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Duchrow-Thesen

Von Uli Weiß

Ulrich Duchrow wirft in seinem Buch „Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft. Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie“ (Matthias-Grünewald-Verlag 1997) Fragen auf, die unsere Suche nach Formen von Vergesellschaftung jenseits des Kapitalismus befördern könnten. Es geht im größten Teil des Buches um die materiellen und geistigen Voraussetzungen und Konsequenzen der Selbstbehauptung des kleinen jüdischen Volkes über 1000 Jahre bis etwa zu Jesus Zeiten.

Bedrängt von den damaligen Großmächten (Ägypten, Babylon, Rom) konnte sich dieses Volk nur unter folgenden Bedingungen behaupten:

  1. Vermeiden jeglichen Entscheidungskampfes mit diesen Mächten (die Niederlage wäre gewiss gewesen.)
  2. Verhindern, dass sich immer wieder im Inneren solche Herrschaftsstrukturen herausbilden, die dazu neigen sich zu dauerhaften Vasallen der Großmächte zu installieren. Das wurde unter anderem durch periodische Revolten gegen die eigenen innerjüdischen Herrschaftsstrukturen gesichert.
  3. Es wurden immer wieder Regeln des Zusammenlebens (einer spezifischen Vergesellschaftung) erzwungen, die die innere Differenzierung des Volkes in Grenzen hielten: Unter anderem alle sieben bzw. 49 Jahre Egalisierungen des Eigentums (Freisetzung/Entschuldung der in Schuldsklaverei geratenen Menschen, weitgehende Nivellierung des Eigentums)
  4. Herausbildung eines spezifischen Gottesbegriffes.

Duchrow setzt in einer wunderbaren, geradezu historisch-materialistischen Weise die dementsprechende Herausbildung des jüdischen Gottesbegriffes und die materiellen äußeren und inneren Existenzbedingungen und damaligen sozialen Kämpfe zueinander in Beziehung. Diese Denkweise, die er dabei praktiziert, ist für uns für die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus höchst hilfreich.

Wir wissen, dass dieses von Revolten getragene Ringen um die Bewahrung einer gewissen Selbstverwaltung, der Abwehr von Herrschaftsstrukturen und des damit verbundenen geistigen Ringens um Gemeinschaftsideologien letztlich verloren wurden, vielleicht richtiger gesagt, die Fähigkeit zur Konstituierung (relativ) freier Gesellschaft wurde verloren: Das römische Recht siegte. Die christliche Ideologie wurde zur Staatsreligion umgewandelt.

Mir geht es auch gar nicht darum, etwa ein ursprüngliches Christentum wieder zu mobilisieren. Aber es ist hochinteressant, gegen welche Prozesse über Jahrhunderte durchaus erfolgreich (wenn auch letztlich vergeblich) angekämpft wurde. In gewissem Sinne sind diese Kämpfe heute wieder aufzugreifen und dies angesichts der Errungenschaften der bürgerlichen Epoche mit der Aussicht auf Erfolg:

  1. Gegen die Herausbildung eines Staates des römischen Typus – heute Inbegriffe von Staat überhaupt – im Inneren bzw. gegen die vollständige Unterwerfung/Assimilation unter/in einen solchen äußeren.
  2. Gegen eine wertförmige Vergesellschaftung. Insbesondere durch die Tributpflichtigkeit (Tribut wurde durch innerjüdische Herrscher eingetrieben und an die Großmächte weitergegeben) waren die jüdischen Stämme gezwungen, in bemerkenswertem Maße nicht nur unmittelbar für die eigenen Bedürfnisse zu produzieren, sondern für einen sich ausbreitenden Markt, also für fremde Zwecke. Dies zersetzte ihre Gemeinschaftsstrukturen und bedrohte ihre Existenz als selbstständiges Volk. Es wurde unter anderem eine ganz bestimmte Form von Religiosität mobilisiert, um eben diese unvermeidbar zerstörenden Wirkungen zurückzudrängen oder zu begrenzen. Letztlich ging es um die Frage: Erfolgt die Vergesellschaftung durch die gemeinschaftliche Sorge und Arbeit für die Befriedigung gemeinschaftlich bekannter und gemeinschaftlich (Familie/Stamm) zu befriedigende Lebensbedürfnisse oder konstituiert sich Gesellschaft über das Prinzip Es-muss-sich-rechnen. Letzteres wird versinnbildlicht durch den Tanz ums goldenen Kalb bzw. ganz real durch das erzwungene Niederknien vor dem vergoldeten Standbild des römischen Kaisers (=römischen Gottes).

