wurde Sch. den realen historischen Möglichkeiten gerecht.

Diese Einschätzung teile ich. Zugleich setzt das Hölderlin nicht zurück. Im Gegenteil, er ist sozusagen ein durch und durch Heutiger. Er hielt an seinen Idealen der allgemeinmenschlichen Emanzipation fest. Dies im Sinne der Marxschen Formulierung des kategorischen Imperativs, alle „Verhältnisse umzuschmeißen, in denen der Mensch ein erniedrigtes …Wesen ist.“ Auch als er klar erfahren musste, dass dies die Möglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft weit übersteigen, richtete sich nicht im Gegebenen ein. Während Schiller vom Bürgertum (das „sozialistische“ der DDR eingeschlossen) zum Nationaldichter erhoben wird, fand und findet Hölderlin in der bürgerlichen Welt keine Bilder und kaum Adressaten.

Auf andere Weise geschieht dies später Dostojewski wieder. Um – in ihrer beider Not – die Hoffnungen doch aussprechen zu können, „rettet“, sich der eine in die griechische Mythologie, der andere in die russische Orthodoxie/Seele. (Dies auch mit der üblen Konsequenz, dass sich reaktionärste Leute sich auf diese bezogen/beziehen.)

Ist Soyinkas Situation eine ähnliche? Er stellt sich praktisch der katastrophalen (unmittelbar aber alternativlosen) Moderisierung, beschwört zugleich mit Bildern einer anderen Welt Alternativen.

Wie sieht es mit der Rolle des Ästhetischen in unseren Versuchen aus, die gegebene bürgerliche Gesellschaft geistig und praktisch zu überschreiten?

Lieder – ästhetische Formen und sozialer Gehalt

Johannes: Beispiel Lieder der Arbeiterbewegung

Es gibt Lieder bzw. deren Arrangements, die sowohl in der linken Arbeiterbewegung, in platter Volkstümlichkeit sowie auch unter den Faschisten verbreitet waren. Bei anderen ist das undenkbar. So etwa in den Arrangements von H. Eisler.

Uli: Gibt es einen klar definierbaren Zusammenhang zwischen der ästhetischen Formen und sozialen Gehalten?

Johannes: Einen eindeutigen sicher nicht. An Hand der Lieder etwa von Eisler werde ich das untersuchen.

Uli: Kann es sein, dass so wie nur mit bestimmten Praxisformen über den Kapitalismus hinausgegangen werden kann, auch nur mit bestimmten Formen von Diskussionen und Texten, bestimmten Theorieformen, in bestimmten künstlerischen Formen über ihn hinausgedacht werden kann? Wenn das stimmt, dann müssen diese Formen benennbar sein. Interessant ist doch, dass Marx die Möglichkeit der tatsächlichen Aufhebung des Kapitalismus und damit die Wirklichkeit des Kommunismus erst dann gegeben sah, wenn für die Produktion von materiellem Reichtum bestimmte schöpferische Formen der Tätigkeiten der Menschen entscheidend werden. Das wäre nicht mehr die in knechtender Arbeitsteilung verausgabte Arbeit (etwa die unter fremden Befehl auszuführende Handarbeit), sondern die Formen von Tätigkeiten, die unvermeidbar mit großem Schöpfertum, mit Selbstgenuss des Menschen verbunden sind: wissenschaftliche, künstlerische und spielerische Tätigkeiten. (siehe Marx’ Grundrisse).

Hier sehe ich einen Zusammenhang mit den Hölderlinschen Bildern (sh. Hyperion; „Handwerker fand ich, keine Menschen“), auch mit der Suche Dostojewskis (sh. seine Erkenntnisse über einander entgegengesetzte menschlichen und die knechtenden Tätigkeiten; Aufzeichnungen aus einem Totenhaus).

Aufhebung knechtender Formen von Arbeitsteilung bedeutete wohl auch, dass die Getrenntheiten, Gegensätzlichkeiten von Theorie und Praxis (hier mehr ausführende Tätigkeiten gemeint) aufgehoben wird sowie die der ästhetischen/spielerischen und wissenschaftlichen Formen der Aneignung von Wirklichkeit (der Zuordnungen dieser zu relativ getrennten Personenkreisen). Diese Annahme bzw. Suche steht auch hinter meinem Text, unsere Theorieformen betreffend (sh. Weiß, nicht nur Theorie, open theory)

Stefan: Mit diesem Test schüttest das Kind mit dem Bade aus. Greifst mit der bürgerlichen Form von Wissenschaft die Wissenschaft, die Aufklärung überhaupt an.

Johannes: Auch wenn der Begriff belastet ist, ich will so etwas wie einen wissenschaftlichen Sozialismus. Eigentlich ist doch der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb dabei, wissenschaftliche Ansprüche aufzugeben zugunsten einer kurzatmigenVerwertungs- und Eventkultur. Ich dagegen will Wissenschaft retten.

Uli: Wie geht das zusammen mit dem, was dich bei Soyinka so anspricht, was gerade nicht auf der Linie des abendländischen Wissenschaftsbegriffs liegt?

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