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Zum Hegelseminar am 14./15 November 2003

Kerngedanken Hegels: Erkenne dich selbst + Omnia ubique (Alles ist überall)

Von Uli Weiß

„Das Selbst ist hier nie das einzelne Ich, doch es ist menschlich; schlechthin uns Äußeres und äußerlich Bleibendes wird bei Hegel nicht gut behandelt … Dergleichen ist für Hegel erkenntnismäßig so gleichgültig wie die besondere Form der Nase, die ein Denker trägt. … Was Hegels gelehrte Breite offenbar möchte, ist fehlerfreie Einsamkeit des Fürsichseins – in der Welt. Hegel will also, dass das unmittelbare Subjekt verlassen werde [die bürgerliche Monade, die sich auf keinerlei ernsthafte Beziehungen einlässt, zwischen sich und die Welt das Geld setzen will und muss – UW], damit es sich als das, was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, vermittelt aussage und objektiviere.“ (Ernst Bloch, Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Aufbau-Verlag Berlin 1951, S. 33.)

„Begreifen und Geschehen sind bei dem völlig idealistischen Denker noch eines: ‚Die Bewegung‘ (des Geistes), ‚die Form seines Wissens hervorzutreiben, ist die Arbeit, die er als wirkliche Geschichte vollbringt‘.“(33)

Letzteres ist auch als eine tiefe Beschreibung kommunistischer Praxis zu lesen.

Hier wäre folgendes mitzudenken:

  1. Diese Praxis wird nicht durch fremde, äußere Zwecke vorangetrieben (Wertverwertung, Herrschaftssicherung), sondern bewusst gestaltet als Befriedigung der reichen Bedürftigkeit gesellschaftlicher Individuen in ihrer jeweiligen Wirklichkeiten (Zweierbeziehung bis Weltgesellschaft).
  2. Zentraler Punkt dieser Bedürftigkeit ist das je individuelle Streben nach Entfaltung der eigenen Schöpferkraft und dessen Bestätigung in der Bedürftigkeit der anderen Individuen, deren Interesse am freien Nutzen der von mir geschöpften Produkte. In beidem (Entfaltung und Bestätigung) bestätigen sich die kommunistischen Individuen als gesellschaftliche – mit anderen assoziierte – Wesen. Die Tätigkeit, in der diese Individuen sich selbst mit ihrer wirklichen Geschichte vollbringen, ist tatsächlich wesentlich die Bewegung des Geistes. Dies beachtend wäre der Hegelsche Idealismus genau ein diesem (kommunistischen) Prozess (und nicht dem bürgerlichen) adäquates Denken.
  3. Anders gesagt: Erst wenn die Befriedigung menschlicher Bedürftigkeit wesentlich durch Bewegung des Geistes erfolgen kann und erfolgt (wenn das Goethesche „Ein Geist für tausend Hände“ nicht mehr die notwendige Form der materiellen Produktion ist), dann wird Kommunismus möglich sowie genuss- und existenznotwendig. Dies, das „Begreifen (d. h. hier geistiges Entwerfen sowohl der materieller Produktion als auch der Gestaltung der entsprechenden sozialen Beziehungen entsprechend der Bedürfnisse frei assoziierter Individuen) und Geschehen“ als eines einheitlichen Prozesses findet in der heutigen kapitalistischen Produktionsform seine Vorläufer. Hier ist die Möglichkeit, nicht nicht die Wirklichkeit angelegt, da dieser Prozess noch immer unter fremder Gewalt verläuft, v. a. unter dem Zwang zum Geldverdienen. Es handelt sich hier – der Kapitalismus versucht mit team-work usw. latent Kommunistisches für sich zu nutzen – noch um Bewegung des geknechteten bürgerlichen Geistes. „Richtiges“ dient sozusagen noch dem Falschen, ist damit selbst noch falsch und zugleich entstehendes unverzichtbares Element eines Neuen, „Richtigen“.
  4. Genau in diesem Prozess gewinnt Hegelsches Denken sozusagen eine materielle Basis, wird der alte Gegensatz zwischen Idealismus und Materialismus gegenstandslos.
  5. Unser Problem: Den Anfang selbst praktisch gestaltend denken und umgekehrt! Das ist die Frage nach den sozialen Formen, in denen die Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden, das Noch-Nicht-Sein zum Sein. Für diese geistige Herausforderung kann das bürgerliche Denken (das auf die Arbeiterbewegung und positiv auf den Real-„Sozialismus“ bezogene marxistisch-leninistische eingeschlossen) keine Kategorien zur Verfügung stellen. Mit Gerechtigkeit usw. ist hier nichts zu machen. Unsere sich im Kreis drehenden Diskussionen zeigen: Uns fehlen offenkundig Verständigungsmittel, um das Problem des Anfangs, des Bruchs mit der kapitalistischen Form und der Kontituitäten mit bisheriger Entwicklung, also den Anfang sinnvoll kontrovers diskutieren zu können.
  6. Genau hier steht Hegel (und wie Stefan Meretz meint, nachfolgend die Kritische Psychologie). „Der Ort der größten Paradoxie Hegels liegt aber dort, wo überhaupt noch kein Ort und keine Bewegung statthat, sondern diese erst startet: im Anfang“ (22), im Übergang „vom Unsagbaren zum Sagbaren. Vom Unentwickelten zur Frucht, mittels des Treibens der ineinander aufgetretenen Widersprüche.“(23) („Sein und Nichts ist dasselbe…“) Ernst Bloch verwies seinerzeit (1949) auf die (im Verhältnis zu heute noch unentwickelte) Realität und bringt ein damals noch (nicht mehr) berechtigtes Argument gegen den Idealismus vor: Im Hegelschen Idealismus (Welt als Entäußerung des absoluten Geistes, Geschichte im Wesentlichen als ein geistiger Prozess gefasst) „verschwindet das, was jedem unmittelbar auf die Nägel brennt, was die Welt der Aktualität wie der Entscheidung ausmacht, und was aus dem noch so sehr erblühten //34 geistigen Menschsein nicht wohl abgeleitet werden kann“(33). Heute brennt die bewusste Gestaltung der eigenen sozialen Beziehungen durch sich assoziierende Individuen auf den Nägeln, das Heraus aus dem allgegenwärtigen Unterwerfen unter die tatsächlichen innerkapitalistischen Sachzwänge und nicht das, was die meisten Menschen noch immer für das dringendste Problem halten, das einigermaßen Einrichten innerhalb des Kapitalismus. (Letzteres ist weder notwendig noch menschenverträglich möglich.) Dieses bewusste Gestalten ist eben wesentlich geistige Tätigkeit.
  7. Aus letzterem und den zuvor genannten Gründen (v. a. innere Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise selbst) ist die Welt dem Hegelschen Denken sozusagen entgegengewachsen. Es kann und muss tatsächlich „Begreifen und Geschehen … eines“ werden: „‚Die Bewegung‘ (des Geistes), ‚die Form seines Wissens hervorzutreiben, ist die Arbeit, die er als wirkliche Geschichte vollbringt‘.“(33f)
  8. Karl Marx hat theoretisch das Entstehen der (ökonomischen) Voraussetzungen genau dafür vorausgesagt, dass die Menschen in maßgebend geistiger Tätigkeit ihre wirklich menschliche Geschichte beginnen können, das berühmte „Reich der Freiheit“ eröffnen. Wesentliche unverzichtbare Voraussetzung dafür war ihm eben, dass die (Lohn-)Arbeit im Kapitalismus zunehmend zur allgemeinen Arbeit (allgemeine Arbeit: hier wissenschaftsförmige Arbeit) wird.
  9. Kommunistisches Denken wäre demnach (auch) aufgehobenes, auf heutige Voraussetzungen des Kommunismus bezogenes Hegelsches, dialektisches. Ohne dieses – was Denken auch immer von sich selbst glaubt – es verbliebe wie der alte Materialismus (der Vormarxsche, siehe Feuerbachthesen) und der alte ML in bürgerlich-kapitalistischen Formen, wäre kein kommunistisches.
  10. Hegel treibt es in seinem Philosophieren selbst über seinen bürgerlichen Standpunkt hinaus. Seine Philosophie ist zugleich noch nicht (konnte dies historisch noch nicht sein) die entfaltete und selbstbewusste Kritik einer tatsächlichen bzw. absehbar möglichen Praxis. Genau das ist es, was diesen geistigen Vorläufer kommunistischen Denkens so widersprüchlich und uns so nahe macht. Bei ihm ist in anspruchsvollster Weise genau unser Problem gesetzt: im Alten den Anfang des Neuen zu denken und zu gestalten. Verstehen wir das zumindest im Ansatz bei Hegel, können wir auch entschieden leichter die noch entfaltetere Widersprüchlichkeit bei Marx erkennen. Dieser war zwei Emanzipations-Bewegungen verpflichtet, die aufeinander aufbauen sich zugleich ausschließen: a) die reale innerkapitalistischen Arbeiterbewegung, die gegenwärtig wie die Gesellschaft, zu der sie gehört, ihre emanzipatorischen Impulse verliert und b) die spätere allgemeinmenschliche kommunistische Bewegung, die heute möglich und notwendige. An Hegel und in Fortsetzung an Marx u.a. reibend, können wir uns bessere geistige Voraussetzungen für eine theoretische Kritik der eigenen WaK- und individuellen Praxis erarbeiten. Wenn wir’s denn wollen und auch noch packen.

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