Genau um diese Problemfelder gehen heute unsere Diskussionen:

Duchrows Darstellung bestärkt mich in inzwischen gewonnenen Überzeugungen: Wer Wege aus dem Kapitalismus sucht, muss Formen der Aufhebung von staatlicher und wertförmiger Vergesellschaftung suchen. Es ist also – unter ganz anderen Voraussetzungen – genau dieser Kampf zu kämpfen, der damals vom jüdischen Volk geführt (und verloren ) wurde. Es gibt keinen Zugang zu einem Weg aus dem Kapitalismus, der nicht von vornherein mindestens genau diesen beiden Kriterien gerecht wird.

Duchrow, der mit seiner historischen Darstellung diese Auffassung befördert, widerspricht mir faktisch mit seinem praktisch-politischen Teil. Hier geschieht offenkundig das, was auch bei uns immer wieder zu Widersprüchen führt:

Duchrow will praktisch-politisch wirken, um wenigstens die verheerendsten Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise (die er auch so benennt) zu begrenzen. (Das nennt er antikapitalistische Politik.)

In diesem Vorhaben ist er letztlich gezwungen, auf eine politische Regulierung genau dieser Produktionsweise zu setzen, so auf eine politisch erzwungene andere Verteilung des (weiterhin kapitalistisch) produzierten Eigentums. Wenn er auf diesem Wege zukünftig die Bewahrung von Zivilisation für möglich hält (und jeder Mensch, der über die Staatsmacht wirken will, muss es für möglich halten), dann macht es durchaus Sinn, sich auf eine andere Weise als ich sozusagen auf die Kämpfe der frühen Christen zu beziehen. Er holt daraus (genau das ist für mich nicht überzeugend) die Vorstellung, dass den barbarischen Tendenzen der Staats- und Wertförmigkeit eine geistig-moralische Grenze gesetzt werden muss und auch gesetzt werden kann. Er setzt auf Religiosität der Art der frühen Propheten (gegen die der Priester).

An anderer Stelle habe ich begründet, warum m.E. angesichts des erreichten Niveaus der kapitalistischen Vergesellschaftung solche Versuche seiner Zvilisierung zukünftig fehlschlagen müssen. Mit Marxschen Worten: Es geht heute nicht mehr um partielle Emanzipationen, sondern um die allgemeinmenschliche. Es geht nicht mehr darum (was Geschichte gemacht hat), die kapitalistische Gesellschaft durch Kämpfe im Rahmen ihrer Grundinstitutionen einigermaßen zu zivilisieren, sondern darum diese aufzuheben.

Jeder Schritt zur Bewahrung von Menschlichkeit bedeutet heute, unmittelbar dem kapitalistischen Ganzen ein neues Ganzes, also neue Formen von Vergesellschaftung entgegenzusetzen, d. h. Keimformen einer neuen Gesellschaft zu konstituieren. (Hier verweise ich wieder auf „Empire“ und unsere Diskussion.) Das bedeutet: Tätigkeiten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, die nicht über Staat/Kapital/Wert vermittelt sind.

Widerstandsaktionen, die das nicht als eine Bedingung ihrer Existenz praktizieren, haben selbst im Falle des unmittelbaren Erfolges keinen antikapitalistiscen Charakter. Wenn sie etwa eine staatliche Unterstützung für bestimmte Projekte erzwingen, unterwerfen sie sich faktisch den Ursachen und Existenzbedingungen der von ihnen bekämpften Wirkungen, verschieben so die asozialen Wirkungen auf andere gesellschaftliche Bereiche.

Noch einmal: Diese Logik gilt nur dort, wo einer weiteren kapitalistischen Entwicklung keine zivilisatorische Potenz mehr innewohnt, wo in die Wert- und Staatsförmigkeit also auch durch keine Klassenkämpfe kein menschlicher Fortschritt mehr hineingepresst werden kann. Wer dies dagegen für möglich hält, braucht nicht nach Wegen aus dem Kapitalismus zu suchen, sondern nach Wegen zur Fortsetzung des Ringens um die Zivilisierung der bürgerlichen Gesellschaft. Wäre dies eine realistische Option, ich würde sofort mittun, denn dann ginge es gar nicht wie Duchrow titelt um Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft. Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie. Dann ginge es wie bisher seitens der Arbeiterbewegung und des Real-„Sozialismus“ auch weiterhin um Alternativen innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft bzw. der bürgerlichen Epoche.

Dann ist allerdings die Berufung auf ein frühchristliches revolutionäres Ringen gegen den Tanz ums goldene Kalb und gegen das Niederknien vorm vergoldeten Vertreter des römischen Staates auch nicht gerechtfertigt. Dann haut der Bezug auf die damalige revolutionäre Religiosität nicht hin – die Herausbildung eines Gottesbegriffes – der rational nachvollziehbar eine weitgehend auf Selbstverwaltung gründende Gemeinschaftlichkeit geistig sichert.

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