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Besprechung des Films »Moolaadé« von Uli Weiß

Nach diesem Streifen möchte man sitzen bleiben und schweigen oder irgendwie eingreifen in den Gang der Dinge, der eigenen und denen der Welt.

Die letzten Bilder: In einem senegalesischem Dorf brennen die Messer der traditionellen Beschneiderinnen und es brennen die Radios, die einen Abschein der bürgerlichen Welt bis ins letzte afrikanische Dorf bringen. Was die Lust- und oft gar Leben tötenden Verstümmelungsgeräte betrifft – wer ist sich da nicht sicher? – weg mit ihnen! Doch warum brennen die Radios?

Frauen und auch Männer empfinden das als Verlust. Sie gehen an dem befohlenen Scheiterhaufen vorbei und es sieht lange so aus, als würden sie sich diese Brücke in andere Welten wieder zurückholen. Vor allem, nachdem eine zunehmende Anzahl von Frauen vehement und erfolgrech ihren Unmut über die Beschneidung und die Beschneiderinnen öffentlich ausdrückten, liegt das in der Luft. Doch auch die Radios werden zu Asche. Das überrascht mich zunächst. Warum lässt Osmane Sembène, der Filmemacher, beides brennen, die Messer, Symbole vormoderner Riten, und die Mittel geistiger Öffnung zur westlichen Welt, das eine durchgesetzt von einigen Frauen, das andere vom Rat der Dorfältesten? Letztere sehen den Konsum von Radio oder Fernsehen als Bedrohung der traditionellen Gemeinschaftstrukturen an, ebenso das Aufbegehren gegen das Beschneiden – das allerdings sei eine reine Frauensache. In den Konstellationen, die der Film darstellt, erscheint dieser Ritus ebenso wie das Verbot des Radiohörens vor allem als Herrschaftsinstrument einer anachronistisch werdenden Gruppe von Menschen. Dass allerdings auch Opfer der Verstümmelung verbissen auf der Traditionen beharren, eine gar erst nach nach dem Tod der eigenen Tochter die Seite wechselt, verweist wohl darauf, wie eng diese Riten mit der gesamten Lebensweise verbunden waren und sind. An die traditionell überkommene Gemeinschaft und ihrer Formen ist hier der einzelne Mensch mit seiner ganzen Existenz gebunden. Auch weiterhin zeigt sich keine andere Möglichkeit grundsätzlich anders als in ihr zu (über-)leben. Wenn im Film ein Machtkampf um einzelne Riten und Verhaltensweisen stattfindet, so hat er zugleich das Ganze des Dorfes im Blick. Er bietet damit die Möglichkeit, die Problematik tiefer als in traditionell westlich-missionarischer Aufklärungsmanier zu verstehen. So wird das Aufbegehren gegen die Beschneidung mit Hilfe eines anderen tradierten Ritus durchgesetzt und nicht etwa durch den Einbruch westlicher Rechtsformen und das Anrufen staatlicher Macht.

Mit dem westlichen Blick, mit dem ich als Zuschauer ja doch infiziert bin, wundert es einen schon, wie etwa die Heldinnen des Filmes selbstbewusst dieses eine Element der alten Lebensweise abwerfen, dafür das eigene Leben riskierend, aber sich zugleich die Radios wegnehmen lassen. Sie stellen die patriarchischen Strukturen selbst nicht infrage, auch nicht die Vielweiberei samt damit verbundener Hierarchien zwischen Erst-, Zweit- und Drittfrau.

Trotzdem, es verändert sich mit der Auseinandersetzung mehr als dass ein einzelner Ritus abgeworfen wird. Man kann aus bestehenden Lebensweisen auch nicht einfach ein wesentliches Moment – hier die Beschneidung – verwerfen, sonst aber bleibt alles wie es ist. Es findet schon eine Auflockerung der genannten Grundstrukturen statt. Und doch erstaunt es mich, wie sozusagen am Tag danach vieles so weiter geht als wäre nichts geschehen, als hätten die Beschneiderinnen nicht drei Mädchen in den Tod getrieben, ein Retter der Hauptfigur nicht vom männlichen Mob gelyncht worden. Collés Mann, der Hausherr, der gerade noch drauf und dran war seine Zweitfrau zu erschlagen, wird auch nach dem Sieg in der einen Sache trotz aller bissigen Bemerkung von den Frauen freundlich gegrüßt.

Die Frauen, gerade noch mutig, selbstbewusst, laut- und sangesfreudig, haben zwar den einen lebens- und lusttötenden Ritus abgeworfen, steigen aber aus den vielen anderen Zwängen, aus starken persönlichen Abhängigkeiten nicht wirklich aus.

Warum nicht? Moolaadé ist eben ein Film eines geschichts- und menschenklugen Autors. Es ist nicht das Werk westlicher „Weltenretter“. Bezogen auf Verhältnisse, die nicht die ihren sind und die sie wie einen Tierpark betrachten, können sie nach der Antibeschneidungskampagne mit linken oder rechten Politik-Phrasen sozusagen noch manche Sau durch die Median treiben. Mit entsprechenden Getöse, das die jeweiligen Akteure bzw. politischen Richtungen in ihrem Gutmenschentum gebührend herausstellt, kann weiter etwa gegen Vielweiberei agiert werden und für das westliche Rechtssystem mit dem formellen Gleichheitsgrundsätzen, für die freie Wahl des Wohn- und Arbeitsortes und eines jeweils einen Lebenspartners.

Damit kein Zweifel aufkommt, ich sehe die andersgearteten Momente des dargestellten dörflichen Lebens in dem afrikanischen Dort nicht als erstrebenswert an. Ich möchte nicht ohne viele Errungenschaften der bürgerlichen Epoche leben. Trotzdem, solche Kampagnen, mittels derer die westlichen Segnungen dem Rest der Welt gebracht oder aufgezwungen werden sollen, sind mehrfach verlogen.

So agieren im Film zwei Männer, die sozusagen eine persönliche Brücke zur westlichen Welt darstellen. Sie wollen an einigen ihrer materiellen Standards teilhaben bzw. am materiellen Gefälle Nord-Süd verdienen. Sie treten zugleich gegen existentielle persönliche Abhängigkeiten auf. Der eine bezahlt das mit dem Leben, der andere mit massiver Konfrontation mit dem eigenen Vater. Zugleich drückt aber ihre Rückkehr nach Afrika auch aus, dass sie sich in die europäische Lebensweise nicht integrieren konnten bzw. wollten. Der menschliche Preis, den sie hätten zahlen müssen, war ihnen wohl zu hoch.

Der Kampf um menschliche Zukunft geht wohl nicht mehr wie zu Zeiten der frühen bürgerlichen Revolutionen um diese Alternative: Entweder vormoderne persönliche Abhängigkeitsstrukturen oder westlich-kapitalistische Form einer sozusagen individuell freien Vergesellschaftung. Durch alle Krisen, Kriege und menschlichen Katastrophen hindurch, die die bürgerliche Epoche mit sich brachte, hat sie zwar massenweise Menschen ermöglicht, sich feudaler persönlicher Abhängigkeiten zu entziehen und als einzelne bürgerliche Individuen das Leben zu verdienen. Letzeres wird aber auf dem erreichten internationalem Niveau der Kapitalverwertung immer problematischer. Sosehr auch Menschen der sogenannten dritten Welt in die Metropolen der ersten drängen, die bürgerlichen Gesellschaften verlieren ihre integrativen Kräfte. Da auch der Real-„Sozialismus“ sich nicht zu einer Alternative zur bürgerlichen Welt entwickelte, sondern zu einer ihrer Entwicklungsformen, war und ist für Menschen etwa afrikanischer Dörfer auch in dieser Richtung kein nachhaltiger Ausweg zu finden.

Wer aus dem Westen sich den anderen Kulturen überlegen fühlt, wer das freie bürgerliche Individuum, das sich über die Produktion von Waren vergesellschaftet sowie über die bürgerlichen Rechts- und Umgangsformen, wer dies als das Maß des Fortschritts überhaupt darstellt, muss von ungeheuren Illusionen über die eigenen Verhältnisse ausgehen. Es ist nicht nur so, dass die Unterwerfung unter den Terror des Verwertungszwangs den Menschen aus der dritten Welt immer weniger eine Überlebenschance bietet. Auch für die im Westen Eingeborenen wird dies zunehmend zu einer immer miserablere Grundlage ihrer Existenz.

So brennen im Film sowohl die Symbole bestimmter eigener alter Riten als auch eines der westlich-bürgerlichen Kultur. Die Menschen im Dorf schätzen sehr wohl auch bestimmte Errungenschaften der bürgerlichen Epoche, so etwa eine Wasserpumpe. Doch ich sehe die brennenden Radios und die Tatsache, dass sie von den selbstbewusst agierenden Frauen nicht gerettet werden, als einen Hinweis des Autors darauf: Die lebbare Alternative etwa zu den persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen ist nicht die westliche Gesellschaftsform. In diese kann sich das Land, können sich die Menschen nicht retten.

Es bietet sich auch kein Traum der Art, wie ihn etwa die einstige west/östliche Arbeiterbewegung kannte. So kommt auch in der erfolgreichen Revolte keine solche Revolution in Sicht, durch die zugunsten eines angenommenen realen oder vorgestellten Gesellschaftsmodells alle Verhältnisse umgestürzt werden müssten, in denen Menschen erniedrigte, geknechtete, beleidigte Wesen sind. Es ist nicht damit getan, Gruppen von Menschen, jeweilige Herrschende bzw. ganze Klassen als Schuldige an der je eigenen Misere auszumachen und zu besiegen. Es geht in einem viel weiteren Sinne um eine andere Lebensweise aller. Da aber ist mit einem Sturmangriff, mit der Ausschaltung einer Menschengruppe nichts zu machen. Die auf mich eigenartig wirkende Situation in dem Dorf nach den dramatischen Ereignissen – nach unseren alten Revolutionskriterien ein unverzeihliches Nachlassen der Offensive – drückt wohl die tatsächlich stehende Problematik viel tiefer aus als klassischen Widerstands- und Revolutionsromantiken. Obwohl in einer einzigen Sache, das lebens- und lustrettende Abschaffen des Beschneidens, eine extreme Abhängigkeit abgeworfen wurde, geht das Leben in den gegebenen Grundstrukturen weiter. Es sind schließlich jene Verhältnisse, an die die einzelnen Dorfbewohner mit ihrer ganzen Existenz gebunden sind. Nur in dieser und von dieser ausgehend können die Leute Neues entwickeln

Der Einbruch von Trägern anderer Verhältnisse, Menschen, Gewohnheiten, Techniken usw., die zunehmenden globalen Berührungen verschiedener Kulturen, all das kann dabei als Katalysator wirken, die Entwicklung innerer Konflikte forcieren, günstig oder hemmend auf das Finden von Wegen wirken. Das geschieht auch in diesem Dorf. Doch wirklich lebensfähige Lösungen von Konflikten kann nur auf eine Weise erfolgen, in der zu jedem Zeitpunkt die Frage beantwortet ist, wie die materiellen Bedingungen der Existenz aller gesichert sind und wie die lebenserhaltende Gemeinschaftlichkeit, die Gesellschaftlichkeit gewahrt werden kann. Die Ablösung alter gemeinschaftskonstituierender Mythen durch die Vergesellschaftung mittels des Dienstes am bürgerliche-fremden Zweck, der Verwertung von Wert, oder und durch die „sozialistische“ Diktatur, bietet keine menschenverträgliche Perspektive (mehr).

Osmane Sembène entwickelt überhaupt kein Gesellschaftmodell, nach dem, die Vernichtung der gegebenen Grundstrukturen vorausgesetzt, sozusagen auf den Trümmern des Alten das ganz Neue konstituiert werden könnte. Das Fortschreiten, das dagegen seine Geschichte nahe legt, ist im mehrfachen Sinne ein Aufheben des Wirklichen. Was er in der Person der Collé darstellt, feiert und beschwört, das ist eine bestimmte Haltung, eine Richtung menschlichen Handelns im Gegebenen. Menschliches Leben ist zu schützen, hier das der Mädchen. Es geht darum, möglicher Lust am Leben Raum zu verschaffen. Die Heldinnen des Films agieren nicht als bürgerliche Individuen. Diese sind ökonomisch gezwungen, einem immer menschenfeindlicherem Zweck zu dienen. Insofern ihnen das gelingt, können sie auch Teile ihrer Persönlichkeit entfalten, dies auch dann, wenn eben auch unter ihrer Teilhabe die sonstige Wirklichkeit barbarische Züge annimmt. Ihre partielle Emanzipation ist nicht die der Gesellschaft, sie ist keine nachhaltige, sondern eine von den Logiken der Produktiosnweise immer bedrohte. Die Frauen in Sembène Film dagegen agieren vielmehr – wenn auch in dem beschränkten Rahmen des Dorfes – als sozusagen gesellschaftliche Individuen. Sie können bestimmte menschliche Bedürfnisse nur durchsetzen, wenn entsprechendes Verhalten verallgemeinert, also im Dorf insgesamt angenommen wird. Und es ist in jedem Moment eingebunden in ihre gesamte Lebensweise. Neues ist hier nicht ein Muster, das durch äußere Macht, Stellvertreter, Recht, Politik überhaupt eingeführt wird und nur dadurch allgemeine Geltung erlangt. Es wird vielmehr von den Collés als eigenes und zugleich gemeinsam Gelebtes begründet.

Mit dieser Haltung können die unterschiedlichsten Lebensformen auf ihre menschliche Sinnhaftigkeit geprüft, manche verworfen, andere bewahrt, verändert werden. Das ist kein auch hier im Westen häufig anzutreffendes esoterisches Beschwören vormoderner Lebensformen als Allheilmittel für die in der bürgerlichen Welt Strandenden, sondern ausgehend von konkreten Lebensverhältnissen ein produktives Verhalten zu Traditionen der eigenen Gemeinschaften wie der Errungenschaften anderer Kulturen. Keine beschränkter Blick auf das vereinzelte leidende Individuum, das, Zahlungsfähigkeit vorausgesetzt, um zum Glück zu kommen, sich nur von „bösen“ anderen Individuen befreien müsste, von Menschen, denen Schuld an seiner Misere zugeschrieben wird. Es ist keine sogenannte freien Kooperationen, denen ich mit der Androhung meiner Leistungsverweigerung meinen Willen aufzwingen oder die ich verlassen kann (wenn es finanziell möglich ist). Solche „Lösungen“ tauchen hier nicht auf. Das Maß an menschlicher Freiheit des Einzelnen wird hier von den Betroffenen in dem Maße ausgeweitet, wie es zur angenommenen, das heißt gelebten Freiheit aller Mitglieder der Gemeinschaft wird.

Von allgemeinmenschlicher Emanzipation, von Kommunismus, ist in diesem Film nicht die Rede. Die Haltung jedoch, die hier ein menschliches Fortschreiten bewirkt, das ist eine, die genau in diese Richtung treibt. Es war sehr sinnvoll, dass sich unsere Diskussionsgruppe mit dem kühnen Namen „Wege aus dem Kapitalismus“ diesen Film anschaute.

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